Bücher Notizen aus der Provinz


In seinem neuen Buch beschwört der Autor und Journalist Florian Illies die ländliche Idylle seiner Heimatstadt Schlitz. Hier hat der Erfinder der "Generation Golf" laufen gelernt. Der stern ist hingefahren und hat nachgefragt: Was war der Flori für einer?
Von Irmgard Hochreither und Thomas Rabsch (Fotos)

Wenn die Hauptstraße Bahnhofstraße heißt, obwohl es längst keinen Bahnhof mehr gibt, wenn auf dem Bürgersteig ein Schaukästchen vom Geflügelzuchtverein steht, in dem auf den "Schwartewurstabend" hingewiesen und zur Zucht goldhalsiger Zwerg-Kaulhühner ("mit und ohne Schopf") geraten wird, dann sind das untrügliche Zeichen: Wir sind in der deutschen Provinz. In Osthessen. Im Vogelsbergkreis.

Schlitz heißt das mittelalterliche 5000-Seelen-Städtchen mit Bilderbuchqualitäten. Kein Wunder, dass die Ufa ausgerechnet hier in den 20er Jahren den Märchenfilm "Tischlein, deck dich!" drehte. Man stolpert geradezu über romantische Motive: vier Burgen, ein Schloss, 2000 Fachwerkhäuser, hübsche kopfsteingepflasterte Gässchen, die (geschlossene) Auerhahn-Brauerei und die älteste Kornbrennerei Deutschlands. Die Leinenservietten der Lufthansa First Class kommen von hier, ebenso Angela Wepper, die Stiefschwester des amtierenden Grafen von Schlitz, die zweimal im Jahr mit Schauspieler-Ehemann Fritz im familieneigenen Mischwald auf die Jagd geht - und Florian Illies, der Autor des Bestsellers "Generation Golf".

Sein neues Werk heißt "Ortsgespräch" und ist eine leichtfüßige Liebeserklärung an seine Heimatstadt im Besonderen und an die deutsche Provinz und deren Bewohner im Allgemeinen. Der vergnügliche Spaziergang durch diesen überschaubaren Lebensraum dürfte überall zwischen Muckenschopf und Stuckenborstel einen hohen Wiedererkennungswert haben. Zwar ist der berühmte Schlitzer mittlerweile ein Berliner, aber der 35-jährige Autor wollte sich endlich als stolzes und selbstbewusstes Landei zu erkennen geben. "Es gab oft so einen verschämten Umgang mit der Herkunft aus der Provinz", gibt er im Gespräch zu, "aber je älter man wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach dem Ländlichen, Ursprünglichen." Die Zeit ist wohl reif für Heimat-Plädoyers und patriotische Zurück-zu-den-Wurzeln-Gefühle.

Und so ist in diesen Notizen aus der Provinz auch kein Platz für düstere Bilder und boshafte Enthüllungen. Der nostalgische Blick lässt den Autor schwelgen in Baggersee- und Schäfer-Romantik, in Erinnerungen an schrullige alte Tanten, willige Handwerker, runde Geburtstage mit Buttercreme-Torte und an den Farbfleck auf dem Teppichboden in seinem Zimmer, der Zeugnis ablegt von einem misslungenen künstlerischen Experiment: Gymnasiast Illies hatte versucht, mittels selbst gemischtem Yves-Klein-Blau und Pinsel den nackten Körper einer gewissen Ann-Charlotte in ein Kunstwerk zu verwandeln.

Zur Schlitzer Geschichte gehört auch eine Anekdote aus Adelskreisen. Und die geht so: Kaiser Wilhelm II. habe es einst nicht nur auf die Auerhähne im gräflichen Forst abgesehen, sondern auch auf die portugiesisch-brasilianische Gemahlin des Grafen Emil. Die feine Dame habe den Kaiser einst am Bahnhof mit einem feierlichen "Willkommen in meinem Schlitz" begrüßt. Seitdem sei sie bei der Bevölkerung "unten durch" gewesen.

Auf der Suche nach

der heiteren, heilen Welt des Florian Illies landen wir vor der handtuchschmalen Buchhandlung, direkt am mittelalterlichen Marktplatz. Im Schaufenster sind die Werke von Bonhoeffer dekoriert. Drinnen verkauft Inhaberin Marianne Zuber auch "Das goldene Blatt" und Lottoscheine. Drei Vorbestellungen für "Ortsgespräch" hat die quirlige 73-Jährige. Und wann immer "der Florian" mal nach Schlitz komme, lasse sie sich von ihm die Bücher signieren. Jetzt hofft sie nur, dass keiner sich nach der Lektüre bei ihr beschwert. So wie damals, als sie einem Kunden "Generation Golf" verkauft hatte und hinterher von ihm angeraunzt wurde, was das denn "für ein Mist" gewesen sei. "Die Art, wie der Florian schreibt", sagt sie, "das ist ja auch nichts für jeden." Dann wendet sie sich Wichtigerem zu, kramt ein privates Foto hervor, auf dem ein Mann Ende 30 zu sehen ist, der neben dem Physik-Genie Stephen Hawking steht. "Mein Sohn", sagt sie stolz. "Er ist Neutrinoforscher in England und hat den Hawking in Oxford kennen gelernt." Ihre drei Kinder habe sie als Witwe allein durchgebracht, "und alle haben studiert". Das zufriedene Lächeln auf ihrem Gesicht scheint zu sagen: Schaut her, auch andere Mütter haben erfolgreichen Nachwuchs.

Etwas abseits vom alten Ortskern führt der Brüder-Grimm-Weg den Heidberg-Hang hinauf. Hier lebt Gudrun Pausewang. Auch sie Bestsellerautorin - die Verfilmung ihres Romans "Die Wolke" lief gerade im Kino -, seit 2003 Ehrenbürgerin der Stadt und ehemalige Grundschullehrerin von Florian Illies. Zum Kaffee gibt es Wildbeerenkuchen und einen malerischen Blick auf die Burg. "Man kann 20 Jahre in Schlitz wohnen und gehört immer noch nicht dazu", sagt die herzliche ältere Dame, die vor fast 25 Jahren hierher zog. Sie habe das Gefühl, dass man sie und ihre Arbeit anerkenne. "Aber heile Welt? Die gibt es hier nicht. Es fehlen Tugenden wie Mitgefühl und Zivilcourage. Es gibt Selbstmord, Drogendelikte, Fremdenfeindlichkeit, wie überall."

Dass ihr ehemaliger Schüler

über all dies kein Wort verliert, wundert sie nicht. Sie sieht in dem jungen Kollegen wohl eher den Gagschreiber und Wortakrobaten. Seine "Anleitung zum Unschuldigsein" habe sie gelesen. "Er kann mit Sprache umgehen", urteilt sie, "aber man merkt eben, dass er ein privilegiertes Leben geführt hat. Sein Vater war Leiter des Max-Planck-Instituts für Gewässerforschung, galt als der ungekrönte König von Schlitz. Da waren drei ältere Geschwister und er als das verwöhnte Nesthäkchen. Als wir ein Märchen für das Schülertheater einstudiert haben, war es völlig klar, dass Florian den Part des Königs übernehmen musste. Etwas anderes wäre gar nicht infrage gekommen." Ihr Herz aber hänge vor allem an den Schülern, die sich aus einem schwierigen Umfeld hochgestrampelt haben. Kinder aus geschiedenen Ehen, aus ärmlichen Verhältnissen. Es flöße ihr Respekt ein, "wenn die es schaffen, sich aus dem Sumpf zu ziehen".

Wenn Ende September nach 25 Jahren das erste Klassentreffen der Grundschule im Nebenraum des Gasthofs Habermehl stattfindet, bekommt der Wahlberliner Illies die Chance, sich mit den Daheimgebliebenen über das wahre Leben auszutauschen. Mit Bernd Heil zum Beispiel. Der 35-jährige Elektroinstallateurmeister stand einst, genau wie Illies, im Fußballtor. "Es gab damals eine Ober- und eine Unterstadtbande", erzählt er, "Florian gehörte zur Oberstadt. Er war ein ganz guter Torwart. Wir haben uns immer zu Keilereien im Wäldchen verabredet. Aber es ist selten was Schlimmes passiert."

Anja, die Organisatorin des Klassentreffens, würde sich freuen, wenn ihr einstiger Schulbanknachbar Florian auch käme. "Er war lustig, nett und hilfsbereit", erinnert sie sich, "und im Diktat war er sehr gut. Das war mein Glück, er hat mich immer abschreiben lassen." Die 36-jährige Inhaberin eines Kosmetikstudios und engagierte Helferin bei der Freiwilligen Feuerwehr hat eine 18-jährige Tochter und ist in zweiter Ehe mit dem Polizeioberkommissar Klaus Uhlich verheiratet, einem Witwer mit drei Kindern. Sie epiliert Schlitzer Damenbeine, er rasiert Ladendiebe, Räuber, Einbrecher und seit jüngster Zeit auch vermehrt Graffiti-Sprayer. "Der letzte Mord", sagt er, "geschah Ende der Achtziger. Eine Beziehungstat. Der Betrogene hat den Nebenbuhler umgebracht."

Bis ins 19. Jahrhundert existierte im "Herrschaftlich Schlitzischen Landes- und Gerichtsbrauch" die "Denuntiationspflicht". "So was prägt", meint Klaus Busse, Lokalredakteur beim "Schlitzer Boten". Bei der Heimatzeitung hat Florian Illies als 15-Jähriger mit Berichten über Vereinsfeste und Geflügelzüchter seine Schreiberkarriere begonnen. "Die Schlitzer sind eigen", so Busse, "sie bohren so lange nach, bis sie ganz genau wissen, was beim Nachbarn geköchelt wird."

Doch was die Schnelligkeit der Nachrichten- und Gerüchteübermittlung betrifft, habe er, der Zeitungsmann, gegen die Bäckersfrauen und Postboten keine Chance. Jetzt sei natürlich das neue Buch vom Illies das Ortsgespräch. Aber wie immer, wenn es einer zu was bringt, sei man auch hier am Ort geteilter Meinung über den Autor. "Die einen finden ihn toll, andere überheblich." Ernst Decher, der 92-jährige freie Mitarbeiter, der seit 70 Jahren für seine Zeitung über Leichtathletik und Historisches berichtet, sagt, "der Florian, der schreibt ja ganz schön flapsig".

In der einzigen Cocktailbar der Stadt, die immerhin von Donnerstag bis Samstag geöffnet hat (Happy Hour: 21 bis 23 Uhr), hockt ein Häuflein Teenies. Die zukünftige "Generation Praktikum" sitzt bei Caipirinhas und Tequilas, hört Boney M. und träumt von irgendeinem anderen Ende der Welt. Melanie will nach dem Abitur nach Sydney, Australien. Auf jeden Fall weg aus "Hessisch-Sibirien". Von der ländlichen Idylle sind wohl vor allem jene fasziniert, die nicht in ihr leben.

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