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Obama besucht Bush: Neuer Stil im Weißen Haus

Zwei Welten trafen aufeinander, als Noch-Präsident Bush seinen Nachfolger Barack Obama im Weißen Haus begrüßte. Der frisch Gewählte zeigte sich selbstbewusst, gut vorbereitet, als neuer Chef. Mit der Obama-Familie kommt auch neues Leben ins Weiße Haus: Ihr Stil erinnert an die Kennedys.

Von Katja Gloger, Washington

Beinahe hätte man ihn schon vergessen, den einsamen Mann, dort im Weißen Haus, Pennsylvania Avenue 1600. Noch 71 Tage muss George W. Bush dort ausharren, verachtet vom Volk wie kein Präsident vor ihm, trotzig auf das Urteil der Geschichte hoffend. Der Präsident, eine lahme Ente? No, lästern die Beobachter. Der Mann ist eine tote Ente.

Doch gestern gab es endlich ordentlich was zu tun für POTUS und FLOTUS, wie der Secret Service den "President of the United States" und die First Lady nennt. Ein weiterer historischer Moment in diesen historischen Tagen - vielleicht könnte der helfen, die Nation wenigstens ein bisschen mit dem ungeliebten Präsidenten zu versöhnen. Bush wollte ein Zeichen setzen, so rasch nach der Wahl hatte noch kein Präsident seinen Nachfolger zu einem Besuch im Weißen Haus eingeladen. Er wolle Obama einen zügigen und reibungslosen Übergang ermöglichen, sagte er - und das meint er Ernst.

Also kam es zum netten Stelldichein mit Michelle und Barack Obama.

Obama beeindruckt auch Bush

Als am Nachmittag um 13.48 Uhr - unglaubliche zwölf Minuten zu früh - der nominierte Präsident und seine Gattin in schwer gepanzerter schwarzer Limousine vor dem East Wing des Weißen Hauses vorfuhren, da trafen noch einmal zwei Welten aufeinander. Vergangenheit und Zukunft.

Großgewachsen, jung, Michelle Obama im engen Kleid in orangerot ganz feminin. Welch ein Unterschied zur blassen, wächsernen Laura Bush. Sie in herbstlich braun. Die nahm sofort einen kritischen Farbenvergleich vor - schließlich sollten die Damen auch farblich harmonieren. Von Barack gab es ein angedeutetes Küsschen auf die rechte Wange, und ab ging's zur Besichtigung der Privatgemächer.

Barack Obama war ganz Gentleman, der seiner Frau aus dem Auto half. "How are you?", rief ihm Bush zu. "I'm good." Fast gleich gekleidet, dunkelblauer Anzug, hellblaue Krawatte, US-Flaggenanstecker am Revers, schlaksig ging der Basketballspieler Obama neben Bush, der sich um militärisch strammen Schritt bemühte, durch den kleinen Säulengang rüber ins Oval Office. Er redete dabei unentwegt, als ob er ein bisschen aufgeregt sei, und schlug ihm auch mal auf die Schulter.

Welch ein Unterschied zu ihrer ersten Begegnung vor drei Jahren, im Januar 2005, beim Neujahrsempfang für die Senatoren. Damals galt Barack Obama schon als "rising star", als Jungsenator mit Potential. Damals, stolz nach seinem klaren Sieg in den Präsidentschaftswahlen, hatte ihn Bush neugierig zur Seite gezogen. Ihr kurzes Gespräch beschreibt Obama in seinem Buch:

"Obama!", sagte der Präsident und schüttelte mir die Hand. "Kommen Sie doch rüber zu uns. Laura, Du erinnerst Dich an Obama. Wir haben ihn im Fernsehen gesehen. Eine wunderbare Familie. Und Ihre Frau - wirklich eine beeindruckende Lady." "Wir haben sie ja eigentlich gar nicht verdient, Mr. President", sagte ich, schüttelte der First Lady die Hand und hoffte, dass ich keinen Krümel mehr am Mund hatte. Der Präsident wandte sich an einen Mitarbeiter, der drückte ihm eine dicke Packung Desinfektionstücher in die Hand. "Auch welche?" fragte der Präsident. "Gutes Zeug. Verhindert, dass man sich erkältet." Ich wollte nicht unhygienisch erscheinen und nahm eins.

Zwar gab Bush dem Jungspund aus Illinois an jenem Januarabend 2005 ein paar gute Ratschläge: "Sie haben eine große Zukunft, eine sehr große Zukunft. Man wird auf Sie feuern. Und jeder wird darauf warten, dass Sie einen Fehler machen. Passen Sie auf." Doch so richtig ernst hatte Bush den schlaksigen Senator wohl nicht genommen. Noch in diesem Sommer meinte er, Hillary Clinton hätte mehr Erfahrung für den Job.

Doch Obamas Wahlkampf, sein grandioser Sieg, die Reaktionen der Menschen - dies nötigt auch Bush Respekt ab. Und der Sieger, das weiß er, der bekommt alles.

Vorbereitet und voller Pläne

Und außerdem hat Bush keine andere Wahl, als Obama auf dessen Weg ins Oval Office ordentlich zu unterstützen. Die Wähler erteilten Obama das Mandat für eine Zeitenwende. Das Land steckt in einer dramatischen Wirtschaftskrise. Vor allem aber: Barack Obama hat sich auf sein Amt so gut vorbereitet wie keiner vor ihm. Selbst die zynischen powerbroker in Washington sind beeindruckt von so viel Disziplin und Planung. Seit Monaten arbeitet sein Übergangsteam unter der Leitung des erfahrenen, kühlen und verschwiegenen John Podesta, einst unter Clinton leidgeprüfter Stabschef im Weißen Haus. 50 Obama-Berater haben in den vergangenen Wochen eine Liste von Bush-Verordnungen zusammengestellt, die man rückgängig machen oder streichen will. Es sollen Hunderte sein. So will Obamas Team verhindern, dass Bush noch in letzter Minute Verordnungen unterzeichnet, die später nicht mehr zu ändern wären.

Keinesfalls wird sich Obama so überraschen lassen wie einst Bill Clinton. Übermütig hatte der sich nur schludrig vorbereitet auf sein Amt. Und als es dann soweit war, als er zum ersten Mal die Füße auf den Schreibtisch im Oval Office legen konnte, da stellte Clintons Mannschaft mit Erschrecken fest, dass das Haushaltsdefizit doppelt so hoch war, als angegeben. Damit musste Clinton einige wichtige Wahlversprechen auf Eis legen - und der Kongress verlor zwei Jahre später die demokratische Mehrheit.

Und schon gar nicht soll es bei Obamas Amtsübernahme zugehen wie 1932, in der schlimmsten Wirtschaftskrise, als Franklin Roosevelt die Wahl gegen Herbert Hoover gewann. "Ein fettes Masthähnchen" nannte FDR seinen Vorgänger. Der revanchierte sich: Roosevelt sei ignorant und ohne Vision, ein "Verrückter". Als Roosevelt dann endlich sein Amt antrat, steckte das Land so tief in der Wirtschaftskatastrophe, dass es sich davon letztlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erholte.

Barack Obama hingegen hat schon in den ersten Tagen nach der Wahl klar gemacht, dass er ein Rettungsprogramm für die Wirtschaft auflegen will. Dass er die Gefangenen aus Guantanamo in US-Gefängnisse verlegen lassen will. Dass er keine Zeit verlieren wird. Man wolle helfen, wo man nur könne, versprach auch Bushs Stabschef Joshua Bolton und bot eine Übung ganz besonderer Art an: Reaktionen auf einen simulierten Terrorangriff. Schließlich müsste man schon am 21. Januar 2009 genau wissen, was man zu tun habe. Auch im schlimmsten Fall.

Eine gänzlich andere First Lady

Aber in diesen freudigen Tagen träumt man in Amerika erst einmal von neuem Leben im Weißen Haus. Endlich wieder kleine Kinder, zum ersten Mal seit 45 Jahren. Erinnerungen an JFK werden hervorgekramt, die zuckersüßen Fotos mit zwei kleinen Kindern in kurzen Sommerhosen und "Macaroni", dem Pony, das auf dem Gelände des Weißen Hauses graste. Dazu Hamster, zwei Katzen und Robin, der Kanarenvogel.

Und man fühlt sich, ach, erinnert an Jackie Kennedy, die großbürgerlichen Glamour à la française ins Weiße Haus brachte: Die Möbel, die Stoffe, die Kleider, die Attitüde. Und das stille, disziplinierte Leiden angesichts der unzähligen Affären des Präsidenten.

Michelle Obama wird anders sein. Urbaner. Geschäftiger. Kämpferischer. Wärmer. Lebendiger. Ein Vorbild für eine neue Frauengeneration. Gestern hat ihr Laura Bush sicher auch die Küche gezeigt. Doch es gibt kaum etwas, das Michelle Obama weniger interessiert. Sie hatte vielmehr noch zwei andere Termine: die Besichtigung zweier Privatschulen, die für die Mädchen in Frage kommen.

Sie behauptet zwar, dass sie nun "mom in chief" sei. Aber Michelle Obama kichert gern mit ihren Freundinnen, sie mag schicke, sexy Kleider, große Ohrringe, und wenn sie zu einer Spendengala mal glitzerndes Geschmeide aus falschen Edelsteinen trägt, dann wird das rasch zum neuen Trend erklärt.

Die Familie rückt zusammen

Bush hingegen - wie er sich durch die wenigen Staatsbankette quälte, manchmal musste er sogar bis nach 22 Uhr aufbleiben und - noch schlimmer - gar tanzen. Er, der sein Leben nach dem rigiden Rhythmus der religiös Erweckten ausgerichtet hat. Abends um zehn geht bei ihm normalerweise das Licht aus. Und Laura liest ein Buch nach dem anderen.

Aber auch für Amerikas neue, schon jetzt vergötterte First Family wird das Weiße Haus zunächst mehr Festung sein als kuscheliges Familiendomizil. Vorbei mit dem Leben in Kensington, Chicago. Dort, wo man sich seit Jahren, seit Jahrzehnten kennt, und sich, wie Michelle Obama, jeden Samstag zum Pizzaessen mit Kindern und Freundinnen trifft. Wo Zariff, Chefbarbier im Hyde Park Hair Salon an der Blackstone Street den dritten Stuhl rechts für seinen alten Freund Barack reserviert hat. Denn alle zwei Wochen kommt der vorbei, meist samstags. Man plaudert, Sport, die Nachbarn, die Stimmung im Viertel, im Fernsehen läuft CNN, an der Wand hängt ein großes Plakat von Muhammed Ali. Zariff schneidet die Haare des zukünftigen Präsidenten, immer derselbe Stil, 21 Dollar der Einheitspreis. Zariff sagt: "Er ist mein Freund, seit 16 Jahren kommt er in meinen barber shop, ich werde ihn doch nicht alleine lassen. Ich kann auch nach Washington kommen, kein Problem für mich. No problem."

Einen großen Vorteil aber hat der Umzug der Familie Obama nach Washington: Nach dem endlos langen Wahlkampf können sie endlich wieder öfter gemeinsam zu Abend essen und "Uno" mit den Kindern spielen. Denn für Barack Obama sind es ja nur ein paar Schritte rüber ins Büro.