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Charlotte Roche im Gespräch: Von Muschis und Multis

Sie schreibt über Muschi und Pipikaka, er über "Macht und Machenschaften der Multis". Auf den ersten Blick haben Charlotte Roche und Klaus Werner-Lobo wenig gemein - außer den Hang zur Provokation. Für den stern sprach Roche mit dem Autor über sein Buch "Uns gehört die Welt!".

Ich wurde vom stern gebeten, zu schildern, wie es für mich war, das Buch des Jahres 2008 geschrieben zu haben. Aber ich finde, darüber wurde bereits genug geschrieben. Deshalb möchte ich viel lieber etwas über MEIN persönliches Buch des Jahres sagen: "Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis" von Klaus Werner-Lobo, ein Buch über die systematische Ausbeutung der ärmsten Länder der Welt durch Multis und Markenfirmen. Ich wünsche mir, dass dieses Buch von sehr vielen Menschen gelesen wird. Und deswegen habe ich einen Kontakt zu dem Autor hergestellt und mit ihm über sein Buch gesprochen.

Lieber Herr Werner-Lobo, herzlichen Glückwunsch. Sie haben MEIN Buch des Jahres geschrieben. Können Sie bitte ganz kurz und ohne die Leser zu verschrecken erklären, worum es in dem Buch geht?

Eigentlich habe ich ja genau wie Sie, Frau Roche, kein Problem damit, Leute zu erschrecken. Ich bin sogar froh, wenn wir noch darüber erschrecken, wie Menschen und Umwelt für die Profite von einigen wenigen ausgebeutet werden. Mein Buch richtet sich gegen den Zynismus jener, die es normal finden, dass große und bekannte Firmen von Kinderarbeit, Sklaverei, Krieg, Umweltzerstörung und der Demontage von Demokratie und Sozialstaat profitieren. Es soll aber nicht nur wütend machen. Sondern vor allem Lust auf Veränderung, auf demokratische Mitbestimmung, Solidarität und Zivilcourage wecken.

Mich haben die Inhalte Ihres Buches sehr radikalisiert. War das bei Ihnen auch so, als Sie anfingen, sich ernsthaft mit diesen Themen zu beschäftigen?

Radikal zu sein bedeutet, den Dingen an die Wurzel zu gehen. Das war mir schon ziemlich früh wichtig, als Kind wahrscheinlich schon. Als ich 1978 ins Gymnasium kam, wurde in Österreich gerade über den Bau eines Atomkraftwerks abgestimmt. Da hat mir ein Freund, der war ein paar Jahre älter als ich, einen Stoß Papier über die Atomlobby in die Hand gedrückt, und ich habe mein erstes Referat über Atomkraft gehalten.

Wie alt waren Sie da?

Elf. Also in dem Alter, in dem man beginnt, sich seine Identität zusammen zu basteln. Und mit jedem, vor allem natürlich mit Eltern und Lehrern, streitet. Meine Streitthemen waren damals Umwelt und Gerechtigkeit, aber auch Freiheit und Unterdrückung. Politische Themen, im weitesten Sinne. Und das war vielleicht mein Glück. Bücher waren damals sehr wichtig für mich. Deswegen - und auch weil ich viele Vorträge in Schulen halte - habe ich mein aktuelles Buch auch so geschrieben, dass es für 11- bis 14-Jährige lesbar ist.

Ich finde aber nicht, dass es ein Kinder- oder Jugendbuch ist. Ich meine, ich hab's erst jetzt gelesen, und ...

Ist es auch nicht. Mir ist es ziemlich egal, ob jemand 14 oder 40 ist. Am wichtigsten ist es, dass die Leute merken: Die globalisierte Wirtschaft hat etwas mit mir zu tun. Mit meinem Alltag. Viele Menschen haben das Gefühl, Politik und Wirtschaft hätten sich so weit von ihrem Leben entfernt, dass sie nicht mehr mitreden können. Ich wollte ein Buch schreiben, das das Gefühl erzeugt: Ich kann mitreden. Ich muss mitreden, weil es mich betrifft.

Mich betrifft's jetzt erstmal in meiner Wut. Ich meine, es kann doch nicht sein, dass wir alle ganz cool in einem System leben, wo sechsjährige Kindersklaven an der Elfenbeinküste den Kakao für unsere Schokolade ernten, die wir dann ganz nebenbei essen. Oder wo wir bei H&M einkaufen gehen, und es ist uns egal, dass in Asien dafür tausende Frauen für ein paar Cents am Fließband stehen.

Genau. Und diese Wut ist gut. Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt sogar, dass in der Geschichte die Wut der Menschen stets eine treibende Kraft für politische Veränderungen war. Hätte ich ein tolles analytisches Buch über Globalisierung geschrieben, oder eins, das auf die Tränendrüse drückt, dann würde das kein Mensch lesen. Ich möchte niemandem mit Appellen auf die Nerven gehen. Mir ist es relativ egal, wo jemand seine Schokolade oder seine Klamotten kauft. Mir geht's darum zu zeigen, dass dieses Wirtschaftssystem längerfristig weder uns, noch die Mehrheit der Weltbevölkerung, die im Elend lebt, und nicht einmal die Reichen glücklich macht. Es macht die meisten arm und ein paar Wenige reich. Und letztlich alle irgendwie krank.

Trotzdem geht es ja auch um unser Konsumverhalten. Sie kritisieren Firmen wie H&M, Coca-Cola oder Nokia, deren Produkte vor allem Jugendliche fast täglich nutzen. Schaffen Sie es überhaupt selbst, eisenhart richtig und gut zu leben?

Ich lebe schon gut, aber nicht in dem Sinn, dass ich selbst keine Produkte dieser Firmen mehr kaufen würde. Das geht ja auch kaum anders, wenn man nicht völlig aus dem System aussteigen will. Ich möchte auch keinen Konsumverzicht predigen, obwohl ich natürlich schon dafür bin, sich dem Konsumterror nicht zu unterwerfen und nur die Dinge zu kaufen, die man wirklich braucht und bei denen man weiß, wo sie herkommen. Aber die Verantwortung steigt meiner Meinung nach mit dem Einfluss. Und der liegt in erster Linie bei den Regierungen und den multinationalen Konzernen und ihren Eigentümern. Bill Clinton sagte immer "It's the economy, stupid" - Es ist die Wirtschaft, Dummkopf. Leider stimmt der alte Spruch: Geld regiert die Welt.

Aber wir können doch die Verantwortung nicht einfach nur auf "die da oben" abschieben. Gibt es nicht auch so etwas wie guten Konsum? Ich neige jedenfalls sehr zu solchen Gut- und Böse-Kategorien, das macht mir das Leben einfacher.

Natürlich ist es besser, bei kleinen Betrieben einzukaufen, die regional oder ökologisch und fair produzieren. Das sind auch die, die nachhaltige Arbeitsplätze sichern und etwas zum Sozialsystem beitragen. Die 500 größten Konzerne der Welt dominieren zwar 70 Prozent des globalen Handels und setzen ein Drittel des Weltsozialproduktes um, aber sie sichern nur 0,05 Prozent der Arbeitsplätze weltweit und zahlen verhältnismäßig wenig Steuern.

Bei Produkten wie Turnschuhen wird es aber schon sehr schwer, überhaupt "gute" zu finden, die ohne Sweatshops oder Kinderarbeit hergestellt wurden. Offenbar haben da alle großen Marken Dreck am Stecken.

Das stimmt. Deswegen geht es ja vor allem um politische Veränderungen. Die Konzerne konkurrieren untereinander und werden deshalb von sich aus nichts tun, was ihre Profite mindert. Dazu bräuchte es Gesetze, die zum Beispiel den Import von Produkten an soziale und ökologische Mindeststandards knüpfen.

Was halten Sie denn grundsätzlich von Spenden, zum Beispiel für Afrika?

Kurzfristig ist das natürlich notwendig. Aber das Problem ist, dass Spenden immer auch Abhängigkeiten erzeugen. Und es fließt wesentlich mehr Geld aus Afrika in die Industrieländer als umgekehrt: Durch die Rückzahlung von Schulden, durch den Import von billigen Rohstoffen und Dienstleistungen beispielsweise. Die Entwicklungsländer zahlen rund 1500 Milliarden US-Dollar pro Jahr an die Industrienationen, während umgekehrt die offizielle Entwicklungshilfe an sie lediglich rund 100 Milliarden beträgt. Würde man das stoppen, ginge es vielen dieser Länder wesentlich besser. Jedes Land der Erde - außer Kleinststaaten wie der Vatikan - könnte seine eigene Bevölkerung ernähren. Die meisten afrikanischen Länder haben sogar wesentlich mehr natürliche Ressourcen als z.B. Deutschland. Das Problem ist die gerechte Verteilung dieser Reichtümer innerhalb der Länder. Das wäre anders, wenn die westlichen Industrienationen aufhören würden, Korruption zugunsten ihrer eigenen Wirtschaftsinteressen zu fördern.

Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, um die Welt besser oder erträglicher zu machen, was wäre das?

Dass jeder seine persönlichen und beruflichen Möglichkeiten nutzt, um aktiv an der Gestaltung der Welt teilzunehmen. Das geht nur, wenn wir an unsere eigenen Träume glauben, anstatt die Erwartungen anderer zu erfüllen. In der Schule, durch die Werbeindustrie und die Konkurrenzgesellschaft lernen wir Wettbewerbsfähigkeit, Konsumwahn und Ellbogenqualitäten statt Teilen und Mitgefühl. Mädchen sollen aussehen wie Barbie-Puppen, Jungs sollen noch immer vor allem ökonomisch erfolgreich sein. Glücklich macht das niemanden, es erzeugt nur scheinbare Gewinner und vor allem das Gefühl, ein Loser zu sein wenn man es in diesem System nicht "schafft". Wenn wir wieder mehr miteinander reden und uns über die Hintergründe von Missständen informieren, werden wir merken, dass Solidarität und Zivilcourage glücklicher machen als "Geiz ist geil".

Was sind denn Ihre eigenen Träume?

Ich möchte vor allem frei sein, frei von Unterdrückung, aber auch von angelernten, inneren Zwängen. Ich hasse Unfreiheit, und deswegen kämpfe ich auch dafür, dass andere Menschen frei sein können. Damit meine ich, dass die Mehrheit der Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrem mangelnden Zugang zu ökonomischen Ressourcen nicht selbst entscheiden können, wo oder wie sie leben wollen. Aber auch die Unfreiheit, die dadurch entsteht, dass wir gelernt haben, uns an die Erwartungen anderer, unserer Eltern, unserer Lehrer oder des Wirtschaftssystems anzupassen. Wir wollen ja alle vor allem lieben und geliebt werden, oder? Wenn uns das bewusst ist, brauchen wir dafür keine sinnlosen Produkte kaufen oder uns an Stars und Mächtige anzuklammern, um uns selbst akzeptiert zu fühlen. Sie, Frau Roche, sind ja das beste Beispiel dafür, dass jemand, der einfach selbstbewusst und frech ist, auch in unserer Gesellschaft erfolgreich sein kann.

Beim Lesen Ihres Buches kriegt man ehrlich gesagt ganz schön schlechte Laune. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie sich täglich mit Themen wie Ausbeutung, Krieg und Hunger beschäftigen?

Ich glaube, ich wäre viel schlechter gelaunt, wenn ich Mehrheit der Weltbevölkerung im Elend lebt, aber ich kümmere mich nur um so nutzlose Dinge wie die Funktionen des neuesten Handys. Schauen Sie sich doch die Leute in den reichen Ländern an: Da gibt's eh genug schlechte Laune. Und eigentlich ist nur dort, wo sich Menschen noch umeinander kümmern, die Stimmung richtig gut. Ich habe vier Jahr in Brasilien gelebt und war in vielen afrikanischen Ländern: Die meisten von denen, die zumindest genug zum Essen haben - und das ist dort leider eine Minderheit - wenden ihre Energie hauptsächlich dafür auf, miteinander zu feiern, zu lachen und vor allem zu teilen. Das ist vielleicht die Essenz des Glücks, da könnten wir viel davon lernen.

Sie haben bei Ihren Recherchen auch verdeckt ermittelt. Was haben Sie herausgefunden?

Die UNO hat im Jahr 2001 festgestellt, dass der größte Krieg in der Welt seit 1945, der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo, vor allem wegen des Handels mit einem Rohstoff namens Tantal geführt wird. Das ist ein wertvolles Metall, das unter anderem für Mobiltelefone benötigt wird. Der größte Hersteller dieses Metalls war damals eine Tochterfirma des deutschen Bayer-Konzerns. Und dort wollte mir niemand verraten, woher sie das haben. Also bin ich in die Rolle eines korrupten Rohstoffhändlers geschlüpft und habe denen das Material angeboten, um nachweisen zu können, dass der Konzern jahrelang den Krieg im Kongo mitfinanziert hat. Bayer hat das anfangs bestritten, aber meine Recherchen wurden dann auch durch die UNO bestätigt.

Gibt es etwas, das Sie besonders wütend macht?

Ja, der Zynismus der Mächtigen. Die Deutsche Bank wirbt zum Beispiel für Aktienspekulationen auf die Nahrungsmittelkrise. Da heißt es auf der Homepage des Bankenfonds DWS: "Die Weltbevölkerung wächst stetig, die landwirtschaftlichen Nutzflächen schrumpfen und Ernteausfälle häufen sich. Diese Herausforderung ruft der Agrarwirtschaft viel Innovationskraft ab, von der auch der DWS Invest Global Agribusiness profitieren kann." Das muss man sich mal vorstellen: Übersetzt heißt das, dass wir damit Geld verdienen sollen, dass andere hungern.

Hat Sie eigentlich eine der von Ihnen genannten Firmen mal verklagt? Ein gutes Image ist für Markenfirmen doch so ziemlich alles.

Deswegen nenne ich diese Konzerne ja auch das "gut organisierte Verbrechen". Die sind so gut organisiert, dass fast alles, was sie tun, legal ist, weil sie großen Einfluss auf unsere Regierungen haben. Aber sie wissen auch, dass meine Vorwürfe stimmen. Und dass sie bei einem Prozess damit rechnen müssten, sich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stellen. Die schweigen das Problem lieber tot, das ist aus ihrer Sicht auch gescheiter.

Haben Sie manchmal Angst davor, wegen Ihrer Arbeit persönlich bedroht oder angegriffen zu werden?

Die Gefahr würde eher drohen, wenn ich kleine Fische kritisieren würde. Die Großen sind professionell genug zu wissen, dass es die Auflage meines Buches steigern würde, wenn mir was passiert. Das schützt.

Interview: Charlotte Roche