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Hillary Clinton: Ein Kapitel fehlt noch

"Gelebte Geschichte" hat sie ihre Memoiren genannt, die nun erscheinen. Viel spannender aber ist ihre Zukunft: Wird Hillary Clinton eines Tages Geschichte schreiben - als erste Präsidentin der USA?

Es ist nasskalt und grau wie schon seit Wochen im mondänen New Yorker Vorort Chappaqua, und eigentlich könnte sie mit Bill mal wieder gemütlich einen entkoffeinierten Kaffee bei "Lange's" trinken oder unten im Dorfkern nach Antiquitäten stöbern oder im Kaminzimmer ihres frisch renovierten Hauses mit Freunden aus Hollywood über den Zustand der Welt räsonieren, wie die Clintons es noch immer gern tun. Aber Hillary muss wieder raus an diesem stürmischen Memorial Day, muss wieder an die Front, für ihren neuen Heimatort Chappaqua, für ihren neuen Heimatstaat New York.

Für ihre Zukunft als erste Präsidentin Amerikas.

Es soll der letzte große Auftritt vor Veröffentlichung ihrer Memoiren sein, und er ist so sorgfältig geplant wie einst die Staatsbesuche in Hanoi oder Moskau. Sie will durch die beflaggten Straßen von Chappaqua marschieren, umringt von Veteranen mit M-16-Sturmgewehren und Hunderten paradierenden Bürgern mit amerikanischen Fahnen. Das sind die Bilder, die sie braucht in diesen neuen, fragilen Zeiten, Bilder, die in jede Wochenschau passen würden, die allen zeigen: Sie kann patriotisch sein wie Bush, tough wie Reagan, volksnah wie Bill Clinton.

Dann kommt die Sintflut. Der Regen überspült den Vorgarten ihrer dreistöckigen weißen Villa im Kolonialstil, und als sie um 10.30 Uhr das vom Secret Service bewachte Grundstück an der Old House Lane verlässt und in ihrem schwarzbraunen Mini-Van bei der Parade eintrifft, ist alles ganz anders. Es sind nicht Hunderte Menschen da, sondern nur 48. Keine Soldaten, sondern nur Zivilisten. Es gibt keine Fahnen, keine M-16, keine Parade, sondern nur noch eine kurze Zeremonie in einer beigefarben gefliesten Feuerwehrgarage, die den Charme einer Leichenhalle hat.

Hillary strahlt.

Es ist kein guter Tag

, aber die Senatorin strahlt. Sie trägt große goldene Ohrringe und eine Rosenquarzkette und einen schwarzen Mantel mit Blümchenfutter wie aus einem Modekatalog für Golfseniorinnen. Sie begrüßt jeden Dorfbewohner einzeln. Sie klopft ihnen auf die Schulter oder küsst die Wangen und erkundigt sich nach den Kindern, der Diät, der Gesangsgruppe. Sie erinnert sich an jeden und feixt mit allen, und selbst die Feuermänner und Republikaner, die sie einst hassten, schmelzen dahin. So in etwa muss sie sich das wohl vorstellen: So wie sie Chappaqua erobert hat, will sie auch Amerika erobern - als die nette Frau von nebenan, die um jede Problemzone weiß und etwas Licht in diese düsteren Zeiten bringt.

Nach einer Umfrage der Quinnipiac University glauben die meisten Amerikaner, dass Hillary Rodham Clinton, 55, die Einzige ist, die bei den Wahlen im November 2004 eine Chance gegen Bush hätte. Sie ist der Liebling der Demokraten. Ein Erinnerungsstück aus den goldenen neunziger Jahren. Das Gegenmodell zum Präsidenten. Wo er in der Welt um sich schlägt, heile sie die Wunden. Dort, wo er mit seinen Handkanten Löcher in die Luft haut, mache sie sanfte Gesten. Wo seine Sprechkünste aufhören, fingen ihre erst an. Auch die Medien sehnen ihre Kandidatur herbei, weil nur sie das Duell zur Schlacht machen würde: Die Kosmopolitin gegen den Cowboy. Der Norden gegen den Süden. Frau gegen Mann. Ehemalige Feministin gegen ehemaligen Säufer. Sie könnte Bush ablösen, der Clinton ablöste, der Bush senior ablöste, und nach Hillary könnte dann Bushs Bruder Jeb, der Gouverneur von Florida, kommen, und so würden die zwei Familien für Amerika stehen, für den ewigen Kampf zwischen Tradition und Moderne - ein Rosenkrieg zweier Dynastien, ein Quotenkrimi, ein Traum.

Sie haben nur eines vergessen: Hillary hat sich verändert.

Sie mag sich einst für die Rechte von Frauen und Kindern eingesetzt und die Ehe mit der Sklaverei verglichen haben, aber mit diesen Themen würde sie heute nicht mal Bürgermeisterin von Chappaqua werden. Sie mag Frisuren gehabt haben, mit denen sie auf Hippie-Konzerte hätte gehen können, aber darauf folgten Frisuren, mit denen ihr der Maggie-Thatcher-Gedächtnispreis sicher gewesen wäre. Sie mag einst den Aufbruch in die Moderne symbolisiert haben, eine First Lady, die nicht nur Händchen halten und Kekse backen wollte, doch auf den Aufbruch folgten der Triumphzug der Rechten und Laura Bush, die wieder Händchen hält und Kekse backt. So hat die Wirklichkeit ihre Ecken und Kanten geschliffen, bis sie mitten hineinpasste in den Mainstream des American Way of Life.

Am frühen Nachmittag dieses verregneten Memorial Day fährt sie in den kleinen Ort Farmingdale auf Long Island, um einen am 11. September gestorbenen Feuerwehrmann zu ehren. Sie spricht in ihrer Rede vom "höchsten Opfer fürs Vaterland", von schweren Schlachten, die in diesem Krieg noch zu führen seien. Sie betet für ihr Land, insgesamt dreimal an diesem Tag, und klatscht nach dem Abspielen der Nationalhymne so frenetisch, als habe sie diese zum ersten Mal gehört. Amerika, findet die tiefgläubige Methodistin, ist die "einzigartigste Nation der Erde".

Wenn sie je eine Chance

bei Wahlen haben sollte, das ist ihr klar, dann nicht als Hillary, sondern als gestandene Senatorin Rodham Clinton. Im Kongress hat sie - zur Enttäuschung vieler Demokraten - für den Krieg gegen den Irak gestimmt. Den Präsidenten hat sie - zur Enttäuschung vieler Demokraten - einen guten Führer genannt. Sie ist der erste Senator aus New York, der im Verteidigungsausschuss sitzt. Sie zeigt sich in Armeehelmen und Kampfwesten. Sie wird zu Militärbasen reisen und Generäle ins Kreuzverhör nehmen. Sie mag noch keinen Kampfjet fliegen, wie Bush, und keine Fliegerjacke tragen, wie Bush, aber spätestens 2008 soll keiner mehr die Frage stellen, ob eine Frau dieses Land durch einen Krieg bringen kann.

Im Anschluss an die Ansprache gewährt sie im Hinterzimmer des Bürgerhauses von Farmingdale einen Einblick, auf welchen Feldern Bush zu schlagen ist: Wirtschaft und Terrorabwehr. "Was den Heimatschutz angeht, hat diese Regierung nicht genug getan", sagt sie und legt los: Gasmasken für die Polizei, mehr Geld für die Kommunen, besserer Schutz für Brücken und Tunnel. Sie redet und redet, bis vor den Augen eine Hochsicherheitswelt entsteht, die man nur aus Science-Fiction-Filmen zu kennen glaubt.

Hillary strahlt.

Sie spricht schnell und druckreif, sucht den Blickkontakt und ist vorsichtig in ihrer Wortwahl. Auf die Frage nach der Kandidatur 2004 sagt sie stets: nein. Und 2008? Sie denke nicht darüber nach, sagt die Frau, die alles bedenkt, von der Farbe ihres senfgelben Bürosofas bis zum Klang, den ihre Absätze auf Marmorboden machen. Sie wisse das alles noch nicht, sagt die Frau, die genau weiß, dass die Chancen gegen den Kriegshelden Bush schlecht stehen, dass die Phalanx rechter Medien und der wiedergeborene konservative Zeitgeist gnadenlos über sie herfallen würden. Noch immer werden die Clintons entweder geliebt oder gehasst, die Erinnerungen an die Whitewater-Affäre und Monicagate sind noch zu frisch. Als sie am späten Nachmittag durch den Regen von Farmingdale davoneilt, ruft jemand: "Wie gefällt Ihnen Monicas neue Fernsehshow?"

Wenn ihre Memoiren

"Living History" kommenden Montag in einer Startauflage von einer Million in den US-Handel kommen - in Deutschland am Dienstag unter dem Titel "Gelebte Geschichte" beim Econ Verlag -, werden die Menschen sich auf genau diese Fragen stürzen: Wie war das mit Monica Lewinsky? Was ging damals im Hause Clinton ab? Ist die Ehe nur eine PR-Show? Was ist das für ein Mann, über dessen Sex-Eskapaden sie einst sagte: "Ich dachte, er hätte sie in den Griff bekommen."

Da hat sie nun zweieinhalb Jahre lang als Senatorin geackert, bis selbst republikanische Politiker ihr Respekt zollten. Da hat sie für Sonderbriefmarken gekämpft und ein Verbot von Hahnenkämpfen, bis keiner sie mehr für abgehoben hielt. Da hat sie Bill zum Hausmann degradiert und sich Interviews verweigert, um nie wieder diese Fragen zu hören. Bei einem Vorschuss von acht Millionen Dollar könne man "einen Haufen Schmutz" erwarten, schreibt der Kommentator Craig Wilson in "USA Today". Aber, so sagen Spötter: Was kann sie schon liefern? Sie hatte ja keine Ahnung von den Details der Affäre, außer jenen, die sie durch die Presse erfuhr: die Zigarre im Schritt, den Blowjob im Weißen Haus, das Sperma auf Monicas Kleid.

Frau Rodham Clinton werde ausführlich auf die Lewinsky-Affäre eingehen, kündigt ihr Verlag an, und einer der wenigen, der dieses Buch lesen durfte, sagt, sie gebe tatsächlich schonungslos Einblick in ihr Seelenleben. Sie wird wohl gerade genug Details liefern, um ihren Millionenvorschuss zu rechtfertigen, aber zu wenig, um einen Kassenschlager zu landen. Sie wird eine Frau beschreiben, die gerade genug gelitten hat, um sie ins Herz schließen, aber nicht so viel, dass man Mitleid empfinden müsste. Eine Frau, in jedem Fall, die so viele Schlachten überlebt hat, dass man ihr auch einen Irak-Krieg zutraut.

Und ihre Ehe?

Eine PR-Show? Hillary und Bill Clinton sehen sich nur selten. Ab und zu gehen sie spazieren, entlang der befahrenen Route 117, wo sonst kein Einheimischer spazieren geht. Manchmal kaufen sie gemeinsam Kleidung bei "Family Britches" oder holen ihre Tochter Chelsea ab, die mit der Metro North aus Manhattan kommt. Meist aber sind sie getrennt. Sie verbringt die Woche in Washington oder unterwegs; er in seinem Büro in Harlem oder unterwegs. Sie faxt ihm ihre Reden zu und sagt über ihn, er sei ihr bester "Chefredakteur". Er faxt ihr die redigierten Reden zurück und sagt über sie, wie es Laura Bush nicht besser formulieren könnte: "Ich versuche ihr zu helfen, Ruhe zu finden und bei guter Laune zu sein." Manchmal hängt Bill in Chappaquas Coffeeshops herum, bei "Lange's" oder im "Starbucks". Er trägt T-Shirt und Jeans, trinkt seine Diet Coke und spricht mit Bauarbeitern über den Siegeszug der San Antonio Spurs oder mit Schülern über die Ausstrahlung von Nelson Mandela. "Neulich musste ich meinen Sohn nach Hause holen, weil er sich mit Bill wieder mal festgequatscht hat", erzählt Rick Helfenbein, ein Bewohner Chappaquas. So ist die Rollenverteilung: Bill plaudert, Hillary arbeitet. Bill genießt das Leben, Hillary genießt die Arbeit. Während Bill vier Jahre für seine Memoiren braucht, brauchte Hillary nur zwei. Während sie ihre Rolle gefunden hat, sucht er seine noch.

Würde sie nur Präsidentin.

Jan Christoph Wiechmann / print