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9/11-Comic: Whoom! Blamm! Flamm!

Osama bin Laden, George W. Bush und die Terroristen des 11. September 2001 als Comic-Figuren, die Anschläge auf das World Trade Center als farbiger Strip - darf man das? Ein neuer Comic erzählt die Vorfälle historisch akkurat und unterhaltsam in einem.

Von Almut F. Kaspar

Um 8.46 Uhr krachte die erste Boeing 767 in den Nordturm des New Yorker World Trade Centers (WTC), um 9.03 Uhr - "WHOOOM!" - die zweite in den Südturm. 34 Minuten später raste eine Maschine der American Airlines mit einer Geschwindigkeit von 530 Meilen pro Stunde - "BLAMM!" - ins Pentagon. Um 9.59 Uhr begann der brennende Südturm des WTC einzustürzen - "R-RRUMPEL..." -, drei Minuten später bohrte sich ein Flugzeug - "FLAMM!" - in ein freies Feld bei Shanksville, Pennsylvania. Beherzte Passagiere hatten verhindert, dass es in Washington ins Capitol oder ins Weiße Haus gesteuert werden konnte. Und um 10.28 Uhr brach auch der Nordturm des WTC zusammen.

An diesem 11. September 2001 verloren 2973 Menschen ihr Leben. Noch nie zuvor hatte es bei einem feindlichen Angriff auf amerikanischem Boden so viele Tote gegeben. 19 islamistische Selbstmord-Terroristen hatten vier Flugzeuge mit Besatzung und Passagieren in ihre Gewalt gebracht, um damit Amerika ins Herz zu treffen. An einem Tag, der die Welt veränderte.

Zum fünften Jahrestag erschienen

Darf man diesen monströsen und mörderischen Terrorangriff als Comic erzählen? Mit Sprechblasen und Großlettern, die sich "SHOOM!" und "WHOOOSH!" lesen? Eindeutig: Ja. Zwei Altmeister des Genres, Ernie Colón und Sid Jacobson, hatten die Idee, den rund 600 Seiten umfassenden offiziellen Abschlussbericht der "National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States" in einem Comic-Band zu verbildlichen. Das 150 Seiten starke Buch "The 9/11 Report: A Graphic Adapation" kam im vergangenen September, zum fünften Jahrestag der Anschläge, in Amerika heraus. Jetzt ist der packende Comic-"Report" auch auf Deutsch erschienen.

20 Monate lang hatte die parlamentarische Untersuchungskommission getagt, über 1000 Personen befragt und mehr als zwei Millionen Akten gesichtet, um die ganze Geschichte rund um die Terroranschläge des 9. September 2001 minutiös nacherzählen zu können. Die detaillierte Dokumentation ist ein Protokoll des Grauens, das auch die Versäumnisse und Fehler der Behörden auflistet. Der "9/11 Commission Report", veröffentlicht im Sommer 2004, wurde innerhalb von nur wenigen Tagen mehr als eine Million Mal verkauft.

Comic als perfektes Medium

Auch der Comic-Zeichner Ernie Colón, geboren 1931 in Puerto Rico, las damals den Bericht - gab aber vorerst auf Seite 50 auf. "Ich fand es anstrengend", sagt er, "den Überblick über all diese Namen, Orte, Ereignisse und Zeiten zu behalten." Und überlegte, wie er die komplexen Zusammenhänge mit dem Zeichenstift entzerren könnte. "Für mich war der Comic das perfekte Medium, um den Wust der Akteure und Ereignisse zu veranschaulichen." Colón, der jahrzehntelang für Marvel ("Spiderman") und DC Comics ("Wonder Woman") gezeichnet hatte, konnte seinen alten Freund und Kollegen Sid Jacobson für das Vorhaben begeistern.

Jacobson, heute 77, hatte als Manager und Chefredakteur bei Harvey Comics etliche Comic-Figuren wie Richie Rich erfunden. Dem war sofort klar, "wie Ernies Idee realisiert werden könnte: als visuelle Zeitleiste". Das Veteranen-Duo versuchte, den "9/11 Commission Report" visuell zu übersetzen, die wichtigsten Passagen des "Reports" in Schriftleisten und den Sprechblasen der Comic-Akteure zu kondensieren. Bevor er anfing zu zeichnen, studierte Ernie Colón Tausende von Fotos vom 11. September, "was manchmal kaum mehr zu ertragen war". Sid Jacobson sagt: "Wir hatten eine Art graphischen Journalismus im Sinn, denn mit dem Zeichenstift kann man über die Begrenzungen der Fotografie hinausreichen."

Originalgetreue Rekonstruktion

Herausgekommen ist ein ganz und gar einzigartiges Werk - ein atemberaubender Mix aus Comic-Passagen mit Thriller-Qualität, beeindruckenden und bis ins Detail ausgetüftelten Info-Grafiken, genauen Zeittafeln, Landkarten und eingestreuten Schriftleisten und Erklär-Texten. Nicht nur die Terroranschläge werden von Anfang bis zum Ende protokolliert, berichtet wird auch, woher die Attentäter kamen, was Mohammed Atta, Marwan Al-Shehi oder Ziad Jarrah in Hamburg machten und wer wann welche Rolle spielte. Es wird erzählt, wie die Sicherheitsbehörden des Landes auf die entsetzlichen Attacken reagierten und welche Fehler gemacht wurden. Wie der Terrorfürst Osama bin Laden aufstieg und die Organisation Al Kaida aufbaute. Und welche Konsequenzen US-Präsident Bush aus dem Drama zog. "Jedes Wort ist original aus dem 9/11-Report", sagt Sid Jacobson, der das Buch - "und da spreche ich auch für Ernie Colón" - für "das wichtigste Projekt unserer Karrieren" hält.

Das Vorwort zum Comic-"Report" haben Thomas H. Kean, damals Vorsitzender der 9/11-Kommission, und sein Stellvertreter Lee H. Hamilton geschrieben. Es sei ihr erklärtes Ziel gewesen, "die Geschichte des 11. September so zu erzählen, dass die Menschen sie verstehen". Deshalb begrüßten sie es, mit diesem Buch eine neue Leserschaft ansprechen zu können. Jacobson und Colón hätten sich "eng an die Ergebnisse und Empfehlungen, den Geist und den Ton des Originalberichts gehalten".

Noch mehr dürften sich Sid Jacobson und Ernie Colón über dieses Lob gefreut haben. "Noch nie zuvor habe ich etwas gelesen, das eine derartige Klasse besitzt und so überzeugend geschrieben und illustriert ist", schwärmt Stan Lee, "an diesem Buch muss sich künftig jedes Werk über zeitgenössische Geschichte messen lassen, und es sollte in Schulen und Bibliotheken zur Pflichtlektüre werden."

Stan Lee, heute 84, ist nicht irgendwer, sondern einer der wenigen unumstrittenen Stars der amerikanischen Comic-Kultur, genialer Erfinder von so weltberühmten Figuren wie "Spiderman", "Hulk" oder "X-Men".