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Umstrittener Cholesterinsenker: Teure Kosmetik für die Blutwerte

Dreistellige Millionenumsätze erwirtschaftet in Deutschland ein Cholesterinsenker, der seit seiner Einführung umstritten ist. Er wirkt zwar auf die Blutwerte. Aber vor einem Herzinfarkt schützt er wohl nicht besser als günstige Generika. Eine neue Studie der Uni Köln zeigt, woran das liegen könnte.

Von Nina Bublitz

Cholesterinsenker werden in Deutschland häufig verordnet

Cholesterinsenker werden in Deutschland häufig verordnet

Wer viel Cholesterin im Blut hat, bekommt in Deutschland schnell ein Medikament verschrieben, das die Blutwerte wieder in Ordnung bringen soll. Weniger Cholesterin, weniger Herzinfarkte: So lässt sich die dahinterstehende Philosophie vereinfacht zusammenfassen.

Nur so einfach ist es nicht immer. Ein Beispiel dafür steht im gerade veröffentlichten Arzneimittel-Report der Barmer GEK auf einem prominenten Platz: Rang 18 der umsatzstärksten Medikamente besetzt Inegy. Es enthält zwei Wirkstoffe. Simvastatin, seit vielen Jahren auf dem Markt und auch allein schon als günstiges Generikum erhältlich, hemmt die Cholesterinherstellung im Körper. Ezetimib, der zweite, neuere Wirkstoff, hemmt die Aufnahme von Cholesterin aus der Nahrung. Mit dem Kombi-Medikament hat Hersteller MSD in Deutschland 2008 laut Arzneiverordnungs-Report 223 Millionen Euro umgesetzt. Ezetimib steckt auch als einzelner Wirkstoff in einem anderen Produkt von MSD.

Ezetimib senkt zweifelsohne den Cholesterinspiegel. Doch bis heute wurde nicht geklärt, ob der Wirkstoff die gefürchtete Arterienverkalkung stoppt und so im letzten Schritt vor einem Herzinfarkt schützt - also tatsächlich der Gesundheit nutzt und Leben verlängert. Und ob er besser ist als Simvastatin allein, das für ein Zehntel des Preises angeboten wird.

2012 werden neue Ergebnisse erwartet

In der 2008 veröffentlichten "Enhance"-Studie untersuchten Ärzte, wie sich bei Patienten mit zu hohen Cholesterinwerten die Dicke der Arterienwand binnen 24 Monaten veränderte, wenn sie entweder Simvastatin oder die Kombi beider Wirkstoffe einnahmen. Die Dicke lässt lediglich einen Rückschluss aufs Herzinfarktrisiko zu, ist also kein optimaler Messwert, aber zeigt immerhin eine Tendenz. Ezetimib wirkte in der Studie nicht besser Simvastatin. Ganz im Gegenteil: Die Messwerte waren sogar etwas schlechter. Daraus ließe sich etwas folgern, was erstmal der Lehrmeinung widerspricht: dass Ezetimib zwar den Cholesterinspiegel senkt, aber gleichzeitig die Arterienverkalkung fördert.

Ärzte erforschen jetzt, wie das möglich ist. In einer kleineren Studie der Uniklinik Köln, die im "European Heart Journal" erschienen ist, untersuchten Wissenschaftler die Blutwerte 72 gesunder Männer, die 14 Tage lang Simvastatin, Ezetimib oder beide Wirkstoffe einnahmen. Unter die Lupe nahmen sie die "Lipoproteine geringer Dichte", kurz: LDL, die gern als das "böse Cholesterin" bezeichnet werden. Denn diese Partikel können sich in die Arterienwände einlagern und zur Arterienverkalkung führen. Von diesen LDL gibt’s, um es noch komplizierter zu machen, verschiedene. Besonders "böse" sind anscheinend die kleinen, dichten LDL: Ein höherer Anteil dieser Partikel ist mit einem gesteigerten Risiko für Arterienverkalkung verknüpft. In der von MSD mitfinanzierten Studie zeigte sich, dass Simvastatin den Anteil kleiner, dichter LDL senkte, Ezetimib ihn aber erhöhte. So kann es, wenn beide Substanzen kombiniert werden, den positiven Effekt zunichte machen. "Vielleicht ist unsere neue Studie der fehlende Mosaikstein, um zu verstehen, warum die erwarteten günstigen Effekte trotz weiterer Cholesterinsenkung ausgeblieben sind", sagt die Kölner Studienleiterin Ioanna Gouni-Berthold.

Auf die Häufigkeit, mit der Ärzte den Wirkstoff verschreiben, wird sich diese kleine, an gesunden Probanden durchgeführte Studie kaum auswirken. Dies könnte erst eine Studie mit 18.000 Patienten, deren Ergebnisse 2012 präsentiert werden sollten. In der Untersuchung wird erstmals geprüft, ob Ezetimib die Häufigkeit von Herzinfarkten und Schlaganfällen verringert.

Für dieses Jahr und für das kommende wird also für eines der Top-20-Präparate in Sachen Umsatz weiter gelten, was der Arzneiverordnungs-Report schon geschrieben hat: Es "hat keinen Zusatznutzen im Vergleich zu bereits verfügbaren Arzneimitteln und ist lediglich als teures Analogpräparat zu bewerten." Verschrieben wird das Mittel offensichtlich trotzdem. Aber es wundert sich auch kaum noch jemand, warum die Kosten des Gesundheitssystems so schwer in den Griff zu bekommen sind.

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