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Charlotte Roche bei Markus Lanz In drei Sekunden vom Blowjob zum Tod der Brüder


Für ihren Roman "Schoßgebete" ist Charlotte Roche auf medialer Ochsentour. Das Ergebnis bei "Markus Lanz" im ZDF: Ein erwartbares Tête-à-Tête zwischen Po-Sex, Poesie und therapeutischem Tourette.
Von Ingo Scheel

Wie es so ist, wenn Frau Roche ihren literarischen Erguss vorstellt, weiß Markus Lanz, Talk-Gastgeber im ZDF, nur zu gut. Als die Moderatorin-goes-Autorin vor drei Jahren ihren Erstling "Feuchtgebiete" bei "Kerner" vorstellte, war Lanz schon mittendrin, statt nur dabei. Er war ebenfalls zu Gast in der Sendung. "Das Buch hat mich weder amüsiert, noch war es große Literatur", bekundete er damals.

Dem zweiten Wurf der erneuten Bestseller-Anwärterin nun scheint Lanz wohlgesonnener gegenüber zu stehen. Mit Freudentröpfchen im Mundwinkel, gleich einem Pennäler, der einen Tag lang im Unterricht ungestraft Pippi und Kacka und Sack, Titten und Eier sagen darf, erkundet der Talk-Gastgeber erst einmal die, nun ja, Feuchtgebiete der "Schoßgebete". Und liest eine der expliziten Stellen aus dem vorderen Teil des Buches in epischer Breite vor.

Giggeln, Grinsen, Glucksen

Die Kamera misst dazu die Ausschläge auf der nach unten offenen Kicher-Skala in den Reihen der Zuschauer. Lange suchen muss sie nicht. Das Publikum grinst und giggelt und gluckst, als hätte es sich auf der Fahrt zur Aufzeichnung mit C90-Cassetten von Fips Asmussen oder Günter Willumeit in Stimmung gebracht. Das Rückgrat der Charlotte Roche bricht das nicht, im Gegenteil. Gewohnt locker parliert sie übers Blasen, über bumsende Bonobo-Affen und Sex als Gegenmittel zum Tod.

Sie sei nun mal eine Rampensau, hatte die Roche zum Gastgeber gesagt. Vor der Aufzeichnung. Lanz lanciert es mir nichts, dir nichts in der Sendung. Man ist ja unter sich. Und schneller als Norbert Blüm, auch zu Gast im ZDF-Talk, das Wort "Rente" sagen kann, ist man plötzlich beim nächsten Tabuthema im Po-Sex-und-Poesie-Panoptikum von Madame Roche. Eben noch Eier-Massage, jetzt schon Massenkarambolage. Eros raus, Empathie rein - beim Lanz geht das mittlerweile schneller als beim Kerner. Und das Publikum zieht ebenso professionell mit. Lachsack aus, Betroffenheits-Visage an. Von Blowjob zu Brudertod binnen drei Sekunden. Eben noch wurde übers Damm-Kraulen gescherzt, jetzt handelt man mal eben die Familientragödie der Autorin ab. Was geht in diesen Leuten eigentlich vor, fragt man sich. Der Blick in Jochen Busses Gesicht gibt die Antwort: Nichts.

Tourette, aber nett

Und so nimmt das Quasseln und Quatschen seinen elendigen Lauf, versucht Charlotte Roche einen Bogen zu schlagen vom Hausfrauen-Sex, der das Leben verlängert über den grauenhaften Unfalltod der drei Brüder am Tag ihrer Hochzeit bis hin zur Therapeutin, mit der sie am liebsten unter einem Dach wohnen würde. Denn am Ende des Tages ist doch alles nur Therapie. Tourette, aber nett. Und so erleichternd: Einfach rauslassen den Müll, damit er drinnen nicht weitergammelt. Macht hoch die Tür, das Tor macht weit für all die F-Worte, die K-Worte, den Tod, die Angst und die Sucht.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Blüm retardiert einige Minuten über sein solitäres Thema (richtig: Renten). Zwei Finanz-Experten erklären die Euro-Krise für RTL2-Gucker: Sylvia Wadha übernimmt den seriösen, der Comedian H.G. Butzko den komischen Part. Mittendrin lässt Jochen Busse die eigentliche Bombe an diesem Abend platzen: Der Komiker hat es nicht so mit Oralsex. Das gilt es jetzt erstmal zu verdauen.


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