HOME

Herr Katze, wie lebt's sich so mit Depressionen?

Was machen Depressionen mit Menschen? Sie lassen sie Verrücktes tun, weil ihnen Normales vollkommen verrückt erscheint... Kabarettist und stern-Blogger Tobi Katze weiß wovon er spricht - sein neues Buch ist schon jetzt ein Bestseller.

Tobi Katze tippt sich an den Kopf

Gestatten: Tobi Katze. Seit 2012 hochoffiziell verrückt. 

Es gibt Dinge, die kann man nachempfinden, ohne sie selbst erlebt zu haben. Wie es sich anfühlen muss, im Lotto zu gewinnen etwa. Und es gibt Dinge, die man nur versteht, wenn man sie erlebt hat. Depressionen zum Beispiel. Meist stellt man sich daher behelfsmäßig etwas unfassbar Trauriges vor. Vielleicht den der Oma. Oder schrecklichen Liebeskummer. Oder noch besser beides zusammen. So irgendwie wird sich das schon anfühlen. 

Oder auch nicht. "Ich bin nicht traurig", sagt Tobi Katze. Dabei sagte ihm sein Psychologe 2012, er habe Depressionen. Fortan war er also "hochoffiziell verrückt". Doch die Vorstellung, dass er ein trauriges Gesicht zieht und heult, sobald keiner hinschaut, ist ebenso unsinnig wie der Tipp, doch einfach mal zu lachen.

Am Lachen scheitert's bei Tobi Katze ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil: er ist ein ausgesprochen lustiger Kerl. Er verdient damit sogar Geld: Stellt sich auf Bühnen und haut das Publikum um. Und schreibt dazu noch ungemein Lustiges über seine "verrückte" Krankheit. Sein Buch "Morgen ist leider auch noch ein Tag" ist gerade zum Bestseller geworden. Was andere schwer nehmen, nimmt er zwar nicht leicht, aber mit Humor. Wie in einer nervigen Beziehung, lässt es sich so ganz gut mit ihr aushalten, der Depression.

Außerdem: Wenn man lacht, dann lassen die Menschen einen in Ruhe, sagt er. Und vielleicht geht es genau darum, wenn man mit einer Depression zusammen lebt: Versuchen nicht aufzufallen, versuchen zu funktionieren und um alles in der Welt normal zu sein. Und nicht an solchen Kleinigkeiten wie sich selbst zu scheitern.

Dann sei doch einfach normal!

Doch wie schwer kann es denn sein, normal zu sein? Wie schwer ist es, sich zu duschen? Seinen Pudding nicht im Bett zu kochen? Den Wäscheberg wegzuräumen? Die Eltern anzurufen? Rauszugehen? Ein Sozialleben zu haben?

Schwer bis unmöglich, wenn das alles bedeutet, dass man dafür das Bett verlassen muss. Und das geht jetzt grad echt nicht. Denn da liegt dieser Teller im Bett und auf ihm diese Krümel, die man erst noch anstarren muss, bis sie sich auflösen. Und das kann dauern. Stunden, Tage, Wochen. "Ich liege, mal wieder, und ich würde wirklich gerne behaupten, ich täte das nur, um bei dem Teller nach dem Rechten zu sehen",  schreibt Tobi . "Stimmt natürlich nicht, ich liege einfach ohne Grund angezogen im Bett herum." Damit es nicht langweilig wird, starrt er zur Abwechslung auch mal die Tapete an. Raufaser. "Irre Action für die Augen." ... "Die Zeit, sie vergeht so schnell, wenn man sich gut amüsiert ..."

 Amüsant ist eines der Worte, die das beschreiben, was Tobi Katze schreibt. Scharf, ironisch, schlau die anderen. Schlechte Gefühle bleiben beim Lesen trotzdem nicht aus. Schwindelgefühle sind das. Ausgelöst durch den abwärtsbrausenden Strudel, in den sich das "Perpetuum mobile permanenter Frustration" schraubt: "Ich fühle mich scheiße, weil ich nicht aufstehen kann, und ich kann nicht aufstehen, weil ich mich deswegen scheiße fühle." 

Aber noch bevor man zu nah an das Gefühl kommt, wie sich eine Depression anfühlen muss - diese elendige Sinnlosigkeit, dieses Umsichselbstdrehen, dieser Teufelskreis! - hat Tobi Katze einen schon wieder in die Normalität zurückgeholt. Mit einem Witz. Einfach mal lachen. In diesem Fall hilft's.


Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity