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Welt-Aids-Tag: Alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an Aids

Noch nie gab es so viele HIV-Infizierte wie heute: Mehr als 40 Millionen Menschen leben mit dem tödlichen Aids-Virus im Körper. Dennoch schöpfen Experten neue Hoffnung, dass sich die Epidemie eindämmen lässt.

Es gibt hier und da einen winzigen Lichtstreif am Horizont, aber von einem Ende der weltweiten Aids-Katastrophe kann keine Rede sein. Die Immunschwächekrankheit ist nach wie vor unheilbar, eine Impfung ist nicht in Sicht. Und die neuen Zahlen zu HIV und Aids, die das Aidsbekämpfungsprogramm der Vereinten Nationen, UNAIDS, präsentiert hat, sind erschreckend: 2005 hat die Zahl der HIV-Infizierten erstmals die 40 Millionen-Marke übersteigt.

Rund fünf Millionen Menschen stecken sich in diesem Jahr neu mit dem Aidserreger an, das entspricht einer Neuinfektion alle sechs Sekunden. 3,1 Millionen Aids-Kranke kommen 2005 durch das Virus zu Tode. "Der Höhepunkt der Epidemie ist noch keineswegs erreicht", sagte Jim Kim, Direktor der Aids-Abteilung der Weltgesundheitsorganisation.

Aufklärung hat Erfolg

Doch zugleich wird auch deutlich: Aufklärung trägt - auch in ärmsten Ländern - erste Früchte. Durch Aufklärung und Vorsorge scheine in Kenia, Uganda und Simbabwe der Anteil der HIV-Infizierten an der Bevölkerung leicht zu sinken, berichtete UNAIDS. "Der große Vorteil, den wir jetzt nutzen müssen, ist: Die Bereitschaft, sich testen zu lassen, ist dramatisch gestiegen, weil die Leute wissen, es gibt Behandlungsmöglichkeiten", sagte Kim.

Der Rückgang der Neuinfektionen deute auch auf eine erste Änderung des Sexualverhaltens hin, sagte der geschäftsführende UNAIDS-Direktor Ben Plumley in Berlin. Auch UNAIDS-Chef Peter Piot gab sich in Neu Delhi vorsichtig optimistisch: "Heute sind die Bedingungen erstmals so, dass wir die historische Möglichkeit haben, diese Epidemie weltweit umzukehren."

Epidemie im Zeitlupentempo

Eines sei aber nach wie vor klar, sagte Plumley: "Aids ist eine Epidemie im Zeitlupentempo, und das südliche Afrika ist das Epizentrum dieser Epidemie." Aber auch in Ost- und Südosteuropa steigt die Zahl der Infizierten drastisch an. Mehr Zusammenarbeit, weltweit und auch innerhalb der einzelnen Staaten, sei deshalb unerlässlich. Eine aktuelle, von UNAIDS zitierte Studie zeigt, dass langfristig nur eine Kombination aus Prävention und Therapieangeboten die Seuche stoppen kann.

Nach wie vor würden jedoch oft Stigma und Diskriminierung genau diejenigen Menschen ausschließen, die besonders gefährdet seien, kritisierte Jürgen Hammelehle vom Aktionsbündnis gegen Aids. Gerade für Prostituierte und Drogenabhängige sei der Zugang zu Prävention und Behandlung in vielen Ländern besonders schwer. "Der erste Schritt zur HIV-Prävention ist deshalb, diese Menschen in ihren Rechten zu stärken."

Deutsche Migranten sind besonders gefährdet

Selbst in Deutschland, wo Vorbeugung und Therapie gut verfügbar sind, gibt es deutlichen Handlungsbedarf: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist nach Angaben der Deutschen Aids-Stiftung in diesem Jahr um bis zu 30 Prozent gestiegen. Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt, dass sich bundesweit 2600 Menschen mit dem Virus angesteckt haben. "HIV/Aids ist weltweit gesehen die größte medizinische Katastrophe der Neuzeit seit Auftreten der Pest im 14. Jahrhundert", sagte RKI-Präsident Reinhard Kurth.

In Deutschland leben nach RKI-Angaben inzwischen rund 49.000 HIV-Infizierte. Etwa 31.000 davon sind Männer mit homosexuellen Kontakten. Auf diese Gruppe entfallen auch etwa 70 Prozent der Neuinfektionen dieses Jahres.

Migranten bilden mittlerweile die zweitgrößte Gruppe der HIV-Infizierten in Deutschland. "Sie werden nicht ausreichend von Präventions- und Beratungsangeboten erreicht und sind weit schlechter über HIV und Aids informiert als Deutsche", sagte Ulrich Heide, Vorstand der Deutschen Aidsstiftung. Menschen aus Osteuropa wüssten sogar noch weniger als solche aus Afrika. "Besonders erschreckend: Die Aufenthaltsdauer in Deutschland hat keinen erkennbaren Einfluss auf den Informationsstand zum Thema."

"Wir alle wissen nicht erst seit der Vogelgrippe, dass Infektionskrankheiten vor keiner Grenze halt machen", sagte Heide. Dabei gibt es allerdings einen Unterschied: An der Vogelgrippe starben in fünf Jahren so viele Menschen wie an Aids in zehn Minuten.

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