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Mystery-Thriller: Reiz des Unerklärlichen

Es geht um alte Geheimbünde, vielschichtige Verschwörungen, unheimliche Verbrechen oder schlicht um das Böse. So genannte Mystery-Thriller beherrschen seit Wochen die Bestsellerlisten.

Ganz oben in der Gunst der Leser stehen Meister des Genres wie Dan Brown ("Diabolus", "Sakrileg!"), aber auch deutsche Autoren wie Jörg Kastner ("Der Engelspapst"). Und immer neue Titel wie "Die stumme Bruderschaft" von der Spanierin Julia Navarro rücken in das Regal der Neuerscheinungen nach. Allen gemeinsam ist eine Mischung aus Krimi, Horror und Historienroman. Die Handlung führt den Leser zurück zu historischen Ereignissen oder lässt eine düstere Legende Wirklichkeit werden.

"Unterhaltsame Spannung aufbauen und gleichzeitig dem Leser das Gefühl geben, dass er etwas lernt", beschreibt Joachim Jessen, Literaturagent und Geschäftsführer bei der Thomas Schlück GmbH in Garbsen bei Hannover, das Rezept der Mystery-Thriller. Die Agentur vermittelt unter anderem für die Erfolgsautoren Dan Brown, Andreas Eschbach und Ken Follett. So gebe es zum Beispiel über die Geschichte der Templer viele Sachbücher, sagt Jessen. Aber erst durch einen Roman wie "Sakrileg" sei das Thema auch bei einer breiteren Öffentlichkeit auf Interesse gestoßen.

Die Auflösung der Geschichte bleibt unklar

Die klassische Detektivgeschichte á la Agatha Christie sei wie ein "logisches Rätsel" aufgebaut, erläutert der Essener Literaturwissenschaftler Prof. Jochen Vogt: "Man kann überlegen, wer der Täter war - und am Schluss wird es erklärt." Dagegen würden bei neueren Krimis vermehrt geheimnisvolle Vorgänge in den Vordergrund gestellt, die nicht logisch nachvollziehbar sind. "Die Menschen zweifeln heutzutage, dass alles aufklärbar ist, deshalb spielt Irrationalität eine größere Rolle", sagt der Krimi-Experte.

"Der Held kommt aus der Normalität und gerät in eine Krise, die sein Weltbild erschüttert: Er weiß nicht mehr, ob er normal oder verrückt ist", analysiert der Religionswissenschaftler Peter J. Bräunlein von der Philipps-Universität-Marburg. "Das Unerklärliche wird behauptet, als wäre es existent." Und Andreas Jahn-Sudmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft an der Uni Göttingen, ergänzt: "Die Auflösung der Geschichte bleibt unklar, man weiß nicht, ob das Mysterium am Ende verschwunden ist oder wieder auftaucht."

Fernsehserien wie "Akte X" haben zur wachsenden Popularität beigetragen

Bei Filmen ist das mysteriöse Genre schon seit längerem beliebt und bringt Kassenerfolge wie "Blair Witch Project" oder "The Village" hervor. Auch Fernsehserien wie "Akte X" haben zur wachsenden Popularität solcher Themen beigetragen. Frühe Vorbilder in der Literatur finden die heutigen Autoren etwa bei Edgar Allan Poe (1809- 1849) oder dem englischen Schauerroman des späten 18. Jahrhunderts.

"In unserer globalisierten Welt fällt es dem Einzelnen zunehmend schwerer, Zusammenhänge und Machtstrukturen zu durchschauen", meint Schriftsteller Kastner. "Mystery-Romane verschaffen den Lesern für die Zeit der Lektüre zumindest die Illusion, die großen Zusammenhänge - die Geheimnisse unserer Welt - durchschauen zu können." Auch für seinen Kollegen Eschbach ("Das Jesus Video") ist das Besondere an dieser Art Bücher, dass man "an der Enthüllung eines Geheimnisses beteiligt wird, das mit der realen Welt zu tun hat".

Religiöse Motive haben Konjunktur

Bei den Lesern von Mystery-Thrillern vermutet Autor Kastner "ein spezielles Interesse an religiösen beziehungsweise historischen Themen". Auch nach Beobachtung von Religionswissenschaftler Bräunlein haben religiöse Motive Konjunktur. Die Mystery-Geschichten stellten elementare Wirklichkeitskonzepte in Frage und spännen das "Was wäre wenn" weiter.

Nach der Erfahrung von Literaturagent Jessen beeinflusst aber oft auch die allgemeine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage den Erfolg von Büchern bestimmter Gattungen. So hätten vermutlich die wachsende Bedrohung durch den Terrorismus und die von US-Präsident George W. Bush beschworene "Achse des Bösen" den aktuellen Boom von Thrillern unterstützt, in denen es um dunkle Machenschaften im historischen Gewand geht.

Petra Albers/DPA