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Überblicksstudie Asthmasprays hemmen das Wachstum von Kindern

Kortisonhaltige Asthmasprays lindern Entzündungen in den Bronchien.
Kortisonhaltige Asthmasprays lindern Entzündungen in den Bronchien.
© colourbox.de
Asthmasprays, die Kortikosteroide enthalten, hemmen laut zwei neuen Studien das Wachstum. Kinder und Jugendliche, die es inhalieren, sind etwas kleiner als ihre Altersgenossen.

Inhalationssprays mit sogenannten Kortikosteroiden gelten als wichtigstes Mittel in der Behandlung von Asthma. Das Hormon wird mit einem Inhalator in den Mund gesprüht und gelangt von dort aus in die Bronchien und Lungen, wo es Entzündungen hemmt und Verengungen vorbeugt. Auf diese Weise schützt es Patienten vor den für Asthma typischen Atemnotattacken, die mitunter tödlich enden können. Seit einiger Zeit befürchten Mediziner allerdings, dass das bewährte Mittel nicht nur positive Wirkungen hat. Untersuchungen legen etwa nahe, dass es das Wachstum von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Zwei große Überblicksstudien bestätigen das nun: Kinder, die das Hormon täglich inhalieren, scheinen vor allem zu Beginn der Einnahme langsamer zu wachsen als Gleichaltrige, die stattdessen andere Arzneimittel oder Placebos einnehmen.

Für ihre erste Untersuchung werteten die Forscher aus Brasilien und Kanada insgesamt 25 Studien mit Patientendaten von fast 9000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren aus, die an mittelschwerem bis schwerem Asthma erkrankt waren. Einige von ihnen hatten ein Jahr lang täglich Sprays mit Kortikosteroiden verwendet, andere hatten derweilen entweder steroidfreie Arzneimittel oder Placebos verabreicht bekommen. Ein Vergleich der drei Gruppen ergab: Kinder, die das Hormonspray täglich inhaliert hatten, waren im Schnitt einen halben Zentimeter weniger gewachsen als die gleichaltrigen Probanden aus den anderen Gruppen, die innerhalb dieses Jahres sechs bis neun Zentimetern größer geworden waren. Kortikosteroide scheinen die Wachstumsgeschwindigkeit also deutlich zu verlangsamen, so das Fazit der Studie. "Allerdings scheint dieser Trend in den Folgejahren nicht stärker zu werden, sondern eher schwächer", sagt Hauptautor Linjie Zhang von der medizinischen Fakultät der Universität Rio Grande in Brasilien.

In der zweiten Untersuchung analysierten die Mediziner Daten aus 22 weiteren Studien, die sich vor allem um den Einfuss der Dosis und der genauen molekularen Zusammensetzung der Sprays drehten. Dabei zeigte sich: Höhere Dosen des eingeatmeten Medikaments beeinträchtigen das Wachstum der Kinder offenbar geringfügig stärker als niedrigere Konzentrationen. Welche Art von Kortikosteroid verabreicht wird - also ob Mometasonfuroat, Ciclesonid oder Fluticason - scheint aber keine Rolle zu spielen.

Wie genau diese Stoffe das Körperwachstum beeinflussen ist noch nicht vollends geklärt. Fest steht aber, dass Hormone eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Knochenaufbau und - abbau spielen. Schon frühere Untersuchungen haben ergeben, dass Kortikosteroide den Aufbau des Knochens beeinträchtigen können. "Man weiß, dass Kortikosteroide die Teilung und Differenzierung von Osteoblasten und Chrondrozyten hemmen, also von Zellen, die für die Bildung der Knochensubstanz verantwortlich sind", erklärt der Lungenexperte Christian Vogelberg von der Dresdener Klinik für Kinder und Jugendmedizin. "Außerdem scheinen die Stoffe einen Einfluss auf die Ausschüttung von Wachstumshormonen zu haben."

Verzichtbar ist das Spray trotzdem nicht

Einfach weglassen sollte man das Spray allerdings keinesfalls, betont der Mediziner. "Wenn Asthma unbehandelt bleibt, kann das zu ernsten Gesundheitsschäden führen. Zudem führt die gestörte Sauerstoffversorgung zu weitaus stärkeren Wachstumsverzögerungen als Steroide", so Vogelberg. "Un diese liegen nicht im Millimeter-, sondern im Zentimeterbereich." Steroidfreie Medikamente wie etwa der Wirkstoff Montelukast seien bei schwerem Asthma nicht empfehlenswert. "Das Mittel wirkt zwar auch Entzündungen und Verengungen entgegen, ist aber bei weitem nicht so effektiv wie Steroide." Tatsächlich sind Kortikosteroide laut der "Nationalen Versorgnungsleitlinie Asthma" derzeit die wirksamsten Substanzen bei der Langzeittherapie von persistierendem - also dauerhaftem - Asthma.

Auch Studienautor Zhang betont: "Im Vergleich zu den bekannten Vorzügen der Kortikosteroide ist der von uns belegte negative Effekt minimal. Sie können Asthma nicht nur wirksam unter Kontrolle bringen, sondern gewährleisten auch, dass die Lunge sich gesund entwickeln kann". Die Studienautoren empfehlen Ärzten deshalb, asthmakranken Kindern weiterhin Kortikosteroide zu verschreiben - allerdings die geringstmögliche Dosis.

Insgesamt bemängeln die Forscher, die Datenlage zur wachstumshemmenden Wirkung dieser Stoffe sei unzureichend. "Nur 14 Prozent der von uns untersuchten Studien hat das Wachstum der asthmakranken Probanden überhaupt systematisch und über einen längeren Zeitraum als ein Jahr hinweg erfasst - das ist äußerst bedenklich", kritisiert Francine Ducharme von der Abteilung für Pädiatrie der Universität Montreal in Kanada. In Zukunft solle bei allen klinischen Studien mit steroidhaltigen Inhalationssprays, die länger als drei Monate andauern, auch das Wachstum der teilnehmenden Kinder erfasst und dokumentiert werden, so die Empfehlung der Wissenschaftler.

Lydia Klöckner

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