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Ingo Schulze: Der Verwunderte

Sieben Jahre lang hat er geschrieben, gestrichen, gelitten. Mit "Neue Leben" ist Ingo Schulze nun der grosse Roman zur Wiedervereinigung gelungen. Der stern begleitete den Schriftsteller auf seiner Lesereise - und traf einen Mann, der ganz genau hinschaut.

"Es gibt Dinge", sagt seine Mutter, "die kann man nicht übers Knie brechen. Dazu gehört die Liebe. Die Erziehung. Und das Schreiben." Ihr Schriftstellersohn eilt in der Wohnung umher und packt den Koffer. Es geht auf Lesereise. Sieben Jahre und ein halbes hat er das Publikum auf sein neues Buch warten lassen. Was lange währte, wurde es auch gut?

Ingo Schulze stand ziemlich unter Druck. Seine "Simple Storys" waren 1998 überschwänglich gefeiert worden, als exakte Beobachtungen aus dem Alltag der DDR-Provinz. Sie wurden Schullektüre in Deutschland und in 23 Sprachen übersetzt. Seitdem nahm er sich jedes Silvester vor, mit dem neuen Buch fertig zu werden. Jetzt ist "Neue Leben" auf dem Markt. 800 Seiten, schwer wie ein Ziegelstein. Und?

Der meistbesprochene Roman der Saison begeistert, verstört, fasziniert. Er skizziert Illusionen und Selbsttäuschungen und das Staunen vor und nach dem Umbruch 1989/90. Er dokumentiert, wie eine Welt zusammenbricht. Was richtig schien, war plötzlich falsch. Und umgekehrt. Ingo Schulze zwang sich zu einer präzisen Sprache, der man die Arbeit der vergangenen Jahre anmerkt: Jeder Satz sitzt. Das Buch bewegt, lässt einen nicht in Ruhe. Schulze hält dem Leser einen Spiegel vor. Und man stellt, ob man will oder nicht, die eigene Wirklichkeit infrage.

Ingo Schulze erzählt die Wandlung eines verhinderten Schriftstellers im Osten zu einem erfolgreichen Geschäftsmann im Westen. Beschreibt den Wechsel aus der Welt der Worte in die Welt der Zahlen. In Briefen erstattet dieser Enrico Türmer drei Freunden Bericht über die unübersichtliche Revolutionszeit 89/90 im thüringischen Altenburg, Briefe, die er zwischen Januar und Juli 1990 verschickt. Eine Zeit, in der er in einer Woche so viele und seltsame Begegnungen hat wie früher nicht in einem Jahr. Und sich fortlaufend wundert, "auf welche Art und Weise der Westen in meinen Kopf kommt".

Enrico Türmer, von der Geschichte überrumpelt, dokumentiert den Weltenwechsel in ausführlichen Sendschreiben. Ausdauernd exakt, unterhaltsam, in einem altmodischen, gediegenen Tonfall und mit dem sicheren Gespür für das Absurde: allein eine Seite darüber, wie Champagner schmeckt. Seine Briefe werden 15 Jahre später von jemandem, der sich Ingo Schulze nennt, gefunden und als Buch veröffentlicht, akribisch kommentiert mit einem Wust von Fußnoten. Dieser Schulze versucht zu ordnen, was nicht zu ordnen ist. "Ich wollte keinen Fixpunkt schaffen", sagt der echte Ingo Schulze. Weil heute auf nichts mehr Verlass sei.

Ingo Schulze steht am Berliner Ostbahnhof, Gleis zwei. Schwarzer Mantel, schwarzer Koffer. Schulze findet, seine Statur sei ein bisschen zu breit, ein wenig zu kurz geraten. Irgendwie erinnert sein Lockenkopf an einen Engel auf Raphaels Sixtinischer Madonna. Das Bild hängt bei den Alten Meistern in Dresden. Schulze wurde 1962 dort geboren. Der Vater Physiker, die Mutter Ärztin. Der Opa ersetzte den Vater, als sich die Eltern trennten. Ingo Schulze wurde groß in einer Bürgerwelt. Berghänge mit Villenbewuchs. Klassische Musik und Kreuzschule.

Er hat viel Lob erhalten in den vergangenen Jahren. Wurde mit Preisen gefüttert, seine Texte wurden im renommierten "New Yorker" abgedruckt. Mit dem Erfolg seiner einfachen Geschichten war er über Nacht zu einem der wichtigsten deutschen Erzähler der Gegenwart geworden.

Von so einem wollte man schnell mehr lesen. Am besten alle zwei Jahre, wie es üblich ist im Literaturbetrieb. Schulze wusste nur nicht, was. Erst meinte er die Nachfrage mit einer Novelle befriedigen zu können, im Tonfall von Thomas Mann. Doch daran, wie er seine Sätze drechselte, merkte er, dass es nicht funktionierte. Dass das Eigentliche nicht zur Sprache kam. Die DDR-Zeit lag neun Jahre zurück, der Blick auf seine Erfahrungen veränderte sich mit dem Abstand. Das Geschriebene erschien ihm wehklagend, larmoyant, "postdissidentisch". Billig, der DDR hinterherzutreten. Aber was dann? Zwischen den Seiten, das war klar, sollte sich die Welt verfangen und wie in einem Wassertropfen widerspiegeln.

Heute will Schulze nach Bamberg, quer durch den Thüringer Wald. "Für mich war Bamberg immer Süden", sagt er. Heiterkeit, Gelassenheit, Wohlwollen. Hier hat E. T. A. Hoffmann eine Zeit lang gelebt, hier wohnt Hans Wollschläger, der wortgewaltige Schriftsteller. Schulze verehrt beide. Der Zug kommt nicht. Erst soll er 10, dann 30, schließlich 50 Minuten Verspätung haben. Voraussichtlich. Schulze geht runter ins Eiscafé. Als er nach 45 Minuten hochhastet, ist der Zug weg. Erst kam er zu spät, jetzt zu früh. "Ham wa doch viermal durchgegeben, die Einfahrt", sagt Frau Porth vom "Service Point" am Haupteingang. War beim Italiener aber nicht zu hören.

Wieder warten, eine Stunde. Sandwich bei "Subway" statt Wurstsalat in Bamberg. "Schade", sagt Schulze. Er bleibt freundlich, kein Gegrummel. Am Vorabend hatte er sich in die Schlange vor der "Georg Büchner Buchhandlung" in Berlin eingereiht, die Leute wollten zu ihm.

Im Bahnhof kauft Ingo Schulze Ingwerschokolade für die Fahrt. "Die Pfunde habe ich seit der Wiedervereinigung nicht mehr wegbekommen", sagt er. Gelassen wirkt er und konzentriert. Er stellt Fragen. Und wartet Antworten ab.

Er wollte den großen Wurf. Aber wie? Vielleicht etwas Faustisches, über das Gute und Böse? Die Fragwürdigkeit unserer Zeit? Darüber, wie jedermann sich durchs Leben laviert, kollidiert, sich korrumpiert und arrangiert? Ingo Schulze versuchte sich zu erinnern, wie er sich vor dem Umbruch fühlte - und wie danach. Genau musste er sein, penibel. Das Staunen beschreiben: Gurkensalat im Winter! Tastentelefone! Und Ärzte waren plötzlich Unternehmer.

Ingo Schulze versuchte Sätze, verwarf Sätze. Zwischendurch Zahnschmerzen und die Backenzähne raus und Trennung von der Freundin. Einladungen in die Welt, New York, Rio, Tokio. Als eine Art Sonderbotschafter der vereinten Republik, als Chronist deutscher Befindlichkeit. Araber wollten wissen, ob die Deutschen noch Walter von der Vogelweide mögen, Neuseeländer interessierte, wie viele Arbeitsplätze die Wiedervereinigung gekostet hat.

Sao Paulo, Südkorea, Singapur. Zu Hause wartete der Papierkorb. Auf Sätze zwischen rührselig und unterkühlt: "Wie ausgefallene Plomben bewegte ich die Wörter in meinem Mund." Schulze fürchtete, "jetzt habe ich das Schreiben verlernt". Im April 2001 fragte der NDR, ob man schon etwas hören könnte. Schulze las zwölf Seiten vor. Mehr hatte er nach drei Jahren nicht; ein Albtraum. Er streckte die Lesung über eine Stunde.

Die reservierten Plätze in der ersten Klasse sind natürlich weg. "Erste Klasse" klingt bei Schulze entschuldigend. Er hat den Taxiführerschein für Berlin. Die ersten Vorlese-Honorare hat er noch in Nachtschichten umgerechnet. Im Speisewagen ist ein Tisch frei. Ein Herr im Anzug brüllt ins Handy, man müsse unverzüglich den Staatssekretär unterrichten. Gegenüber organisiert ein Anlageberater Geschäfte in Texas. Ölförderung, jetzt einsteigen.

Ingo Schulze trinkt Hustensaft. Die Erkältung hat er sich in Ägypten geholt. "Mir wurde immer bewusster", sagt er, "dass ich über das Scheitern schreiben sollte. Der Zusammenbruch des Sozialismus hat nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt verändert."

Beim Halt in Jena steht er auf und schaut aus dem Fenster. "Man kann in mein Studierzimmer gucken", sagt er. Fünf Jahre hat er hier Latein und Griechisch studiert, von 1983 bis 1988, nach der Zeit in der Volksarmee, in der er es bis zum Unteroffizier der Reserve brachte. Was Schulze heute noch peinlich ist.

Im September 1988 ging er als Dramaturg ans Theater. Nach Altenburg, in die Spielkartenstadt. Von hier aus verbreiteten Bauern 1835 das Skatspiel in Deutschland. Bis 1918 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg, später Thüringen zugeschlagen. 60 000 Einwohner 1990, heute 38 000. Wenn es hier vorangeht, dann bergab.

In Altenburg, wo Schulze fünf Jahre verbrachte, spielen seine "Simple Storys" und jetzt auch "Neue Leben". Den Marktplatz schmückt ein Renaissance-Rathaus, nahebei eine Filiale von "Mäc Geiz", Altenburgs Ein-Euro-Zone. Jeder vierte Einwohner ist seine Arbeit los. Kanadische Kipper, die Räder hoch wie Häuser, haben mit den Halden des Uran-Abbauers Wismut Zehntausende Arbeitsplätze vergraben. In einer alten Nähmaschinenfabrik bastelt ein Team aus früheren "Audi"-Leuten an einem neuen Sportwagen mit dem schönen Namen "Apollo", die Belegschaft wurde dafür von drei auf 25 erhöht. Die Basisversion kostet 190 000 Euro plus Mehrwertsteuer. Verkauft wird bis Dubai.

Ingo Schulze ist nicht beleidigt, wenn die Altenburger ihn nicht erkennen. Er erkennt ja auch viele nicht wieder. "Hey, schreib einfach meinen Namen rein", ermuntern ihn die Leute nach Lesungen in Altenburg. Die meisten Namen weiß er nicht mehr.

Draußen ist Deutschland dunkel geworden, schade um die schöne Aussicht ins Saaletal. Im Speisewagen Abendstimmung. Ingo Schulze erzählt von seiner Zeit in Altenburg. Mitte Oktober 1989 wurde er Vorsitzender in der "Mediengruppe" des Neuen Forums. Sie gründeten "Klartext". Anfangs waren es nur Blätter, hinten und vorn bedruckt, voll mit Sätzen für eine bessere Welt: "Die Zeitung deckt alles auf und sorgt für Gerechtigkeit" - so sollte es sein.

Nach der Volkskammerwahl 1990 war das Neue Forum eine Fußnote der Geschichte. Nur 2,9 Prozent für die Männer mit den Bärten, aus der Traum von einer dollen DDR. Traurig zwar, aber auch ein Freispruch. "Die kamen ohne uns klar", sagt Ingo Schulze, "wir hatten keine Verantwortung mehr."

Die abservierten Reformer erfanden noch ein Blatt, diesmal mit Anzeigen. Wie der Kapitalismus funktioniert, hatte man ja auf der Schule gelernt. Ingo Schulze wurde Verleger. Die Mutter lieh ihm 10 000 Mark, die er nach vier Wochen wieder zurückgab. Das Geld vermehrte sich schneller, als Druckrechnungen eintrafen. "Ich begann es zu lieben, Preise für eine halbseitige Anzeige mit 20 Prozent Rabatt bei wöchentlicher Schaltung auszurechnen."

Plötzlich waren 120 000 Mark auf dem Girokonto. Schulze ging nach St. Petersburg, wo er als Wessi aus dem Osten ein weiteres Anzeigenblatt etablierte. Er verdiente das 200fache seiner Angestellten und spielte Geschäftsmann. Nach ein paar Monaten war er es leid: Er wollte schreiben. Das war seine Sehnsucht.

Ingo Schulze blättert in seinem neuen Buch. Der erste Entwurf, der ihm wirklich gefiel, steht jetzt auf Seite 195. Es ist der Brief seines Erzählers Enrico Türmer an die Freundin Nicoletta. Ihr beichtet er sein Rübermachen in den Kapitalismus. "In einem Brief den Verrat einer Vision zu beschreiben war wie ein Türöffner", sagt Schulze. "Ich wusste plötzlich, wie ich es machen muss."

Das war sie, die Welt im Wassertropfen. Nur in der Beschränktheit, sagt Ingo Schulze, kann das Große entstehen. Der Stoff suchte sich seine Form: Ein Briefroman, diese vergessene Gattung aus dem 18. Jahrhundert, nahm Gestalt an. So weit weg von heute wie die Erinnerung an die DDR und eine Zeit, in der Briefe noch eine Bedeutung hatten.

Als Ingo Schulze im Herbst 2001 eines Morgens den Laptop aufklappte und in einer E-Mail las, er erhalte den mit 86 000 Mark dotierten Joseph-Breitbach-Preis, war sein langes Zweifeln und die Furcht, den großen Stoff nicht zu bändigen, zumindest finanziell abgepuffert. Das Schreiben nahm Fahrt auf. Morgens um neun nach dem Frühstück hoch ins Schreibzimmer, zum Mittagessen runter, dann wieder hoch. Irgendwann purzelten die Wörter aus ihm heraus. "Die letzten 200 Seiten waren wie eine Ernte", sagt er.

Er lernte eine neue Frau kennen, Natalia aus Bonn, wurde Vater von Clara, 3, und Franziska, 1. Ingo Schulzes Mutter zog von Dresden nach Berlin, um bei ihren Enkeln zu sein. "Neue Leben" immer wieder. Die Amerikaner wollen es nun drucken, die Schweden, die Griechen. Auch seine italienische Verlegerin, die ihm in Paris erklärte, wie man sich richtig schick anzieht.

Ingo Schulze kommt gerade aus Japan und will im Frühjahr in den Jemen. Ihn fasziniert der Aufbruch der verschleierten Frauen. Ihre Sehnsucht nach dem Westen, die auch seine war. "Verände-rungen überall", sagt er. Auf seinen Reisen erzählt er öfter, er sei ein Wendegewinner. Obwohl er das Wort "Wende" hasst. "Weltenwechsel", das stimmt schon eher.

Denn mit dem Osten, sagt er, sei auch der Westen verschwunden. Und alte Fragen werden neu gestellt. Was es für eine Gesellschaft bedeutet, in der sich die einen totarbeiten und für die anderen kaum etwas abfällt? In der es nur noch darum gehe, dass es sich rechnen muss, nicht mehr um Utopien. In Deutschland sind es Millionen, auf der Welt Milliarden von Menschen, die nicht mehr gebraucht werden. Ingo Schulze spricht von der Randale in Frankreich, den Flüchtlingen in Marokko. Dass der ausbleibende Wettbewerb zwischen den Blöcken nach dem Fall der Mauer eine unglaubliche Beschleunigung ausgelöst habe. Die Effizienz des Kapitalismus vernichtende Züge annehme. Altenburg ist überall.

Und dann ruckelt es auf der Strecke von Saalfeld nach Lichtenfels, vom früheren Osten in den früheren Westen. Ingo Schulze steht auf, läuft hin und her, hält sich an der Deckenstange fest und sucht eine Position. Der Zug wippt nach rechts und links, er fährt hier auf Neigungsschienen, damit er den Übergang durch den Thüringer Wald mit 160 Stundenkilometern schafft. Ingo Schulze freut sich über die Metapher, dass man gerade hier so durchgeschüttelt wird. Wenn es zu schnell geht, sagt er, "wird mir immer schlecht".

Uli Hauser / print