Transplantation Das neue Gesicht des Herrn Li


Die Attacke eines Bären entstellte ihn, nun gaben Ärzte dem 30-jährigen Li Guoxing ein neues Gesicht - das Gesicht eines Toten. Drei Monate nach der erfolgreichen Transplantation zeigt sich der Chinese erstmals in der Öffentlichkeit.
Von Ellen Deng, Peking

Als Li Guoxing am 7. Oktober 2003 wie jeden Tag nach seinen Ziegen sah, fiel ihn ein Schwarzbär an. Er zerstörte zwei Drittel von Lis Gesicht; Backenknochen, Nase und Lippen wurden schwer verletzt. Die anderen Dorfbewohner aus Lajing in der chinesischen Provinz Yunnan erkannten ihn kaum noch wieder.

Obwohl der heute 30-Jährige überlebte, hatte er von diesem Zeitpunkt an in der Öffentlichkeit kein Gesicht mehr - im wörtlichen und übertragenen Sinn. Der einst gut aussehende Mann blieb fast ständig im Haus, und wenn er es einmal verließ, drehte er den Kopf zur Wand. Die Behörden baten ihn, die Umgebung der Grundschule zu vermeiden, "um die Kinder nicht zu erschrecken".

Zum ersten Mal verließ der Bauer die Berge

Lis Dorf ist arm, keine geteerte Straße führt dorthin. "Monatelang haben wir nichts von diesem Fall gewusst", sagt Zhou Dequn vom chinesischen Naturschutzbund. "Als wir davon hörten, wollten wir ihm helfen, wussten aber nicht wie. Erst im vergangenen Jahr hörten wir von der Möglichkeit einer Gesichtstransplantation."

Der Naturschutzbund nahm Kontakt auf mit dem Militärkrankenhaus Nummer acht in Xian. Naturschützer Zhou begleitete Li auf dem Weg in die 1300 Kilometer entfernte Stadt. Zum ersten Mal in seinem Leben verließ der Bauer die Berge, in denen er aufgewachsen war. Am 14. April 2006 konnte er behandelt werden. Die Operation dauerte zehn Stunden. Sein neues Gesicht ist die Organspende eines verstorbenen Patienten.

Die Gesichtstransplantation hat Li berühmt gemacht

"Li war sehr hässlich, als ich ihn zum ersten Mal sah", erinnert sich der Arzt Guo Shuzhong, der die Operation leitete. "Er hatte keine Nase, keine Oberlippe, das Zahnfleisch stand frei, er hatte die Hälfte seines Gesichts verloren." Lis Gesichtstransplantation ist die zweite weltweit nach der bei der Französin Isabelle Dinoire November 2005. Die Operation ist für Ärzte eine der größten denkbaren Herausforderungen. "Sie erfordert starke Vorstellungskraft, Beherrschung und Konzentration und geschickte Chirurgenhände", sagt der Arzt. "Auch ist es schwer, eine Gesichtsspende zu bekommen, die der Körper des Patienten annimmt, und dessen Abstoßungskräfte zu überwinden."

Die Gesichtstransplantation hat Li berühmt gemacht. Bei der Rückkehr aus der Klinik war sein Personalausweis nicht mehr gültig, da darauf sein altes Gesicht abgebildet ist. Aber die Polizei am Flughafen stellte ihm unbürokratisch sofort einen neuen Personalausweis aus.

Er sieht sich gern im Spiegel an

Jetzt präsentierten sich Bauer Li und der Arzt, der ihm ein neues Gesicht gegeben hat, im Jiaxin Grand Hotel von Yunnans Provinzhauptstadt Kunming der Öffentlichkeit. Lis neues Gesicht ist etwas geschwollen, aber er ist guter Dinge. Die Ärzte sagen, seine Heilung verlaufe gut, "er rasiert sich sogar jeden Tag." Einigen Zuschauern fiel auf, dass er sich gerne im Spiegel ansah, bevor er mit den Journalisten sprach.

Für die Familie war er wie ein Fremder

Viel aufregender als das Gespräch mit den Journalisten war das, was folgte: Das erste Treffen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach der Operation. Die Dorfverwaltung fuhr sie mit einem Jeep aus dem Wald, in dem sie leben, Li entgegen, so dass sie ihn vor den anderen Dorfbewohnern sehen konnten. Er war für sie wie ein Fremder, denn sie kannten sein neues Gesicht noch nicht. Sie versuchten, die Tränen zu unterdrücken.

Es sieht so aus, als könne Li in Zukunft ein normales Leben führen. Aber es gibt noch einige Probleme: Die neue rechte Hälfte des Gesichts ist nicht symmetrisch zur linken, die Muskelnerven müssen sich regenerieren, weitere Abwehrreaktionen des Körpers gegen sein neues Gesicht sind zu befürchten. Hinzu kommen die seelischen und ethischen Fragen. Doktor Guo sagt: "Lis Frau wird einige Zeit brauchen, sich an das fremde Gesicht zu gewöhnen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker