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Arabische Literaten: Ihr Stern leuchtet in der Heimat nur schwach

Obwohl die arabische Welt auf eine Jahrhunderte alte literatische Tradition zurückblicken kann, haben zeitgenössische Romanautoren einen schlechten Stand.

Wer als Romancier oder Lyriker in der arabischen Welt lebt, braucht eine hohe Frustrationstoleranz. Denn allein zum Vergnügen liest zwischen Rabat und Damaskus nur eine verschwindend kleine Minderheit. Obwohl das Arabische die Muttersprache von weltweit rund 250 Millionen Menschen ist, erreichen selbst Romane relativ bekannter Autoren in arabischer Sprache nur sehr selten eine Auflage von mehr als 3000 Exemplaren. Zum Vergleich: Martin Walsers Roman "Der Lebenslauf der Liebe" hatte eine Startauflage von 100.000 Exemplaren. "In Ägypten liegt die Zahl der Konsumenten von Literatur wohl irgendwo zwischen einem und zwei Prozent der Bevölkerung", meint der Präsident des arabischen Verlegerverbandes, Ibrahim el Moallem.

Exilautoren haben mehr Erfolg

Besser geht es allein einem halben Dutzend arabischer Autoren, die im Exil leben und die mit ihren Büchern in Englisch, Französisch oder Deutsch ein größeres Publikum in Europa ansprechen. In der arabischen Welt sind einige von ihnen, wie etwa der in Deutschland so populäre Erzähler Rafik Schami aus Damaskus, allerdings kaum bekannt. Manche Schriftstellerkollegen in der alten Heimat behaupten sogar, die "Exilanten" seien "verwestlicht", bedienten Klischees vom exotischen Orient und hätten kaum noch Bezug zur arabischen Realität. Der ägyptische Literaturkritiker Gaber Asfour ist da allerdings ganz anderer Meinung: "Für mich gehören Schriftsteller wie (der in Paris lebende Marokkaner) Tahar Ben Jelloun oder (die Ägypterin) Ahdaf Soueif trotz der anderen Sprache auf jeden Fall zur arabischen Kultur, denn aus dieser schöpfen sie ihre Inspiration."

Der Roman kam erst spät nach Arabien

Traditionell kommt der Lyrik im arabischen Raum eine große Bedeutung zu. Der Roman ist dagegen eine relativ neue Erscheinung. Der erste arabische Roman, "Zeinab" von Mohammed Hussein Heikal, wurde 1913 veröffentlicht. Eine weitere Besonderheit der arabischen Literaturszene ist der hohe Anteil politisch engagierter Autoren, wobei die Auseinandersetzung mit dem Palästina-Konflikt eine zentrale Rolle einnimmt.

Erstes Hindernis für die arabische Literatur ist die hohe Zahl von Analphabeten. Zwar haben viele Staaten in den vergangenen Jahrzehnten enorm aufgeholt. Doch in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land, können nach offiziellen Angaben 12 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen überhaupt nicht lesen.

Hinzu kommt die literaturfeindliche Einstellung islamischer Fundamentalisten, die in einigen Staaten seit Anfang der 90er Jahre stark um sich greift. Für diese Menschen ist das Lesen nicht- religiöser Bücher Zeitverschwendung und im schlimmsten Fall sogar eine Sünde.

Islamisten bedrohen immer wieder Autoren

Eine weitere Hürde sind Zensur und Selbstzensur, wobei sich die Themen, die Autoren Ärger oder sogar Verfolgung einbringen können, geändert haben. War es in den 60er und 70er Jahren noch in der gesamten arabischen Welt die Kritik am jeweiligen Regime, so sind es in einigen Staaten der Region heute vor allem religiöse Fragen und Sexualität. Wegen vermeintlicher Gotteslästerung in einem seiner Romane wurde Nobelpreisträger Naguib Mahfus von Fanatikern in Kairo niedergestochen. Weitere Beispiele für den Einfluss der Islamisten sind der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, der von seiner Frau zwangsgeschieden wurde und ins Exil flüchtete, oder der syrische Romanautor Haidar Haidar. Er wurde 2000 zum Opfer einer Kampagne ägyptischer Islamisten, die Protestmärsche organisierten, da er ihrer Meinung nach in einem seiner Bücher den Islam verunglimpft hatte.

Dafür ist das Risiko, wegen eines Buches, in dem es um Korruption, soziale Missstände oder unfähige Regierungsbeamte geht, im Gefängnis zu landen, heute zumindest in Ägypten nicht mehr groß wie früher. "Als (Romanautor) Sonallah Ibrahim letztes Jahr in Kairo vor großem Publikum verkündete, er lehne die ägyptische Regierung ab und wolle von ihr deshalb keinen Preis annehmen, ging er als freier Mann nach Hause. Das wäre sonst höchstens in Libanon oder vielleicht noch in Marokko möglich", meint der Kritiker Gaber Asfour.

Neben den großen staatlichen Verlagshäusern gibt es in der arabischen Welt inzwischen zwar auch zahlreiche private Verlage, doch das Verhältnis zwischen Autoren und Verlegern ist nicht immer sehr innig. So entschloss sich der ägyptische Kinderbuchautor Nazih Girgis vor einigen Jahren, seine Bücher selbst zu verlegen. "Die meisten ägyptischen Verleger wollten mir 1000 Pfund (rund 135 Euro) in die Hand drücken und dann alle Rechte für sich behalten", sagt er.

Anne-Beatrice Clasmann, DPA / DPA