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Interview mit Tobias Schlegl: "Ich hab selbst Dreck am Stecken!"

Früher war er als Moderator beim Musiksender Viva mit den Stars per Du. Jetzt hat Tobias Schlegl ein Buch über umweltfreundliches Leben geschrieben. Im stern.de-Interview erzählt er, welche Öko-Sünden er sich leistet und warum die Menschen bereit sind, Atommüll bei sich zu Hause zu lagern.

Weil er unbedingt Die Ärzte interviewen wollte, ging Tobias Schlegl als 17-Jähriger zum Casting beim Musiksender Viva. Seine Lieblingsband hatte er mittlerweile schon häufiger vorm Mikro. Heute, 13 Jahre später, fühlt er als Moderator beim NDR-Satiremagazin "Extra 3" Politikern und Unternehmern auf den Zahn. Wie man in kleinen Schritten die Welt verbessern kann, beschreibt Schlegl in seinem Buch "Zu spät?".

Herr Schlegl, haben Sie heute schon was fürs ökologische Gewissen getan?

Ich bin ja einer, der auch selbst ein bisschen Dreck am Stecken hat. Aber heute habe ich mal wieder das Auto stehen lassen und bin mit der U-Bahn zur Redaktionssitzung beim NDR gefahren, obwohl es regnen sollte.

"Zu spät?" ist ein Buch über Nachhaltigkeit - was ist denn das eigentlich?

Ein Wort, das man in jeder Politikerrede findet, das aber auch jeder Politiker falsch gebraucht, weil es als Synonym für Langfristigkeit benutzt wird. Aber nachhaltig ist eine Sache nur, wenn sie gleichzeitig ökologisch, ökonomisch und sozial ist. Und das alles unter einen Hut zu bringen, ist fast unmöglich. Ich habe "Nachhaltigkeit" deshalb durch den Begriff "zukunftsfähig" ersetzt, das passt besser.

Fast drei Jahre waren Sie im Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung, der sich mit solchen Themen beschäftigt.

Ich habe viele tolle Projekte angeschoben mit Jugendlichen, über die der Volksmund eigentlich sagt, dass sie sich gar keine Gedanken über die Zukunft machen. Im Rat war es ein bisschen wie bei "Anne Will": Es wird viel geredet und nachher fragt man sich, warum man diese Sendung geguckt hat. Mir war das zu wenig und ich wollte wissen, was jeder einzelne machen kann, ohne sich gleich einer großen Organisation anzuschließen.

Also haben Sie ein Buch geschrieben.

Ich habe vor einigen Jahren die Pilotfolge zu einer politischen Fernsehsendung für Jugendliche gedreht, der aber nie ausgestrahlt wurde. Als mich der Verlag fragte, ob ich mir das in Buchform vorstellen könnte, war ich skeptisch. Wenn Leute, die eigentlich keine Bücher schreiben müssten - Schauspieler oder Moderatoren - plötzlich ihr Gesicht auf ein Buchcover hieven, sehe ich das immer kritisch. Aber für mich war das einfach eine Chance, ein wichtiges Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.

Sie waren mehrere Monate auf Recherchereise durch Deutschland. Gab es ein Highlight?

Beeindruckend fand ich gleich die erste Station. Mit Thilo Bode, dem Chef der Organisation Foodwatch, habe ich als wandelnde Litfass-Säule vor McDonald's Unterschriften gesammelt. Die Rinder für McDonald's-Hamburger werden mit Gensoja gefüttert, das hat mich empört. Herr Bode, der früher für Greenpeace überall hochgeklettert ist, hat so was lange nicht mehr gemacht. Es war toll, seine leuchtenden Augen zu sehen. Und ich habe gelernt, dass zwei Mann noch keine Demo sind! Aber ich habe auch erkannt, dass es anstrengend ist, für das Gute zu trommeln.

Und das Schlimmste, das Sie erlebt haben?

Am ekeligsten war mein Praktikum in der Dönerbude. Es hat mich total geschockt, dass die Klischees so erfüllt werden. In der Gefriertruhe lag ein Dönerspieß, der schon seit Wochen abgelaufen war. Das hätte ich nicht gedacht.

Zu den Themen Ernährung, Kleidung und Strom kommen noch Rechtsradikalismus, Schulbildung und Arbeitsmarkt. Vielleicht ein bisschen viel auf einmal.

Diese Themen gehören natürlich auch dazu, das ist die soziale Seite der Nachhaltigkeit. Eine Gesellschaft, in der sich Menschen umbringen wollen und die von Hass und Gewalt bestimmt sind, ist alles andere als zukunftsfähig.

Manchmal klingen Sie ein bisschen nach Weltverbesserer.

Ja, aber das will ich ja gerade nicht. Der Anspruch war ein anderer, da ich selbst meine Sünden habe. Ich glaube, man kann Infos am besten rüberbringen, wenn man sie leicht süffisant verpackt. "Zu spät?" ist eine amüsante Deutschlandreise und hinterrücks gibt es ein paar Infos in den Schädel reingehauen. Aber das wollte ich so direkt nicht sagen, weil ich diese Klassensprecher-Mentalität noch nie mochte.

Was meinen Sie damit?

Menschen, die mir sagen, was ich zu tun habe - auch wenn es gute Menschen sind -, finde ich anstrengend. Da habe ich automatisch immer das Gegenteil gemacht. Aber diese Reise hat in mir ganz schön was verändert. Ich habe viele Kämpfer und Optimisten getroffen, die mich mitgerissen und inspiriert haben. Da kann ich es mir manchmal nicht verkneifen, ein bisschen den Weltverbesserer raushängen zu lassen.

Sie haben gesagt, dass Sie auch ein bisschen Dreck am Stecken haben. Was sind denn Ihre Sünden?

Ich fahre meinen alten Golf noch solange, bis er es nicht mehr tut. Worauf ich auch nicht verzichten will, ist Urlaub machen und die Welt sehen. Letztens bin ich nach Bangkok geflogen, um dort mit dem Rucksack rumzureisen, und das hat mir natürlich die ganze CO2-Bilanz versaut. Im Schnitt lebt der Deutsche so, als gäbe es 2,5 Erden - das kann man im Internet messen lassen. Vor meinem Urlaub war ich bei 1,7 Erden, jetzt bei 2,1.

Sie sind immerhin besser als der Durchschnitt.

Das ist trotzdem nicht gut. Aber wenn ich sündige, habe ich wenigstens ein schlechtes Gewissen. Man muss sich bewusst sein, dass nichts hundertprozentig sauber ist und entsprechend seinen Konsum reduzieren. Die meisten Dinge machen dich nur abhängig. In meiner Wohnung steht kein Schnickschnack herum und aus Klamottenläden bin ich nach zwei Minuten wieder draußen. Mir fehlt dieses Shopping-Gen, ich komme mit wenig zurecht.

Sind Sie privat jemand, der die Leute um sich herum bekehren will?

Nein, das will ich eigentlich gar nicht. Aber bei so manchen Dingen kann ich es mir nicht verkneifen, was zu sagen. Wenn Freunde zum Beispiel eingeschweißtes Hackfleisch aus der Supermarktkühltruhe kaufen, das alles andere als Bio ist. Und bei Klamotten sage ich auch mal: "Kauf nur alle zwei Monate ein neues Shirt und dann bitte nicht bei H&M!". Bei Ökostrom werde ich zum Bekehrer. Zu einem Ökostrom-Anbieter wechseln ist sehr einfach und so groß ist der Preisunterschied nicht.

Aber nachhaltiges Leben ist generell recht teuer, gerade in der jungen Zielgruppe, die Sie ansprechen wollen.

Natürlich, deswegen kann ich die Leute verstehen, die keine Kohle haben und deswegen bei H&M einkaufen. Aber wenn man weiß, wie die ihre Kleidung produzieren, dann schlägt das Gewissen Alarm und man macht es nur im Notfall. Man muss immer abwägen: Hat man das Geld, dann kauft man das gute Ei und die Biotomaten. Wenn nicht, dann bitte trotzdem das gute Ei und dafür die Tomaten aus Holland. Bioware gibt es ja mittlerweile sogar bei Lidl...

...wo aber dann doch der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit nicht zum Tragen kommt.

Klar, da greift zwar die ökonomische Seite - die Nahrung hat ein Biosiegel -, aber die soziale Komponente bleibt auf der Strecke. Mitarbeiter werden ausspioniert und Preise gedrückt.

Sie empfehlen Ihren Lesern, sich bei Unternehmen zu beschweren, wenn Ihnen eine Umweltsünde auffällt. Schreiben Sie selbst auch nach der Buchrecherche weiterhin Beschwerdebriefe?

Wenn mich etwas empört auf jeden Fall! Denn wenn sich jemand die Zeit nimmt und einen Brief oder eine Mail schreibt, dann nimmt das der Konzern schon ernst. Das kenne ich auch vom NDR.

Bei wem haben Sie sich zuletzt beschwert?

Ich habe vor zwei Wochen noch mal eine Mail an McDonald's geschrieben. Bei denen wollte ich hinter die Kulissen gucken, was laut einer Anzeige möglich sein soll. Dazu gibt es im Buch eine Geschichte, aber auch ein Jahr später hat sich da noch immer nichts getan.

Im Buch gehen Sie mit Unternehmen wie Vattenfall hart ins Gericht. Hat sich irgendwer schon bei Ihnen beschwert?

Nein, bisher noch nicht, obwohl ich mit Klagen gerechnet habe, aber es steht ja nur die Wahrheit drin. Ich bin im Nachhinein noch mal mit meinen Fragen über Atomstrom zu Vattenfall gegangen, bin aber im hohen Bogen rausgeflogen. Als einzelner kann man leider nicht viel bewegen, sondern immer nur ein bisschen mit dem Stachel pieksen.

Sie moderieren seit einem Jahr das NDR-Satiremagazin "Extra 3". Können Sie da noch mehr pieksen?

Klar, ich darf mich jede Woche mit Großunternehmen und Politikern anlegen und der NDR hält mir den Rücken frei. Es heißt: Eine Sendung ohne Klage ist eine schlechte Sendung. Ich finde es toll, dass "Extra 3" so politisch ist und ich im Auftrag der Allgemeinheit an die Grenzen gehen darf. Neulich haben wir zum Beispiel in der Fußgängerzone den Menschen billigen Strom angeboten, wenn sie dafür 120 Gramm Atommüll mit nach Hause nehmen. Und die Leute haben das geglaubt - schlimm!

Interview: Carolin Neumann