"Die Korrekturen" Schlachtfeld Familie

Mit einem Erdbeben verglichen amerikanische Kritiker "The Corrections" von Jonathan Franzen. Möglich, dass sie auf einer Seifenoper ausgerutscht sind.

Zwei Bücher geschrieben, recht ordentliche Kritiken bekommen - und von den Lesern ignoriert worden. So startete die Karriere des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Franzen. Mit Wut im Bauch schrieb er dann ein viel beachtetes Essay, in dem er sich über den Zustand der amerikanischen Literatur beklagte und feststellte, dass es schon lange keinen großen amerikanischen Roman mehr gegeben hatte. Das war vor sechs Jahren. Jetzt hat er den Roman geschrieben. Den großen.

Behaupteten zumindest die amerikanischen Kritiker, als Franzens Roman »The Corrections« im Herbst 2001 in den USA erschien: »The big one« nannten sie das Buch, ein Begriff, der ansonsten für schwere Erdbeben verwendet wird.

Meisterwerk», «Schönheit» oder «Wunder» - die US-Feuilletons überschlugen sich. Dass der 43-Jährige den renommierten «National Book Award» erhielt, war nur Formsache. Und als Franzen im Januar zu einem Kurzbesuch in Deutschland weilte, schrieben die deutschen Feuilletonisten ebenfalls von seinem Buch als «Sensation» und vom Autor als «großem Sprachtalent».

Nun kommen »Die Korrekturen« auf deutsche Büchertische, gut zwei Kilo schwer, fast 800 Seiten lang. Die Geschichte spielt auf einem Schlachtfeld, das die meisten Leser gut kennen: in der Familie.

Es treten auf: Enid und Alfred, kurz Al, ein altes Ehepaar aus dem Mittleren Westen, ihre Söhne Gary und Chip, die Tochter Denise. Enid und Al haben eine beschwerliche Ehe hinter sich, sie ist eine Karikatur der treu sorgenden amerikanischen Mom aus den 60ern, er ein störrischer Patriarch. Al leidet an Parkinson. Schlimmer noch, eine bei Parkinson manchmal vorkommende Demenz setzt ein und beraubt Al buchstäblich seiner Sinne - deshalb möchte Enid die erwachsenen Kinder unbedingt noch einmal zu Weihnachten in ihrer fiktiven Heimatstadt St. Jude um sich haben.

Der 11. September hat in den USA die Sehnsucht nach einem behütenden Zuhause verstärkt. Die amerikanischen Kulturschaffenden setzen auf dieses Thema, konzentrieren sich aber vor allem auf die Verwerfungen, die immer dann folgen, wenn im trauten Heim Wunsch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Im Kino war mit »The Royal Tenenbaums« die komödiantische Variante des Dramas Familie zu besichtigen, der Schriftsteller Stephen Carter siedelt sein Buch »Schachmatt« in der vermeintlichen Idylle einer schwarzamerikanischen Familie an - und erhielt mit vier Millionen Dollar den höchsten Vorschuss, der je an einen Debütanten gezahlt wurde. Das Buch erscheint im September.

Auch in Franzens Roman liegen die Nerven blank: Gary, Sohn Nr. 1, beschäftigt sich beruflich mit Aktien und ansonsten mit seinen Depressionen und dem häuslichen Krieg gegen Frau und Kinder. Chip, Sohn Nr. 2, ist eigentlich Uni-Dozent, muss sich aber nach einer Affäre mit einer Studentin als Drehbuchschreiber in Manhattan durchschlagen - ohne Erfolg. Er verschwindet nach Litauen, um dort eine Internetfirma aufzubauen, mit der amerikanische Investoren abgezockt werden sollen. Tochter Denise entwickelt sich nach einigen Wirren erst zur Meisterköchin und verliert dann ihren Job, weil sie erst mit dem Restaurantbesitzer und dann mit dessen Frau schläft. Langweilig wird es in diesem Buch nicht.

Franzen hastet durch das Amerika der Jahrtausendwende, und alles, alles kommt vor: Das ländliche, konservative Amerika, vertreten durch Al und Enid und deren erschütternd heimelige Heimatstadt St. Jude - das Gegenstück findet der Leser im Manhattan des Verlierer-Sohns Chip. Börsenhype und Börsencrash werden bei Gary abgehandelt, ebenso die amerikanische Begeisterung für Psychosen aller Art. Denise bringt uns das Thema Bisexualität näher, und auf einer letzten Kreuzfahrt lernen Enid und Al Europa kennen: in Gestalt eines schwedischen Ehepaars. Kurz: Es ist zu viel. Zu viel der großen Themen, als dass auch nur eines einigermaßen vertieft werden könnte. Zu lose verknüpft die einzelnen Episoden, einen durchgehenden sinnstiftenden Handlungsfaden gibt es ohnehin nicht, vielleicht rächt es sich, dass Franzen, wie er selbst zugibt, ein Gutteil des Romans in einem Jahr hingehauen hat, »fünf Seiten jeden Tag«.

Sei's drum, könnte man sagen, immerhin ein rasantes Buch, gekonnt geschrieben. und fürchterlich konzentrieren muss man sich auch nicht. Könnte man, wenn nicht ein ganzes Heer von Kritikern festgestellt hätte, dieses Buch sei ein punktgenaues, ein »echtes« Abbild der amerikanischen Familie. Hilfe, gibt es solche Familien in den USA? Chip mit seinen litauischen Mafiakumpeln, Gary, der von seinen Söhnen mit Überwachungskameras beobachtet wird, die bisexuelle Denise, der verblödende Alfred und die Hardcore-Hausfrau Enid - alle in einer Familie? Solche Chaos-Familien gibt es nur in TV-Seifenopern, in denen der Knalleffekt Pflicht ist, damit keiner wegzappt, in denen schrille Bilder wichtiger sind als Handlung.

Nicht zuletzt einer Fernsehfrau hat Franzen seinen Erfolg zu verdanken: Oprah Winfrey, Königin der Nachmittags-Talkshows, hatte »The Corrections« in ihren Buch-Club aufgenommen, eine verkaufstreibende Ehre. Doch Franzen wollte nicht dazugehören, die Anerkennung komme aus der falschen Ecke und schade dem Buch, ließ er verlauten. Ein feiner Skandal, der dem Buch noch einmal ordentlich Auflage brachte. Franzen aber hatte vergessen, das Oprah nicht nur seine Leserin, sondern auch seine Muse war: Shows mit Themen wie »Mein Papa hat Parkinson« oder »Meine Schwester ist bisexuell« hat Oprah schon seit Jahren im Programm. Wie hatte Franzen in seinem wütenden Essay vor Jahren geschrieben: »Das Fernsehen hat die Funktion der Literatur übernommen.« Mit seinem Buch hat er bewiesen, wie Recht er hatte.

Stephan Draf


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