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Vorbilder: Nehmen wir zum Beispiel Mama!

Bohlen? Quatsch! Gandhi? Auch nicht. Eine große stern-Umfrage zeigt: Das wichtigste Vorbild der Deutschen kennen wir nicht vom Fernsehen oder aus Schulbüchern - sondern seit unserer Geburt.

Sie leuchten im Licht der Bühne, gleißen im Blitz der Kameras. Sie bauen Hütten im Urwald, erfinden die Welt neu, schießen Tore. Und sie nehmen uns fest in den Arm, bringen uns das Laufen bei. Sie sind nicht so wie wir, aber wie sie würden wir gern sein. Fragt man die Deutschen nach ihren Vorbildern und Idolen, schaut man tief in ihre Seele: Zu wem blicken wir auf? Wem eifern wir nach?

Michael Schumacher ist gerade Weltmeister geworden, das Wunder von Bern läuft im Kino, Robbie Williams war auf Tour, Bohlen verdient Millionen. Siegreich sind sie alle, Idole des Erfolgs, reich, konsequent und strahlend. Doch wenn es um echte Vorbilder geht, scheint mehr gefragt als Fahrstil und Stimme. Unter den Top Ten der großen Umfrage, die der stern in Auftrag gegeben hat, finden sich fünf Männer und Frauen, die mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurden, darunter Albert Schweitzer, Martin Luther King und Michail Gorbatschow - Ikonen des Friedens, Selige, Ideale. Ganz oben jedoch steht jemand, der nicht täglich über den Bildschirm flimmert, sondern eine, die manchmal gern davor sitzt - Mama. Wer hätte das gedacht? Die eigene Mutter ist das Vorbild der Deutschen. Die andere, Mutter Teresa, belegt Platz zwei.

Noch eine Überraschung? Gerne. Denn die Freudentränen derer, für die das Abendland wegen Daniel Küblböck und seinen "Superstar"-Kollegen im Wochenrhythmus untergeht, werden gar nicht mehr trocknen: Nicht nur, dass Mama die Pole Position unter den Vorbildern errungen hat - wer hat sie dahin gewählt? Mehr als 40 Prozent der 14-bis 29-Jährigen! Mutti ist also die Beste - auch und gerade für jene, die sonst gern dafür gescholten werden, Liebe und Respekt gegen Ego und Konsum eingetauscht zu haben. Die können also nachts zu spät aus der Disco nach Hause kommen, trotz mahnender Worte stundenlang an der Playstation sitzen - und trotzdem sehen sie in ihrer Mutter und ihrem Vater jemand, dem sie nacheifern wollen. Denn Papa hat im Vorbild-Wettbewerb Bronze gewonnen und Nelson Mandela auf den vierten Platz verwiesen.

Papa und Mama.

Das steht für mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich die Deutschen einigen können. Das steht für viele Sehnsüchte und Ängste. Das Ergebnis ist keine Rückbesinnung auf ein Familienidyll mit Hausmusik und Kirchgang, und es bedeutet nicht, dass da eine Generation von Muttersöhnchen und -töchterchen aufwächst. Zu tun hat das Bekenntnis zu den Eltern aber sehr viel mit der gefühlten und realen Weltlage.

Denn die zeigt vielen, dass alles immer schlechter oder schwerer wird - und dass sie keinen Einfluss haben auf ihre Zukunft. Viele fragen sich, ob "die da oben" selbst noch wissen, was sie tun - wenn sie etwas tun. Die Sehnsucht nach Vorbildern ist mit Händen zu greifen: Arnold Schwarzenegger wird Gouverneur? Endlich mal ein starker Mann! Die Nationalmannschaft hat sich (gegen Island) zur Europameisterschaft geschossen? Die Frauen sind gar Weltmeister? Die "Bild" schreit es heraus: "Wir haben wieder Helden!" Doch kein Oliver Kahn weiß, wie wir unsere Rente sichern. Kein Schwarzenegger gibt uns Lehrstellen. Kein Schröder kann uns seine Reformen erklären. Keiner scheint zu wissen, wo's langgeht.

Diese Stimmung trifft die Jungen besonders hart - also orientieren sie sich an Menschen, die einen entscheidenden Teil ihres Lebens bereits gemeistert haben: an ihren Eltern. Die meisten Kinder und Jugendlichen wissen oder ahnen zwar, dass sie ein völlig anderes Leben führen werden als ihre Mütter und Väter. Sie werden öfter den Arbeitsplatz wechseln, wenn sie einen bekommen. Ihr Lebensplan, so sie einen haben, wird öfter umgeschrieben werden als der ihrer Eltern - aber die, und das fühlen sie, haben viel richtig gemacht. Und wenn die Mutter dabei auch noch Robbie Williams so toll findet wie ihre Tochter oder der Vater Michael Ballack schätzt wie der Sohn - dann ist man sich näher als viele vergangene Generationen einander.

So ist die Wahl für die Forschung keine Überraschung. Wolfgang Bergmann, Erziehungswissenschaftler und Vater dreier Kinder, erklärt das Ergebnis mit frühkindlicher Prägung und Narzissmus - mit dem Urwunsch, in einer Welt zu leben, die nur dazu da ist, für uns zu sorgen, in der wir die Kontrolle haben und in der wir uns breit machen können, als ob es keine anderen Menschen gäbe. "Diesen Traum nährt unsere Mutter in uns", sagt Bergmann, "das ergibt eine enge Bindung: Ich habe Hunger, ich werde gefüttert; mir ist kalt, ich werde versorgt. Ich werde getragen, die Wirklichkeit berührt mich nicht. Dieser Narzissmus hat im Zeitalter des Internets eine ungeahnte Aufwertung erfahren."

Kinder von heute surfen versiert und kreativ durchs Netz, alles scheint nur darauf zu warten, dass sie es nehmen und verwerten. "Aber dieselben Kinder warten darauf, dass ihre Mama ihnen das Frühstück macht, ihnen die Wäsche wäscht, sie rundum versorgt, genau so wie es ihrem Grundbedürfnis entspricht."

Dass die Welt, in der wir leben, eine Rolle spielt bei der Wahl unserer Vorbilder, ist auch dem Wissenschaftler klar. "Gerade in einer Zeit zerrissener Werte bezieht man sich auf die heile Familie - und im Zentrum steht das Weibliche", sagt er. "Wir haben auf den vorderen Plätzen nur Männer, die mit Frieden, mit Anti-Gewalt verbunden werden, eine typisch weibliche Eigenschaft. Mandela, Gandhi und Mama unterscheiden sich nicht so stark."

Eltern haben alle Vorzüge, die Vorbilder mitbringen müssen, und die haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht groß geändert. Erstens: Sie sind einem nahe - näher als jedes andere Vorbild und Idol, sogar körperlich nahe - und bieten dadurch die beste Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren. Um Nähe zu einem Vorbild zu empfinden, braucht man es jedoch nicht persönlich zu kennen, es genügt, wenn es ein paar Tage die Woche per Fernsehen vorbeischaut wie Vorbild Günther Jauch, der als erster Star auf Platz 11 der Liste auftaucht. Jauch gehört zur Familie, auf ihn kann man sich verlassen, er ist da, wenn er sagt, dass er kommt. Wir schauen "Wer wird Millionär" und möchten auch so klug sein, so charmant, möchten gern alles unter Kontrolle haben wie er. So einen Schwiegersohn, das wäre was, so ein reicher gepflegter Ewigjunger, der nebenbei den Regenwald rettet.

Langzeitwirkung ist der zweite Punkt: Idole kommen und gehen, Vorbilder aber haften in der Erinnerung. Dabei müssen sie nicht unbedingt Wärme und Sicherheit gespendet haben wie Mama; sie sollten aber für etwas "stehen" oder gestanden haben: wie Max Schmeling bei seinem WM-Sieg 1930 den Millionen Arbeitslosen für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Fritz Walter steht für das "Wir sind wieder wer!" der Fünfziger, James Dean für die Revolte der Jugend gegen die Erwachsenen - und wie Lady Diana dafür, dass es wenigstens fürs Vorbildbleiben nicht schaden kann, früh genug abzutreten.

Oskar Schindler und die Geschwister Scholl sind "das gute Deutschland", Mutter Teresa steht fürs demütig Gute in einer bösen Welt. Die Politikerin Regine Hildebrandt gab vor allem Frauen das Gefühl, dass es sich lohnt, Rückgrat zu zeigen und den Mund aufzumachen. Und bei Muhammad Ali konnte sich jeder etwas aus dem Idol-Cocktail herauspicken, was seine Popularität bis heute konserviert.

Wichtiger dritter Punkt: Wer zu Lebzeiten als Vorbild genannt wird und eines bleiben will, darf keinesfalls diejenigen enttäuschen, die sein Bild vor sich hertragen. Es gibt Idole und Vorbilder, die über Jahre hinweg immer wieder genannt werden - wie Herbert Grönemeyer, Steffi Graf und Uwe Seeler. Aber Boris Becker, das große Vorbild der achtziger Jahre, hat es in der Zeit nach dem Tennis genauso vermasselt wie Oliver Kahn während seiner Karriere. Fehltritte, Abstecher vom Pfad der Tugend, Zweifel und Scheitern wird nur wenigen verziehen: großen Persönlichkeiten wie Willy Brandt und John F. Kennedy etwa.

Wenige schaffen es auch, bei allen beliebt zu sein, bei Männern, bei Frauen, in Ost und West. Fritz Walter und Rudi Völler sind Vorbilder der Männer, Romy Schneider und Lady Di der Frauen. Menschen jenseits der 50 nennen Graf von Stauffenberg und Karlheinz Böhm, die Jugend steht auf Bill Gates, Jan Ullrich und Arnold Schwarzenegger. Besonders interessant wird die Umfrage, wenn man sie nach Ost und West sortiert. Dann nämlich fällt auf, dass im Osten nur zwei Idole der DDR Vorbilder geblieben sind, der Kosmonaut Sigmund Jähn und der Radfahrer Täve Schur. Dazu in ihren Top 20: Genscher, Brandt und Schmidt - Ostpolitik, Kniefall, Prager Botschaft. Im Westen hat es von den deutschen Politikern nur Adenauer unter die ersten 20 geschafft. Aktive Politiker tauchen in der Umfrage sehr weit hinten auf. Johannes Rau liegt auf Platz 63, hinter Schwarzenegger und vor Joschka Fischer.

Ein Satz zum Schluss: Natürlich sind wir keine Heiligen. Viele, die Mutter Teresa als Vorbild haben, werden Obdachlosen keinen Cent geben. Aber die Sehnsucht ist da, unsere Sehnsucht nach Größe, nach Menschen, die in ihrem Leben vieles richtig gemacht haben. Und dann wäre der Zeitpunkt, Mutti mal einen Kuss zu geben oder Vati ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Oder umgekehrt.

Sven Stillich

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