Vogelgrippe-Impfstoff Geschäfte in Zeiten der Angst


Ratlose Wissenschaftler, drückende Haftungsfragen und fröhliche Investoren - die Probleme bei der Entwicklung eines Vogelgrippeimpfstoffes.
Von Michael Lenz, Sydney

Eine australische Firma hat einen Vogelgrippeimpfstoff zur Verhinderung der befürchteten Mensch-zu-Mensch-Übertragung entwickelt. Das Mittel könnte noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Würde eine weltweite Grippeepidemie morgen ausbrechen, könne aber auch in allerhöchstens sechs Wochen mit der Massenproduktion des Prototyps der Vakzine begonnen werden - das jedenfalls ist die feste Überzeugung der biopharmazeutischen Unternehmensgruppe CSL in Melbourne.

Die Sache mit der Massenproduktion des Vogelgrippeimpfstoffs aus dem Stand heraus hat jedoch drei gravierende Haken: Nummer Eins ist, dass der Impfstoff noch nicht alle klinischen Testverfahren durchlaufen hat. Wirkungen und Nebenwirkungen sind also nicht hundertprozentig bekannt.

Schnelligkeit vs. Schadensersatzfragen


Problem Nummer Zwei: Die wirtschaftlichen, juristischen und ethischen Aspekte, denen sich nicht nur das australische Unternehmen gegenübersieht. Wird ein nicht ausgereifter Impfstoff eingesetzt, kann sich das Unternehmen bei Pannen immensen Schadensersatzforderungen ausgesetzt sehen. CSL hat bereits Gespräche mit der australischen Regierung aufgenommen, um eine Freistellung von Haftungsansprüchen zu erreichen, sagt Unternehmenssprecherin Rachel David.
Die USA haben bereits ihre Bereitschaft erklärt, Vogelgrippeimpfstoffproduzenten vor Schadenersatzforderungen zu immunisieren.

In den USA, in Australien und auch in Europa wird auch das so genannte "Fast-Tracking" für Vogelgrippeimpfstoffe diskutiert, also die Abkürzung der üblichen wissenschaftlichen Zulassungsverfahren für Impfstoffe. Kritiker befürchten jedoch, dass in der allgemeinen Panikstimmung bedenkenlos wissenschaftliche Standards über Bord geworfen werden und der Konsumentenschutz auf der Strecke bleibt.

Das dritte Problem: Niemand kann mit Sicherheit sagen, wogegen ein Impfstoff letztlich wirksam sein muss. Eine Pandemie unter Menschen bricht dann aus, wenn das Vogelgrippevirus entweder durch Mutation oder aber durch die Fusion mit einem menschlichen Grippevirus zu einem von Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erreger wird. Es liegt aber in der Natur von unkontrollierten Mutationen oder Fusionen von Viren, dass niemand weiß, wie das neue Virus aussehen wird.

Europa setzt auf Flexibilität


Diese Unsicherheit hat zur Entwicklung grundverschiedener Ansätze bei der Impfstoffentwicklung geführt. Die Australier zum Beispiel oder auch die ungarische Firma Omninvest setzen auf einen Impfstoff, der gegen die Virusvariante H5N1 wirksam sein könnte. Tatsächlich ist H5N1 besonders aggressiv und der Hauptübeltäter in der inzwischen fast weltweiten Verbreitung der Vogelgrippe unter Hühnern, Enten, Schwänen und Zugvögeln (Australien ist noch frei von der Vogelgrippe). Die WHO empfiehlt in ihren Richtlinien zur Entwicklung eines Impfstoffes die genetischen Informationen des H5N1 als Basis zu nehmen.

In Europa habe man sich auf jedoch auf ein Konzept verständigt, das mehr Flexibilität verspreche, sagt Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, das an der Entwicklung eines menschlichen Impfstoffs arbeitet. Pharmafirmen würden eine Art Musterimpfstoff entwickeln. "In den kann dann bei Ausbrechen einer Pandemie das Antigen des tatsächlichen Erregerstrangs eingebaut werden", erläutert Stöcker. Unternehmen wie Glaxo Smith-Kline oder der Impfstoffhersteller Chiron würden diesen flexibleren Ansatz verfolgen und schon die Zulassungsanträge bei der Europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde gestellt haben. Gegen einen Einsatz von unfertigen Prototypen hat Stöcker keine Einwände. "Bei einer Pandemie hätten wir im Augenblick doch nur die Wahl zwischen nichts tun oder das zu nutzen, was vorhanden ist."

Stöcker glaubt, dass im Ernstfall in Deutschland und Europa der Aufbau der Massenproduktion eines Impfstoffs bis zu drei Monaten dauern kann, also doppelt so lange wie in Australien. Aber wie schnell es auch immer gehen mag - der ersten Virenwelle einer Epidemie werden die Menschen auf jeden Fall ohne Impfstoff ausgesetzt sein. Große Hoffnungen setzt man derzeit auf die beiden antiviralen Mittel Tamiflu und Relenza, die eine H5N1-Infektion zwar nicht verhindern, doch wenigstens die Ausbreitung des Virus im Körper verlangsamen können.

Es steht jedoch zu befürchten, dass die Mengen dieser Medikamente für eine weltweite Pandemie nicht ausreichen werden - und das, obwohl Tamiflu-Hersteller Roche die Produktion des Medikaments unlängst drastisch erhöht hat. Dennoch sind die Länder sehr unterschiedlich mit dem Präparat ausgestattet, ganz besondern Schwellenländer wie Afrika oder Indien. Aber auch die Tamiflu-Vorräte Deutschlands stehen weit hinter den vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Mengen zurück. In dessen Pandemieplan war vorgesehen für mindestens 20 Prozent der Bevölkerungen der Bundesländer Tamiflu anzuschaffen.

Tatsächlich haben viele Bundesländer aber nur rund fünf Prozent des Medikaments gelagert. Und Relenza, das zweite Medikament, das eventuell einen Schutz gegen H5N1 bieten könnte, ist in Deutschland nur zur Behandlung von Grippe zugelassen, aber nicht zur Prophylaxe.

Angst treibt die Pharma-Aktien in die Höhe


Ob Tamiflu tatsächlich die gefürchtete erste Welle einer Pandemie bis zur Herstellung eines wirksamen Impfstoffs überbrücken kann, ist jedoch ungewiss. In Asien traten bereits Tamiflu-resistente H5N1-Subtypen auf. So wird man sich während der ersten Pandemie-Welle auf Maßnahmen wie der Einrichtung von Quarantänestationen, der Abriegelung ganzer Regionen oder der Behandlung Betroffener konzentrieren müssen. Doch die erste Welle wird viele Todesopfer fordern. "Diesen Preis wird man zahlen müssen", sagt Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut, Fachabteilungsleiter für Grippeimpfstoffzulassung. Und auch Susanne Stöcker sieht den Tatsachen ins Auge: "Man kann nur hoffen, dass die erste Welle nicht so stark ist."

Das Rennen der Pharmamultis um Entwicklung und Produktion eines leicht und schnell herstellbaren Impfstoffs gegen die Vogelgrippe stimmt die Investoren fröhlich. Jede halbwegs gute Nachricht aus den Impfstofflaboren treibt die Aktienkurse der Unternehmen in die Höhe. Investmentbanken bieten bereits Anlagepakte mit Aktien der wichtigsten Impfstoffhersteller an. Als bislang einzige EU-Politikerin übt die österreichische Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat Kritik am "Geschäft mit der Angst". Bereits im Oktober warnte sie: "Es ist wichtig, keine Panik zu verbreiten, die dazu dient, die Aktienkurse gewisser Pharmafirmen in die Höhe zu treiben."

Wie ein Pandemievirus entstehen könnte

Auf vier Wegen kann aus einem "normalen" Grippevirus ein weltweiter Killer werden. "Shift" nennen Forscher die genetische Neukombination aus einem menschlichen und einem tierischen Virus.

Dazu kann es im Schwein kommen, das sich leicht sowohl mit Vogelviren als auch mit vor allem beim Menschen verbreiteten Influenza-Erregern anstecken kann. Aber auch im Menschen ist ein "Shift" möglich, wenn etwa ein Vogelvirus auf ein herkömmliches menschliches Grippevirus trifft und es zwischen beiden zu einem genetischen Austausch kommt. Verändern kann sich aber auch ein einzelner Virusstamm durch Mutation. Ein solcher"Drift"-Prozess ist im Schwein ebenso möglich wie direkt beim Menschen.


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