HOME

Polemik: "Meine Sonntage mit 'Sabine Christiansen'"

Der Polit-Talk "Sabine Christiansen" ist zum Inbegriff der Vermischung von Politik und Unterhaltung geworden. Seit mehreren Wochen sorgt die bisher wohl schärfste Polemik gegen Christiansens ARD-Talkshow für Aufmerksamkeit.

Spätestens seit Friedrich Merz, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Moderatorin zur 250. Ausgabe mit der Feststellung gratulierte, ihre TV-Sendung bestimme die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der Bundestag, melden sich auch Kritiker zu Wort. Seit mehreren Wochen sorgt die bisher wohl schärfste Polemik gegen Christiansens ARD-Talkshow für Aufmerksamkeit: Walter van Rossums Buch "Meine Sonntage mit "Sabine Christiansen" - Wie das Palaver uns regiert".

Jeden Sonntag wird Deutschland gerettet

Dabei geht es dem Autor, der unter anderem beim WDR die "Funkhausgespräche" moderiert, nicht in erster Linie um Sabine Christiansen. Er hat sich "ein paar Monate lang mit wachsendem Grauen" die Sendung angesehen, um herauszubekommen, "wie Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft wirklich funktioniert". Und dabei hat er festgestellt, dass die Talkrunde immer nach dem gleichen Muster abläuft: "Leitmotivisch geht es jeden Sonntag darum, Deutschland erst in Gefahr zu wiegen, um es anschließend zu retten."

Austauschbare Katastrophentalks

"Jeder dieser Katastrophentalks ist komplett austauschbar", schreibt van Rossum. Und wenn man die "Palavermasse" als Text ohne Quellenangabe zu Papier brächte - 98 Prozent des "Wortumsatzes" ließen sich "keiner Person, keiner Richtung, keinem Programm, keinem Konzept und keinem Sprecher zuordnen". Und er belegt das in drei Fällen durch ausführliche Zitate, deren Urheber (Olaf Scholz, Angela Merkel, Heinrich von Pierer) er erst am Kapitelende verrät.

Themen, über die nie getalkt wird

Doch der tiefere Zorn des Autors gilt den Fakten und Zusammenhängen, über die bei "Sabine Christiansen" nicht gesprochen wird. Während regelmäßig ein Ende des Anspruchsdenkens der Bürger gefordert werde, sei von Milliardensubventionen für die Wirtschaft nicht die Rede. Während Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für neue Arbeitsplätze verlangt werde, frage niemand, wo denn das Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts geblieben sei - immerhin einige hundert Milliarden Euro.

Kassandra-Rufe der Parteibonzen

Selbst wenn es den "voll versorgten Anspruchsbürger" geben möge, sei dies nichts gegen diejenigen, die bei "Christiansen" über ihn diskutierten: "voll versorgte, mit abstrusen Sondervergütungen und Subventionen gemästete Multimillionäre, Spitzenbeamte mit beträchtlichen Nebeneinkünften, die unaufhörlich und mit unerträglicher Dreistigkeit alles "vom Staat" verlangen". Und: "Jeden Sonntag empören sich ausgebuffte Parteibonzen über Zustände, die sie meist seit Jahrzehnten selbst angerichtet haben."

Die Wünsche der Chefetage

Er hätte sich auch eine andere Sendung oder ein anderes Medium zur Beobachtung aussuchen können, schreibt der Autor, doch "im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht". Ständig werde propagiert: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze. Zweieinhalb bis drei Prozent Wachstum pro Jahr seien nötig, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeige, dass die Arbeitslosigkeit "seit 1970 in stetigen Schüben angeschwollen" ist - bei Wachstumsraten der Wirtschaft von teilweise über fünf Prozent.

Erste Auflage vergriffen

Mit seinem als 185 Seiten starkes "KiWi"-Paperback bei Kiepenheuer & Witsch verlegten Buch scheint der Autor einen Nerv getroffen zu haben. Die erste Auflage von 10 000 Exemplaren ist bereits vergriffen, die zweite wird gedruckt. In ihr wird ein Satz fehlen, den die "Christiansen"-Produktionsfirma moniert hatte und auf den der Verlag per Unterlassungserklärung verzichtet: dass ein Mitarbeiter von Finanzminister Hans Eichel als Berater bei "Christiansen" für die Auswahl der Gäste zuständig sei. Alle übrigen Tatsachenbehauptungen van Rossums blieben unbeanstandet.

Klaus Koch, DPA