HOME

Umstrittene Entscheidung: Akupunktur wird Kassenleistung

Nach sechsjähriger Modellphase ist Akupunktur in Deutschland nun als offizielle Behandlungsmethode anerkannt. Doch nur wenige Patienten sollen in den Genuss der alternativen Heilmethode auf Kassenkosten kommen.

Der Jubel bei den tausenden Anhängern der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) über die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten und Krankenkassen blieb jedoch aus. Die Entscheidung kommt für sie zu spät - und reicht nicht aus.

Denn Schmerzpatienten können sich künftig nur bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen, die länger als sechs Monate anhalten, auf Kassenkosten vom Arzt per Akupunktur behandeln lassen. Und zwar von Ärzten mit Zusatzausbildung als Teil einer umfassenden Schmerztherapie. Patienten mit Kopfschmerzen, Hüft- oder Ellbogenbeschwerden müssen die Nadeltherapie dagegen selbst zahlen.

Nach einer sechsjährigen Modellphase hatte das wichtigste Organ der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten und Krankenkassen, entschieden. Rund 10 000 Ärzte behandelten mehrere 100 000 Patienten auf Kassenkosten mit Nadeln. Für viele Patienten schien Akupunktur bereits zum Standardangebot der um Versicherte kämpfenden Kassen zu gehören. "Im Ergebnis ist das jetzt eine Einschränkung", räumte der G-BA-Vorsitzende Rainer Hess deshalb leicht zerknirscht ein.

Kritik am Studiendesign

Der Fall zeigt die Probleme, die das Gesundheitswesen mit schnellen Entscheidungen im Allgemeinen und mit alternativen Ansätzen im Besonderen hat. "Zähe Entscheidungsprozesse" unter anderem bei der Akupunktur kritisierte Barmer-Chef Eckart Fiedler. Doch im G-BA zählt nicht der Wunsch von Kassenpatienten nach im Trend befindlichen Behandlungen, sondern der Wirkungsnachweis.

Akupunktur nach Traditioneller Chinesischer Medizin ist nach dem Ergebnis der Modellphase nicht erfolgreicher als Behandlungen, bei der bewusst in als falsch bewertete Punkte gestochen wurde. Der Vorsitzende der Akupunktur- und TCM-Gesellschaft in China weitergebildeter Ärzte, Michael Germann, zweifelt aber am Studiendesign. Auch eine Nadelbehandlung bei den anderen Körperpunkten könne durchaus wirkungsvoll sein.

Ulla Schmidt will den G-BA-Beschluss "sorgfältig prüfen"

So erklärt sich vielleicht auch der zentrale Befund der G-BA- Auswertung: Beide Akupunkturformen zeigten bessere Erfolge als schulmedizinische Standardmethoden - zumindest bei Knie und Rücken. Für diese Einschränkung freilich hat Germann kein Verständnis: "Warum soll eine Akupunkturbehandlung beim Kniegelenk, nicht aber beim Hüftgelenk sinnvoll sein?" Dass bei Spannungskopfschmerzen und Migräne keine Unterschiede zur Standardtherapie festgestellt wurden, will dem Wiesbadener Akupunktur-Arzt nicht einleuchten. Der Verbraucherzentrale Bundesverband sieht in der Entscheidung rundheraus einen "Rückschritt für die Methodenvielfalt in der Schmerztherapie".

Das Bundesgesundheitsministerium hat nun das letzte Wort. Die Fachleute von Ministerin Ulla Schmidt (SPD) wollen den G-BA-Beschluss "sorgfältig prüfen", hieß es. Auch der G-BA-Kassenvertreter Rolf Stuppardt vom Bundesverband der Innungskrankenkassen bedauerte den Negativentscheid bei Migräne. Er sagte aber voraus, dass Akupunktur in einigen Jahren vielleicht doch noch in weiteren Bereichen anerkannt werden könnte. Nach möglichen weiteren Testphasen.

Sie haben Flash deaktiviert oder nicht installiert. Oder Sie benutzen ein iOS-Gerät.
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity