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Literaturnobelpreis für Vargas Llosa: Der leidenschaftliche Nomade

Da wurde einer für das Warten belohnt: Mario Vargas Llosa galt jahrelang als Mitfavorit, nun hat der 74-jährige Peruaner den Literaturnobelpreis erhalten. Ein Mann, der von sich sagt, dass er mit ganzer Seele Lateinamerikaner sei. Und der die Nachricht vom Nobelpreis zunächst für einen Scherz hielt.

Das Leben des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa erscheint wie eine Geschichte vom verlorenen Sohn. Die Hälfte seiner Erwachsenenjahre hat der berühmteste Autor des Andenstaates in Europa und Nordamerika gearbeitet. Er wird deshalb oft als "europäisch" denkender Schriftsteller bezeichnet. Er sei mit ganzer Seele Lateinamerikaner, der sich in Europa jedoch ebenso zu Hause fühle, sagte Llosa einmal. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter 1994 der Cervantes-Preis und 1996 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Der Schriftsteller, der sich selbst als liberal bezeichnet, mischt sich auch leidenschaftlich und nicht selten provokativ in die Politik ein. Die Demokratie sei in ganz Lateinamerika gefährdet, warnte er. Linksgerichteten populistischen Staatschefs wie Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez wirft er vor, einen "Kommunismus wie in Kuba" anzustreben. Kubas Fidel Castro bezeichnete ihn daraufhin als "Vertreter der Oligarchie".

Entschieden tritt er auch für die Menschenrechte ein. Als die peruanische Regierung kürzlich ein von Kritikern als "faktische Amnestie" für Menschenrechtsverbrechen bezeichnetes Gesetz betrieb, legte Vargas Llosa im September aus Protest sein Amt als Leiter eines Beirats der Erinnerungsstätte für die Opfer der Gewalt zwischen 1980 und 2000 nieder. Dieser spektakuläre Rückzug von dem Projekt in Lima, das von Deutschland finanziell unterstützt wird, soll Präsident Alan García dazu bewogen haben, das Gesetz zurückzuziehen.

Von linken Rebellen zum Liberalen

Trotz seines Nomadenlebens - Vargas Llosa bewohnte nach eigenen Angaben mehr als 40 Häuser - handeln nur drei seiner zahlreichen Romane nicht von der peruanischen Heimat: "Der Krieg am Ende der Welt" sowie seine beiden neueren Werke "La Fiesta del Chivo" (Das Fest des Ziegenbocks) und "El Paraíso en la otra esquina" (Das Paradies ist anderswo).

Vargas Llosa wurde am 28. März 1936 in Arequipa (Süd-Peru) geboren. Dass er aus einer großbürgerlichen Familie stammt, ist ihm bis heute anzumerken, und er versucht es auch nicht zu verbergen. Vom linken Rebellen entwickelte sich Vargas Llosa unter dem Eindruck zwei linker Diktaturen in seiner Heimat und der Entwicklung von Castros Kuba zu einem Vertreter der bürgerlichen, liberalen Mitte. Von 1958 bis 1974 lebte er in Madrid, wo er auch seinen Doktor machte.

Im Alter von 18 Jahren heiratete er seine 32-jährige Tante Julia Urquidi, mit der er neun Jahre zusammenlebte. Diese Beziehung verarbeitete er später in seinem Roman "Tante Julia und der Kunstschreiber". Seinen Weltruhm begründete er gleich mit seinem ersten, 1962 erschienenen Roman "La ciudad y los perros" (Die Stadt und die Hunde). Das Werk ist eine eindrucksvolle Darstellung autoritärer Systeme.

Kandidierte für das Präsidentenamt

In einem Beitrag für "Die Zeit" schrieb Vargas Llosa einmal, er glaube nicht an den Weltfrieden. "Immer, wenn die Menschen das Paradies suchten, fanden sie die Hölle", meinte der Befürworter des Irak-Krieges. In seiner peruanischen Heimat, wo er sich 1990 vergeblich um das Präsidentenamt bemühte, meldet sich Vargas Llosa immer wieder als Zeitungskolumnist zu Wort. Bei einer Umfrage des peruanischen Meinungsforschungsinstituts Ipso Apoyo zu der Frage, wer die einflussreichsten Personen des Landes seien, landete Vargas Llosa auf Platz fünf.

In Spanien, dessen Staatsbürgerschaft er 1993 erhielt, ohne die peruanische aufzugeben, kritisierte er die zunehmende Regionalisierung und forderte gemeinsam mit anderen Intellektuellen Vorrang für Spanisch als Landessprache.

Jan-Uwe Ronneburger, DPA / DPA