Michael Moore Die Anti-Bush-Show


Er ist die Ikone der Bush-Gegner - Michael Moore. Der "Bowling for Columbine"-Regisseur kam nach Deutschland, um sein neues Buch "Volle Deckung, Mr. Bush" vorzustellen.

Da ist er, der Amerikaner, den man als aufrechter, europäischer Gegner des Irak-Krieges endlich mal gut finden kann. Mit einem Amerikaner über das Bush-Amerika lachen, statt mit ernster Mine über die zukünftigen Strategien der einzig verbliebenen Weltmacht zu fachsimpeln. Dank der deutschen Bahn betritt Michael Moore erst gut vierzig Minuten zu spät die Bühne im Congress Centrum Hamburg, um sein neues Buch "Volle Deckung, Mr. Bush" vorzustellen.

Ein Popstar des Polit-Entertainment

Er ist aus Berlin angereist, wo der Auftakt seiner Lesereise in Deutschland stattfand. Dort waren am Sonntag insgesamt 6000 Zuhörer zu zwei "Moore-Shows" gekommen. In Hamburg sieht es kaum anders aus. Im ausverkauften Saal zwei des CCH, wo normalerweise Fachkongresse abgehalten werden, herrscht Gedränge, Kamerateams sind unterwegs. Ein Ereignis. Die Leute halten Pappschilder hoch, um noch Karten zu ergattern. Hier findet keine Lesung in kleinem, aber feinem Kreise statt, sondern hier tritt ein Popstar des Polit-Entertainment auf, der die Massen begeistert. Zumindest in Deutschland.

Und so wird er begrüßt. Die Zuhörer klatschen laut auf, Michael Moore bedankt sich und eröffnet seine Lesung mit dem zum geflügelten Wort gewordenen "Hello, Old Europe". Mit diesen Worten hatte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor Beginn des Irak-Krieges die Weigerung Deutschlands und Frankreichs, die USA zu unterstützen, abschätzig kommentiert. Im Laufe der nächsten gut anderthalb Stunden wird der schwergewichtige Moore nur eine kurze Passage aus seinem neuen Buch lesen (als Jesus W. Christus), der Rest ist frei vorgetragene Politiksatire oder, besser gesagt, die Fortsetzung der Politik mit den Waffen des Humors.

Er bedient geschickt antiamerikanische Klischees

Moore spricht mit seinen Attacken auf die amerikanische Gesellschaft und insbesondere auf die "Bande im Weißen Haus" das aus, was viele Deutsche denken. Allein 1,3 Millionen verkaufte Exemplare seines Buches "Stupid White Men" hier zu Lande beweisen das. Er bedient geschickt und meistens witzig antiamerikanische Klischees, und dass er das als Amerikaner tut, lässt das Herz seiner deutschen Fans noch höher schlagen. Es gibt ihn also doch, einen linken und vernünftigen Amerikaner. Wenn er auf der mangelnden Bildung seiner Landsleute herumreitet, von denen 80 Prozent den Irak nicht auf einer Landkarte finden können, hat er die Lacher seiner meist jüngeren Fans auf seiner Seite. Wenn er dann noch fordert, dass die Amis nur noch Länder angreifen sollten, die sie auch kennen, sind die Leute begeistert.

Bekannt geworden ist der 49-Jährige mit seinem Dokumentarfilm "Roger & Me" aus dem Jahr 1989. Darin zeigt Moore, wie seine Heimatstadt Flint im Bundesstaat Michigan durch die Massenentlassungen von General Motors verödet. Die Auswirkungen der amerikanischen Auffassung, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, sind immer wieder sein Thema. Michael Moore arbeitet sich daran ab, den "American Dream" zu zertrümmern, der eben das ist, was er ist, nämlich ein Traum, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

"Shame on you, Mr. Bush"

Weltweit bekannt wurde Moore, der in seinen Jeans, Schlabber-T-Shirts und der Baseball-Kappe auf dem runden Kopf immer noch so aussieht, als wäre er ein Grunge-Rocker aus der Provinz, mit seinem Film "Bowling for Columbine". Darin beschäftigt er sich mit dem Massaker an der Columbine High School in Littleton, bei dem zwei Schüler 13 Menschen erschossen und sich dann schließlich selbst richteten. Auch das ist eine seiner Fragen: Wie entsteht diese Gewalt? Moore zeigt auf anschauliche oder - wie Kritiker meinen – auf populistische Weise, wie die Gewalt immer auch ihre Ursachen in einem harten wirtschaftlichen Konkurrenzkampf hat, in dem die Schwachen der Gesellschaft keine Chance haben. Die Erzeugung von Angst und Lüge sind dabei die bevorzugten Mittel, um die Amerikaner auf einen Krieg einzuschwören, oder um die extrem liberale Waffengesetzgebung in den USA zu verteidigen. Dafür bekam er im Frühjahr einen Oscar verliehen. Seine Dankesworte sind berühmt. "Shame on you, Mr. Bush" rief er ins Mikrofon, als der Krieg gerade fünf Tage andauerte.

Moore ist einer, der geschickt mit den Erwartungen seiner Zuhörer spielen kann. Er beherrscht sein Publikum. Sein Auftritt ist ein ständiger Wechsel zwischen politischer Rede, ein bisschen Slapstick und Satire. Er donnert los, wenn er für den Erhalt des deutschen Sozialnetzes plädiert ("Wir sitzen alle in einem Boot"), er senkt seine Stimme, wenn er beispielsweise auf die nächsten Präsidentschaftskandidaten zu sprechen kommt, und er kritisiert die Teilnahme der Bundeswehr am Afghanistan-Einsatz. Damit hatte das Publikum nicht gerechnet.

Zum Abschluss dürfen die Fans Fragen stellen. Ob er sich von der CIA bedroht fühle, möchte eine junge Frau wissen. Nein, das nun nicht direkt, aber wer sich informieren wolle, solle sein Vorwort zu "Stupid White Men" lesen. Es habe Versuche gegeben, die Veröffentlichung zu behindern. Auch langwierigen Ausführungen seiner Fans hört er aufmerksam zu, während die anderen schon pfeiffen. Aber was sein wichtigstes politisches Ziel angeht, die Abwahl von George W. Bush Ende nächstes Jahres, ist er zuversichtlich. Schließlich gebe es eine Person, die mit Sicherheit dafür sorgt, dass Bush nicht wieder Präsident der USA wird: George W. Bush.

Tim Schulze

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