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Bestsellerautorin Stephenie Meyer: Vampirgeschichten am Wickeltisch

Was passiert, wenn eine Mutter von drei Kindern zwischen Windeln und Schwimmkurs von Vampiren träumt? Sie schreibt den Traum auf und verfasst eine prickelnde Romanserie. Stephenie Meyer hat es geschafft, von der amerikanischen Peripherie aus die weltweiten Bestsellerlisten zu erobern.

Von Marina Kramper

Zwischen Windelwechseln und Schwimmkursvorbereitung bleibt wenig Raum für Kreativität. Und so musste die Amerikanerin Stephenie Meyer aus einem Traum erwachen, um auf die große Idee zu stoßen, die ihr Leben verändern sollte: "In meinem Traum hatten zwei Menschen ein intensives Gespräch auf einer Lichtung im Wald. Sie war ein gewöhnliches Mädchen. Der junge Mann war fantastisch, wunderschön, glitzernd und ein Vampir. Sie unterhielten sich über die Schwierigkeiten, die entstehen wenn sie a) sich ineinander verlieben und b) der Vampir dabei von dem Geruch ihres Blutes fasziniert, sich zurückhalten muss, um sie nicht zu töten."

Meyers Traum wurde literarische Wirklichkeit. Mit großem Erfolg: Gerade ist Band drei in Deutschland herausgekommen; die Fangemeinde stand schon in den Startlöchern. "Bis(s) zum Abendrot" kletterte noch am Tag des Erscheinens auf Platz eins der "Spiegel Bestseller Liste" und war in vielen Buchhandlungen sofort ausverkauft. Der vierte und letzte Band erscheint im August dieses Jahres auf Englisch. 5,5 Millionen meist weibliche Leser haben die Bücher bislang weltweit verschlungen.

Von der Vorstadt-Mama zur Bestseller-Autorin

Eine derartige Erfolgsgeschichte ist alles andere als selbstverständlich, wenn man die Umstände berücksichtigt: Autorin Stephenie Meyer ist eigentlich als Mutter von drei kleinen Jungen rund um die Uhr beschäftigt. Seit über zehn Jahren ist sie mit ihrer Jugendliebe Christiaan, genannt Pancho verheiratet. Die beiden leben, wie ihre Heldin Bella, in Phoenix, Arizona. Gleich der erste Band der Serie "Bis(s) zum Morgengrauen" oder "Twilight", wie das Buch im amerikanischen Original heißt, katapultierte die Autorin aus dem Alltag einer Vorstadt-Mama direkt ins Zentrum des Medieninteresses. Parallelen zu Joanne K. Rowlings Erfolgsgeschichte mit "Harry Potter" sind durchaus vorhanden.

Doch worum geht es in diesen Vampir-Romanen überhaupt? Die Geschichte beginnt im nassgrauen Norden der USA. Die 17-jährige Isabella Swan zieht zu ihrem Vater nach Forks, ein Nest, wo es ununterbrochen regnet. Wegen des fehlenden Sonnenscheins hat sich ein Clan von Vampiren dort angesiedelt. Die sind alle um die 100 Jahre alt, stecken aber in Körpern von Teenagern fest. Vampir Edward begegnet Bella in der Highschool in Biologie beim Ermitteln der Blutgruppen und wird nahezu rasend vor Verlangen nach ihrem Blut. Die Gute fühlt nur den Hass. Trotzdem kommen sie sich näher. Klingt kitschig, ist es aber nicht. Der männliche Held ist kein Fantasy-Monster, sondern ein Mann, der die Liebe seines Lebens trifft. Ein Mann, für den Heiraten selbstverständlich und für den Liebe nicht austauschbar ist wie ein kaputter Kühlschrank.

Derartige Bücher sind ganz bestimmt nicht für Menschen geschrieben, die ihren Partner "Lebensabschnittsgefährten" nennen. Stephenie Meyers Bella und Edward haben eine Fangemeinde, die sich durch alle soziale Schichten an der erotischen Spannung einer eigentlich unmöglichen Liebe berauscht.

Die großen Liebespaare der Weltliteratur

So kitschig die Handlung klingen mag: Der Zyklus ist kein Groschenroman in Vampirgestalt. Die Buchreihe zieht ihre Faszination daraus, dass die Handlung hinter der Liebesgeschichte von großen Werken der Weltliteratur inspiriert ist. Und das funktioniert auch, wenn man die Vorbilder nicht kennt. Stephenie Meyer hat sie gelesen und lässt sie als Unterrichtsstoff in der Highschool auch in der Handlung auftauchen. Heathcliff und Catherine aus "Wuthering Heights". Darcy und Elisabeth aus "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen, Romeo und Julia und der "Sommernachtstraum" von Shakespeare. Bram Stokers einsamer, aber verführerischer Vampir "Dracula" und die Ursprungsmythen des Quileute Indianer bilden den Urgrund der fantastischen Gegenwelten der Vampire und Werwölfe.

Meyer gießt diese archetypischen Stoffmuster gekonnt in die Form eines Highschoolromans. Vampir Edward besitzt die wilde Besessenheit Heathcliffs und die selbstsichere Zurückhaltung Darcys. Dabei ist er sich seiner Liebe so sicher wie Romeo, der lieber stirbt, als ohne seine geliebte Julia zu leben. Und er benimmt sich charmant wie ein Gentleman mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt und einer Vorliebe für schnelle Autos.

Die hohen Verkaufszahlen sowie die immense Aufmerksamkeit in unzähligen Internet-Fanseiten ist auch Hollywood nicht verborgen geblieben. Der erste Band der "twilight series" wird aktuell in Portland, Oregon, verfilmt. Robert Pattinson, der in zwei Harry Potter Verfilmungen den Cedric Diggory gab, wird den überirdischen Vampir Edward verkörpern - die elfenbeinblasse Geliebte Bella spielt Kristen Stewart, die in "Panic Room" in der Rolle der zuckerkranken Tochter von Jodie Foster auf sich aufmerksam machte. Filmstart ist voraussichtlich der 8. Dezember. Es wäre kein Wunder, wenn die Verfilmung ähnlich erfolgreich wird wie die Abenteuer des jungen Zauberlehrlings.