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Zähne: Tragen Sie doch mal Spange

Gerade Zähne sind nicht nur eine Frage der Ästhetik. Was bei Kindern selbstverständlich ist, hilft auch Erwachsenen: mit moderner Technik das Gebiss richten lassen.

Von Marion Schmidt

Es waren nur zwei Zähne, die Frauke Wilts das Lachen vermiesten. Die beiden Beißer neben den oberen Schneidezähnen hatten sich über mehrere Jahre so stark verdreht, dass ihre Seitenkanten von vorn sichtbar wurden. "Nicht wirklich dramatisch", fand die 27-jährige Studentin, "aber eben auch nicht schön." Und weil sie gern lacht und auch "ein bisschen eitel" ist, ließ sie sich vergangenes Jahr vom Kieferorthopäden eine Klammer anfertigen. Ein halbes Jahr lang trug sie eine feste Kunststoffspange auf den Zähnen.

Frauke Wilts ertrug die Schmerzen beim Nachstellen der Spange ebenso wie das Duzen mancher Verkäuferin, die sie mit Draht auf den Zähnen offensichtlich für einen Teenager hielt. Bis dem strahlenden Lächeln schließlich kein Zahn mehr im Weg stand. Zahnklammern sind längst kein lästiges Pubertätsübel mehr; prinzipiell lassen sich Zähne bis ins hohe Alter korrigieren. Die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie sieht sogar einen "eindeutigen Trend zur Zahnspange für Erwachsene".

Ein Erwachsender muss mehrere tausend Euro zahlen

Die meist ein- bis zweijährige Behandlung kostet mehrere tausend Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen das bei Erwachsenen nicht, außer es ist eine kieferorthopädisch-kieferchirugische Kombinationsbehandlung notwendig. Die Patienten lassen sich unter Schmerzen die Zähne verdrahten und müssen mit den "Schneeketten" lachen und essen.

Die ganze Sache ist also teuer, hässlich und tut anfangs weh. Trotzdem gibt es gute Gründe, auch noch als Erwachsener seine Zähne in Form bringen zu lassen. Das Gebiss wird ständig bewegt und belastet - beim Sprechen, Essen, Lachen, Küssen. So muss es nicht wundern, dass sich einzelne Zähne auch im Erwachsenenalter noch verschieben. Sie kippen, wandern, drehen sich, fallen aus, es entstehen meist unschöne Lücken, oder aber ein Engstand der Zähne wird verstärkt. Dadurch kommt es zu Problemen beim Beißen und Putzen.

Besonders oft betroffen sind Zähneknirscher. "Viele Zahnprobleme werden über Jahre angekaut", sagt Ingrid Rudzki, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie an der Universität München. Sie rät, Fehlstellungen möglichst früh zu behandeln: "Wenn rechtzeitig korrigiert wird, erspart man sich später viele Beschwerden." So wie bei Frauke Wilts. Als ihr Zahnarzt ihr sagte, die nach vorn verschobenen Zähne würden sich nicht wieder zurückdrehen, sondern im Gegenteil ziemlich sicher noch weiter nach vorn bewegen, hat sie schnell gehandelt.

Meist sind es ästhetische Gründe

Mehr als die Hälfte der erwachsenen Patienten beim Kieferorthopäden lässt eine Zahnfehlstellung aus ästhetischen Gründen korrigieren, ergab eine Befragung an der Universität München. Etwa jeder Vierte kommt, weil er durch schief stehende Zähne Probleme beim Kauen hat oder auch Schmerzen in Kopf und Kiefer. Die übrigen Patienten, so Ingrid Rudzki, wollen oftmals einzelne Zähne aufrichten lassen, weil sie diese brauchen, um beispielsweise Brücken besser einzugliedern.

Bevor der Kieferorthopäde loslegen kann, muss der Zahnarzt für ein gesundes, sauberes Gebiss sorgen. "Eine Kieferbehandlung ist ein Marathonlauf für das Gewebe", sagt Ingrid Rudzki, "man muss es vorher stärken." Deshalb wird erst ordentlich repariert und geschrubbt.

Abhängig davon, wie schief die Zähne stehen, wie viel man von der Spange zeigen will und wie viel Geld man ausgeben möchte, haben erwachsene Patienten mit ihren relativ fest verwurzelten Zähnen die Wahl zwischen drei Methoden.

Mit leichtem Druck die Zähne in die Reihe bringen

Das Standardverfahren sind so genannte Multibrackets; mit ihnen lassen sich selbst schwere Zahnfehlstellungen innerhalb von zwei Jahren beheben und kleinere Lücken schon nach gut sechs Monaten schließen. Dabei wird auf jeden Zahn ein Plättchen (Bracket) geklebt, durch das ein Draht gespannt und mit Gummiringen befestigt wird. Der Drahtbogen bringt mit leichtem Druck die Zähne auf die Reihe. Der Kieferorthopäde kann an jedem einzelnen Zahn Kräfte mobilisieren, um ihn gezielt bewegen zu können. Alle vier Wochen wird der Draht nachgestellt, danach schmerzen die Zähne etwa zwei, drei Tage. "In den ersten 24 Stunden passiert das meiste", sagt Bärbel Kahl-Nieke, Ärztliche Leiterin des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Brackets gibt es aus Metall, aus Kunststoff und aus Keramik. Metallplättchen sind am günstigsten und halten am besten, dafür blitzt das Drahtgeflecht beim Lachen. Keramik und Kunststoff sind weniger sichtbar, dafür ist Keramik schwerer zu entfernen, und Kunststoff verfärbt sich durch Zigaretten und Kaffee. Zudem sind diese Plättchen deutlich teuer als die aus Metall. Die Behandlung mit Metall auf der Zahnvorderfront kostet im Schnitt 5000 Euro, mit Keramik oder Kunststoff etwa 6000 Euro.

So genannte Lingualbrackets sind eine teurere, dafür aber beim Lächeln nicht sichtbare Variante, die auf der Innenseite der Zähne angebracht wird. Weil die Zunge daran stößt, spüren die Patienten sie anfangs deutlicher als die Frontspange. In den ersten Wochen fällt auch das Sprechen mit Lingualbrackets etwas schwer. Die Kosten dieser Art der Korrektur liegen bei etwa 8000 Euro.

Kein Lakritz, kein Kaugummi, keine Nüsse

Ob vorn oder hinten - Brackets müssen penibel gereinigt werden, weil sich Essensreste schnell im Drahtgeflecht verfangen. Außerdem sollte man während des Spangeneinsatzes auf harte und klebrige Nahrungsmittel verzichten, also: kein Lakritz, kein Kaugummi, keine Nüsse.

Mehr Komfort bieten durchsichtige Kunststoffschienen, auch bekannt als Invisalign, wie das US-Unternehmen Align Technology seine Methode nennt. Die Schienen können vor dem Essen oder Zähneputzen oder bei wichtigen Terminen herausgenommen werden, sollten aber täglich mindestens 22 Stunden getragen werden. Bei diesem Verfahren wird zunächst ein Abdruck des Kiefers gemacht, am Computer eingescannt und dann die Zahnkorrektur in mehreren Schritten dreidimensional dargestellt. Aufgrund dessen wird eine Serie von Schienen, so genannten Alignern, gefertigt. Der Patient wechselt im Abstand von üblicherweise zwei Wochen von einer Schiene zur nächsten, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Bei leichten Korrekturen reichen 12 bis 15 Schienen; es können aber auch bis zu 60 notwendig sein. Kosten, je nach Aufwand und Anzahl der benötigten Schienen: zwischen 5000 und 7000 Euro.

Nach anfänglicher Skepsis hat die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie ihre Vorbehalte gegen Invisalign zurückgenommen, auch wenn es nach wie vor keine Langzeitstudien dazu gibt. Allerdings empfiehlt sie die Methode nur bei leichten bis moderaten Fehlstellungen. In Deutschland haben sich nach Angaben der Firma Align Technology etwa 3500 Kieferorthopäden für die Arbeit mit Invisalign-Schienen zertifizieren lassen.

Nachts muss man einen Retainer tragen

Nach der Spange ist vor der Spange: Zur Stabilisierung der Korrektur folgt für die Patienten auf alle Verfahren üblicherweise eine Retentionsphase: Sie müssen dann nachts weiterhin einen so genannten Retainer tragen, entweder eine lose Spange oder Schiene oder aber einen kleinen, an die Zahninnenseite geklebten Draht. Das dauert mindestens sechs Monate, in vielen Fällen sogar ein Leben lang - abhängig davon, wie stark korrigiert werden musste beziehungsweise wie gut die Zähne im Kiefer verankert sind.

Auch Frauke Wilts trägt mittlerweile seit fast einem Jahr einen Retainer, der sie weder stört noch schmerzt. "Der kann von mir aus drinbleiben", sagt die Studentin, "Hauptsache, die Zähne bleiben da, wo sie jetzt sind."

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