Übersicht Die neun Arten der Qual


Ob Infekt, Verspannung oder Tumor: Jede Krankheit hat ihren eigenen Schmerz. Wodurch entsteht er, und welche Medikamente helfen am besten?

Rund 700 verschiedene Präparate gegen Schmerzen sind auf dem deutschen Markt zu haben. Doch nicht alle zugelassenen Medikamente sind empfehlenswert. Einige, darunter häufig verkaufte, können über längere Zeit sogar schweren Schaden anrichten. Vor allem wer Schmerzmittel oft und lange nimmt, sollte auf die Wirkstoffe, ihre Nebenwirkungen und die angemessene Dosierung achten.

Erkältungsschmerzen

Husten, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen: Es bohrt und dröhnt, weil sich Viren im Körper tummeln und zu einer Entzündung führen. Hormone werden ausgeschüttet und verändern die Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren - man fühlt sich elend. Versuchen Sie es erst mit Bettruhe, Flüssigkeit und durchblutungsfördernden Hausmittelchen wie Fußbädern und Halswickeln, bevor Sie zu Tabletten greifen. Vor allem von Kombinationspräparaten sollten Sie die Finger lassen: Die Mischungen mit bis zu acht verschiedenen Substanzen sollten keinen Platz mehr in der Therapie banaler Infekte haben. Wirksamer und ungefährlicher sind Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol. Für homöopathische Mittel wie Ferrum phosphoricum comp, Gripp Heel, Meditonsin H, Metavirulent, Nisylen etc. gibt es zwar keinen sicheren Wirkungsnachweis. Die Präparate können aber ohne das Risiko nennenswerter Nebenwirkungen genommen werden.

Zahnschmerzen

Karies ist die häufigste Ursache für Zahnschmerzen. Sie entsteht, wenn bestimmte säureproduzierende Bakterien mit genügend Nährstoffen wie Zucker gefüttert werden und so zunächst den harten äußeren Zahnschmelz zerstören. Wird die Karies nicht vom Zahnarzt behandelt, arbeiten sich die Bakterien weiter zu den inneren Zahnschichten vor und zerstören das Dentin und die Pulpa, die die Nerven und Blutgefäße des Zahns enthält. Besonders an den Zahnhälsen, die man schwer mit der Zahnbürste reinigen kann, haben die Bakterien leichtes Spiel. Hier ist der Zahnschmelz nur dünn, sodass die Mikroorganismen gleich in das weiche, weniger widerstandsfähige Dentin vordringen können. Erst jetzt tut es weh, anfangs nur als leichtes Ziehen, wenn Kaltes oder Süßes den Zahn berührt. Haben die Bakterien die Pulpa erreicht, kann der Schmerz vorübergehend verschwinden, kehrt aber nach einiger Zeit wieder, wenn sich die Entzündung in die Zahnwurzel und das umliegende Zahnfleisch ausgebreitet hat.

Auch die chronische Zahnfleischentzündung (Paradontose) und dadurch bedingt freiliegende Zahnhälse, kräftiges Kauen, Sprünge in den Zähnen oder entzündete Nebenhöhlen können Zahnschmerzen verursachen. Wichtig ist, dass der Zahnarzt die Ursache beseitigt. Bis dahin helfen Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. Wenn Ihnen ein Zahn gezogen wird oder ein anderer chirurgischer Eingriff ansteht, sollten Sie keine Acetylsalicylsäure nehmen, da sie eine erhöhte Blutungsneigung bewirkt.

Menstruationsbeschwerden

Manche Frau kann sie nur auf dem Sofa liegend mit Wärmflasche ertragen: Auslöser der Schmerzen bei der monatlichen Regelblutung ist das Hormon Prostaglandin, das bewirkt, dass sich die Muskulatur der Gebärmutter zusammenzieht.

Gegen Unterleibskrämpfe helfen neben Wärme Extrakte aus Mönchspfeffer oder Gänsefingerkraut. Leichte Beschwerden können außerdem entweder mit ASS oder Paracetamol behoben werden, bei stärkeren Krämpfen eignen sich Ibuprofen und Naproxen.

Vermeiden sollten Sie auch hier Mixturen mit Koffein oder Kombinationen mit Chinin: Das Malaria-Mittel wirkt zwar fiebersenkend und entzündungshemmend, ist aber für die Behandlung von Schmerzen nicht sinnvoll. Der Wirkstoffmix Paracetamol mit dem krampflösenden Stoff N-Butylscopolaminiumbromid wird nur in gespritzter Form ausreichend aufgenommen. Über den Magen-Darm-Trakt zugeführte Tabletten nutzen wenig.

Kopfschmerzen

15 Prozent der Deutschen leiden unter chronischen Kopfschmerzen. Laut der Internationalen Kopfschmerz-Gesellschaft kann man 164 verschiedene Typen klassifizieren. 99 Prozent sind Spannungskopfschmerz, Migräne und Medikamenten-Kopfschmerz.

1. Spannungskopfschmerz

Mehr als zwei Drittel der Menschen in Deutschland haben gelegentlich Kopfschmerzen. Durch das krumme Sitzen vorm PC, Bewegungsmangel oder Stress verspannen sich die Muskeln im Kopf-, Nacken- und Schulterbereich. Die Schmerzen halten minuten- bis tagelang an, anders als bei Migräne verstärken sie sich nicht bei Bewegung und ziehen auch keine Übelkeit nach sich. Pillen sind nicht nötig: Gönnen Sie sich innere Ruhe, Bewegung und frische Luft. Oder probieren Sie physiologische Entspannungmethoden wie Yoga oder autogenes Training, Akupunktur, Bäder, Massagen oder homöopathische Arzneimittel.

2. Migräne

Migräne tritt typischerweise halbseitig und anfallartig auf. Neben erblichen Anlagen können Stress, Schlaf, ein unregelmäßiger Tagesablauf, Alkohol, besonders Rotwein, aber auch Nikotin, bestimmte Lebensmittel oder Hormone auslösende Reize schaffen. Meist kündigen sich die Anfälle an: Man wird lichtempfindlich, es flimmert vor den Augen, und das Gesichtsfeld ist lückenhaft. Diese Wahrnehmungsstörungen entstehen, wenn Nervenzellen gehemmt werden, die Blutgefäße dadurch ihre Spannung verändern und die Stoffe Serotonin und Prostaglandin freigesetzt werden. Entzündungen an den Blutgefäßen im Gehirn und Gefäßerweiterung sind die Folge.

Versuchen Sie herauszufinden, wodurch bei Ihnen ein Migräneanfall ausgelöst wird, und vermeiden Sie diese Reize. Bei einem akuten Anfall tut es gut, in einem abgedunkelten Raum zu liegen und den Kopf mit kalten Kompressen zu kühlen. Führen Sie ein Schmerztagebuch: Es hilft dem behandelnden Arzt, sich ein genaues Bild der Beschwerden zu machen.

Einen leichten Anfall können Sie mit ASS, Paracetamol, Ibuprofen oder einer starken Tasse Kaffee abfangen. Zu Beginn einer mittleren bis schweren Attacke hilft der Gefäßverenger Ergotamin. Das Akutpräparat darf aber weder vorbeugend noch zu lange eingenommen werden, weil durch die ständige Gefäßverengung ein Entzugs- und später Dauerkopfschmerz entstehen kann und das Medikament schnell überdosiert wird. Alternativ gibt es für schwere Anfälle die relativ neuen Triptane, auch sie helfen nur im akuten Fall. Obwohl grundsätzlich von Kombinationspräparaten abzuraten ist, gibt es in der akuten Migränebehandlung einige, die neben den Schmerzen Übelkeit und Erbrechen wirksam lindern.

Vorbeugend sollte man nur gegen Migräne vorgehen, wenn monatlich mehr als zwei bis drei Attacken auftreten, der einzelne Anfall länger als zwei Tage andauert oder von Nervenausfällen begleitet wird. Neben so genannten Betablockern stehen Kalziumhemmer und das Rheumamedikament Naproxen zur Verfügung. Es dauert jedoch einige Wochen, bis die Dosierung optimal eingestellt ist und wirkt.

3. Medikamenten-Kopfschmerz

40 Prozent der chronischen Kopfschmerzen sind durch Schmerzmittel verursacht. Diese so genannten Analgetika-Kopfschmerzen entstehen, wenn Präparate - meist Kombinationspräparate oder ständig wechselnde Wirkstoffe - zu oft genommen und die Dosis permanent gesteigert wird. Wer also über einen längeren Zeitraum täglich Schmerzpillen einwirft, empfindet irgendwann häufiger und stärkere Schmerzen als vorher. Der erneute Griff zur Tablette ist vorprogrammiert, und aus dem Teufelskreis wird schnell eine Abhängigkeit. Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen sind häufig dumpf, drückend oder pulsierend und können von Übelkeit, Kältegefühl oder Schwindel begleitet sein. Unterbrechen Sie den Teufelskreis: Setzen Sie alle Schmerzmittel ab und gehen Sie zusammen mit Ihrem behandelnden Arzt auf die Suche nach der ursprünglichen Ursache ihrer Kopfschmerzen.

Rückenschmerzen

Spitzenreiter unter den chronischen Leiden sind Rückenschmerzen. Neben den Verschleißerscheinungen von Wirbelsäule und Gelenken führen auch Knochenschwund bei Osteoporose, Verletzungen, Operationen und Missbildungen zu Schmerzen. Betroffen sind alle Strukturen des Bewegungsapparats: Wirbel, Muskeln, Gelenke, Bänder und Sehnen, verantwortlich sind meist die üblichen Fehlbelastungen und die mangelnde Bewegung im Alltag. Im akuten Fall eignen sich periphere Schmerzmittel wie ASS und Paracetamol, Ruhigstellung und physikalische Maßnahmen. Langfristig helfen Krankengymnastik, Massagen, Akupunktur, Entspannungsübungen, transkutane Nervenstimulation (Tens-Behandlung) und Muskelaufbautraining durch eine Rückenschule.

Gelenke/Rheuma

Zu Rheuma gehören etwa 450 verschiedene Krankheiten des Bewegungsapparates - betroffen sind vor allem Gelenke, das Bindegewebe und die Gefäße -, die mit einer eingeschränkten Beweglichkeit einhergehen (siehe stern spezial Gesund leben Nr. 1/2004). Bei etwa 80 Prozent der über 70-Jährigen finden sich degenerative Gelenkveränderungen.

Schätzungsweise 800.000 Menschen leiden an rheumatoider Arthritis. Bei ihnen entsteht der Schmerz, weil die Nervenfasern durch den Entzündungsprozess ständig gereizt werden. Zusätzlich sind vor allem biochemische Substanzen beteiligt, die aus dem betroffenen Gewebe selbst stammen oder in Folge der Entzündung gebildet werden. Eine Reihe von Basismedikamenten unterdrückt die chronische Entzündung, im entzündungsfreien Intervall können zusätzlich Schmerzmittel eingesetzt werden; je nach Schmerzstärke reicht das Spektrum von ASS bis Morphin.

Neuralgien

Wenn Schmerzen im Nerv selbst entstehen, spricht man von Neuralgie. Die Schmerzen sind messerscharf, einschießend und brennend, die Betroffenen reagieren häufig besonders empfindlich auf Berührungen. Virusinfektionen wie Gürtelrose oder aufgrund eines Diabetes degenerierte Nerven, schlecht durchblutete Gliedmaßen, Vitaminmangel oder chronischer Druck auf das Gewebe können den Nervenschmerz verursachen.

1. Trigeminus-Neuralgie

Bei diesem Nervenschmerz wird der Hirnnerv Trigeminus durch den Druck eines ungewöhnlich verlaufenden Blutgefäßes gereizt. Die blitzartig einschießenden, kaum erträglichen Schmerzen treten einseitig auf. Selten liegt ein Gehirntumor oder eine Multiple Sklerose zugrunde. Einfache Schmerzmittel reichen oft nicht aus, behandelt wird mit dem Epilepsie-Medikament Carbamazepin. Aber auch die Lokalanästhesie und Akupunktur werden erfolgreich eingesetzt.

2. Postzosterische Neuralgie

Wer als Kind Windpocken hatte, bekommt sie zwar kein zweites Mal, kann aber später an Gürtelrose erkranken: Das Varicella-Zoster-Virus "versteckt" sich jahrelang in den Nervenknoten des Rückenmarks, den Spinalganglien. Im Erwachsenenalter können die Viren reaktiviert werden und wandern entlang der Nervenbahn an die Körperoberfläche. Als Gürtelrose oder "Herpes Zoster" verursachen sie heftige Dauerschmerzen im Versorgungsgebiet des betroffenen Nervenstrangs. Eindämmen lässt sich die nervende Pein durch Puder, Zinkpaste oder Virusstatika wie Aciclovir.

Phantomschmerz

Phantomschmerzen sind eine Sonderform chronischer Schmerzen. Menschen, denen Gliedmaßen amputiert wurden, leiden oft unter quälenden Dauerschmerzen in dem abgenommenen Körperteil. Der Grund ist, dass die amputierte Extremität im Zentralen Nervensystem (ZNS) eine Art Gedächtnisspur hinterlassen hat. So werden im Gehirn permanent Schmerzsignale erzeugt, obwohl das entsprechende Körperteil fehlt.

Wichtig ist, neben Medikamenten auch physikalische Therapie, Akupunktur, Psychotherapie, Elektrostimulation und Nervenblockaden in die Behandlung mit einzubeziehen.

Tumorschmerzen

Jährlich erkranken in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen an Krebs. Etwa 80 bis 90 Prozent haben im Endstadium starke Schmerzen, wenn der Tumor entweder auf die Nerven drückt oder in sie hineinwuchert, Metastasen bestimmte Bewegungen behindern oder den Magen-Darm-Trakt blockieren. Auch die Nebenwirkungen einer begleitenden Chemotherapie können Schmerzen verursachen. Um die Lebensqualität von Krebspatienten zu verbessern, müssen sie eine ausreichende und individuell angepasste Schmerztherapie erhalten, die nach einem festen und kontrollierten Einnahmeplan durchgeführt wird.

Nach einem bestimmten Schema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden dabei sowohl periphere als auch im ZNS ansetzende Schmerzmittel eingesetzt (siehe Seite 38). Mäßige Schmerzen lassen sich mit ASS, Paracetamol, Metamizol sowie Nichtsteroidalen Antirheumatika behandeln. Reicht das nicht, kommen die schwachen Opioide wie Kodein oder Tilidin/Naloxon hinzu. Wirkstoffe wie Morphin, Fentanyl oder Buprenorphin gehören zu den starken Opiaten.

Werden sie therapeutisch verwendet, individuell dosiert und kontrolliert verabreicht, machen sie zwar körperlich, aber nicht psychisch abhängig. Meist werden sie als Retardpräparate verwendet: Die Substanz wird zeitlich verzögert freigegeben und wirkt über einen längeren, genau kontrollierbaren Zeitraum.

Beate Wagner print

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