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Stephen King in Deutschland Unterwegs mit dem Horror-König


Stephen King war auf Lesetour in Deutschland und Frankreich. Der stern hat ihn exklusiv dabei begleitet. Wie tickt der Schreckensmeister wirklich?
Von Kester Schlenz

Ich hab's auch nicht immer leicht", sagt Stephen King lächelnd und zerteilt genüsslich ein Wiener Schnitzel. Neulich habe eine alte Dame in einem Supermarkt zu ihm gesagt: "Hey, ich erkenne Sie, Sie sind dieser Stephen King, der immer dieses Horror-Zeugs schreibt. Und dann werden da so scheußliche Filme draus. Eklig. Aber gestern, da habe ich mal eine wirklich gute Literatur-Verfilmung gesehen: 'Die Verurteilten' mit Morgan Freeman und Tim Robbins. So was sollten Sie mal schreiben."
Und King sagte: "Sorry, Lady, das Buch ist auch von mir."
Und die alte Dame habe empört geantwortet: "Nee, kann nicht sein. Isses nicht."

So ist es nun mal: Stephen King ist und bleibt für alle der King of Horror. Auch, wenn er einiges sehr Gutes ohne Monster, Mumien und Mutationen geschrieben hat. Er ist nicht wirklich betrübt deswegen. 400 Millionen verkaufte Bücher sind ein guter Trost.

King sitzt entspannt in einem typisch bayerischen Restaurant in München. Am Vortag hat er die amerikanische Truppenbasis in Ramstein besucht. Es war sein Wunsch, dort verletzte Soldaten zu treffen. "Da hat mich", sagte er, "ein zackiger General mit Bürstenhaarschnitt begrüßt und ich dachte: Mist, wie sehe ich aus? Ich hätte mir die Haare schneiden sollen." King wurde trotz seines vollen Haupthaares sehr herzlich empfangen, aber das Schicksal der in Afghanistan und im Irak Verwundeten machte ihm schwer zu schaffen. "Da war eine junge, Frau, die im Rollstuhl saß", erzählt er. "Sie war am Kopf verletzt worden und konnte nur noch ein Wort sagen. Egal, was man sie frage: Ihre Antwort lautete immer nur 'Yes'."

Er ist nie zynisch

King, der zwar keine Rampensau, aber ein großartiger Erzähler ist, wird plötzlich still. Über die Schreckensszenarien in seinen Büchern kann er mit großem Elan reden. Der reale Horror ist dann aber doch etwas anderes. In Ramstein hat er der schmutzigen Wirklichkeit ins Auge gesehen. Wie damals vor 14 Jahren, als ihn bei einem Spaziergang ein Kleinbus erfasste und schwer verletzte. Da hat die Realität auch ihm grausam mitgespielt. Er brach sich unzählige Knochen und lag drei Wochen im Krankenhaus. Bis heute spürt King die Folgen. Er kaufte später den Unfallwagen, um ihn persönlich zu zerstören. Als ob der den bösen Geist in der Maschine vernichten wollte.

Eine Woche zuvor im "European American Press-Club" in Paris: Der Schriftsteller hat soeben erst europäischen Boden betreten. Etwas müde trottet er in den Raum. Ein schmaler Herr von 66 Jahren. Mit seinem beigen Pullover und dem netten Lächeln sieht er richtig harmlos aus. Aber man darf sich nicht täuschen lassen.
"Mr. King, was wollen Sie Ihren Lesern geben?" fragt jemand. "Ich will, dass Ihr euch beim Lesen mit einer Hand in euren Sesseln festkrallt", sagt King.

Der Saal in Paris ist überfüllt. Da King sich entschieden hat, in Europa nur Frankreich und danach Deutschland zu besuchen, ist es für Journalisten aus dem Rest der Welt die einzige Chance, den Schriftsteller zu sehen und ein paar Fragen zu stellen. Selbst aus China ist jemand da. King antwortet mit viel Humor und liefert, was von ihm erwartet wird: gutes Entertainment. Aber er ist nie zynisch. Eine Spanierin stellt in einem äußerst bizarren Englisch eine Frage. Sie will ihn fragen: "How autobiographical is your work?", aber es klingt wie "auto-bagrio-klafical". Alle lachen. King nicht. Er ahnt, wie peinlich es der Frau ist und bittet sie lediglich freundlich, die Frage zu wiederholen.

Der Rummel ist ihm sichtlich unangenehm

Nach der Presskonferenz muss King zu einem Empfang mit all seinen europäischen Verlegern. Der Jet-Lag macht ihm zu schaffen. Aber er zieht die Small-Talk-Runde professionell durch. In Paris, sagt er, werde er noch in Ruhe den Louvre besuchen. "Und später werde ich dann Lippenstift auflegen und den Grabstein von Oscar Wilde küssen."

King wirkt wie einer, der in sich ruht. Er muss niemandem mehr was beweisen. Auch, wenn er mal gesagt hat, dass seine Werke das literarische Äquivalent zu einem Big Mac mit Pommes seien. Er weiß genau, dass ihn mittlerweile auch das Feuilleton liebt.

Für den deutschen Heyne-Verlag ist King der wichtigste Autor. So würde dessen Verleger Ulrich Genzler das nie sagen. Schließlich hat er auch Leute wie John Grisham im Programm. Aber "the Master of Horror", das ist schon ein besonderes Ereignis. King war noch nie in Deutschland. Er bringt nicht nur Umsatz, er lädt die Marke mit seinem Ruhm positiv auf. Aber das schafft auch Druck. Alle bei Heyne wollen, dass ihr Starautor sich verdammt noch mal in Deutschland wohlfühlt. Besser noch, dass er seinen Trip genießt. Das ist allerdings nicht ganz leicht. Stephen King ist wirklich nicht schwierig, aber er ist schüchtern. Der große Rummel um ihn ist ihm sichtlich unangenehm. Warum er denn dann überhaut gekommen sei? "Ich konnte nach 20 Jahren einfach nicht mehr nein sagen."

Die Atmosphäre erinnert an Rockkonzerte

Das Interesse an King ist gewaltig. Eine Autogrammstunde in der größten Buchhandlung von Paris musste irgendwann abgebrochen werden, weil der Andrang einfach zu groß war. Tausende waren gekommen und blockierten die Straße, weil nicht mal annährend alle reinpassten. Auch in Deutschland sind seine beiden Lesungen im Circus Krone in München und im Congress Center in Hamburg große Events. Die Atmosphäre erinnert an Rockkonzerte. Frenetischer Beifall, als King die Bühne betritt. Und dann steht er da in T-Shirt und Jeans, und der Applaus hört nicht auf. King ist locker, lässt sich geduldig interviewen, liest dann selber ein Kapitel aus seinem neuen Roman "Doctor Sleep" und lauscht fasziniert der Lesung eines weiteren Kapitels von seiner deutschen Hörbuchstimme. "Ich spreche kein Deutsch“, sagt er. "Aber das eben hat mich berührt. Wow, Leute, ich habe meinen eigenen Sound gehört."

In Hamburg will King unbedingt die Reeperbahn besuchen. Vor allem den Star Club muss er einfach sehen. Den Ort, wo die Beatles anfingen. Musik ist seine große Leidenschaft. Pop gern, aber vor allem liebt er harten, schweren Rock. AC/DC ist seine Lieblingsband. King spielt selber Gitarre in einer Amateurgruppe, den Rock Bottom Remainders. Die Band besteht nur aus Leuten, die irgendwas mit Büchern zu tun haben.

"Mr. King, welches Gitarrenriff des AC/DC-Gitarristen Angus Young beherrschen Sie?"
"Leider keines, verdammt."
"Und welchen Song würden sie gern spielen können?"
"Thunderstruck" sagt er, spielt Luftgitarre und ruft "Thunder!"
Dann grinst er und sagt: "Wissen Sie, was ich einfach nicht fassen kann?"
"Nein. Was denn?"
"Ich hab mir neulich noch mal den Woodstock-Film abgesehen. Dieses großartige Festival. Und schauen Sie, wer damals alles dabei war und nun nicht mehr unter uns ist: Jimi Hendrix, Alvin Lee, Janis Joplin, Keith Moon. Alle tot. Aber ausgerechnet Joe Cocker, der nix ausgelassen hat, und über den man sich damals schon große Sorgen gemacht hat: Der lebt und singt immer noch. Ist doch irre!"


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