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Zum Tode von Christa Wolf: Literarische Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts

Christa Wolf war eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart und eine literarische Zeugin des 20. Jahrhunderts. Es gab aber auch einen "dunklen Punkt" in ihrem Leben.

Ob "Der geteilte Himmel" oder "Kassandra" - Christa Wolf gehörte mit ihren Werken zu den großen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Von ihrer Geburt 1929 im heute polnischen Landsberg an der Warthe bis zum Tod mit 82 Jahren am Donnerstag in Berlin: Wolf sammelte eine Fülle an Stoff, den sie durch ihr Schreiben aufbewahrte. Wie wohl wenige deutsche Literaten hielt sie der deutschen Geschichte einen Spiegel vor. Mit ihren Brüchen wirft Wolfs DDR-Biografie aber auch Fragen auf.

Bis ins hohe Alter wurde Wolf für den Literaturnobelpreis gehandelt. Ausgezeichnet wurde sie mit dem Büchner-Preis und dem Thomas-Mann-Preis. "Frauen und Frieden" - auf diese Formel haben Kritiker das literarische Werk und gesellschaftliche Engagement gebracht. Dafür steht "Kassandra" (1983). Die "weltgeschichtliche Niederlage der Frau" war ihr Thema. Die deutsche Zerrissenheit fand in Wolf ein literarisches Sprachrohr, nicht zuletzt in der berühmten Erzählung "Der geteilte Himmel" (1963).

Mit "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" (2010) schrieb sie eine Fortsetzung ihres Buchs "Kindheitsmuster" von 1976, sie selbst sprach von ihrem letzten Roman. Das Buch ist eine Selbstbefragung zur Zeit nach dem Fall der Mauer und dem Bekanntwerden ihrer kurzzeitigen Tätigkeit für die Stasi als IM "Margarethe". Sie beharrte aber auch darauf, nie eine "Staatsschriftstellerin" gewesen zu sein".

Als erstes freigewähltes Staatsoberhaupt der DDR im Gespräch

Wolf, die mit dem Schriftsteller Gerhard Wolf verheiratet war, zählte mit Anna Seghers zu den bedeutendsten DDR-Autorinnen, denen der Konflikt zwischen Geist und Macht nicht fremd war. Sie verließ nie die DDR und ließ auch nicht zu, "dass ihr Land sie verlässt", wie es Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz formulierte. Zur DDR gab es für Wolf keine Alternative. Und doch fühlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in dem Titel "Kein Ort. Nirgends" (1979) zusammenfasste.

Die Nationalpreisträgerin, die die Bürgerrechtler unterstützte und gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestierte, trat dennoch erst 1989 aus der SED aus. Mit der friedlichen Revolution war sie als erstes freigewähltes Staatsoberhaupt der DDR im Gespräch. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf "Für unser Land", den viele als "Rettungsversuch" für die DDR missverstanden. "Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird", sagte sie später.

So hat sich Christa Wolf Anerkennung und Respekt erarbeitet, ihre Romane und Erzählungen finden Interesse in breiten Leserkreisen, auch bei Frauen. Ihnen schrieb sie oft aus der Seele. Aber die Frage, wieweit ein Künstler sich mit staatlichen Interessen identifizieren darf, weckte ein gewisses Misstrauen.

Trojanisches Pferd für die DDR-Zensur

Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki nannte sie eine "weit überbewertete Autorin". Manche warfen Wolf "Gesinnungsästhetik" vor. Ihr Buch "Nachdenken über Christa T." (1968) halten viele dagegen für einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur.

In "Kassandra" versteckte sie eine Botschaft für die Zensur in der DDR. "Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie." Sie habe dieses Land DDR einmal geliebt, schrieb Wolf nach dem Ende der DDR an ihren Kollegen Günter Grass. Sie meinte damit die Menschen, nicht den Machtapparat.

IM - zwei Buchstaben wie ein Gerichtsurteil

Ihr eigenes Gewissen musste Wolf befragen, als ein Schatten auf sie fiel mit dem Bekanntwerden ihrer früheren IM-Tätigkeit in jungen Jahren (1959-1962). Die Akte darüber legte sie selbst in einem Dokumentationsband ("Akteneinsicht Christa Wolf") offen, aber auch ihre eigene Bespitzelung durch die Stasi. Es bleibe "ein Wunder, ein dunkler Punkt" in ihrem Leben.

"Ich fühlte mich doch völlig unbelastet ... IM - weißt du, wie das ist, wenn dir zwei Buchstaben wie ein Gerichtsurteil entgegenblicken? ... Das hatte ich vergessen können? ... IM stand da, ich habe es nicht glauben wollen, Katastrophenalarm, der Schweiß brach aus", erinnerte sie sich später. "Wie konnte ich das vergessen?" fragte sich die Autorin, die ein Leben lang gegen das Vergessen angeschrieben hat.

"Du wolltest geliebt werden, auch von Autoritäten", sagt ihr im Buch "Stadt der Engel" ein Freund über ihre Motive zur Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst. Seinem beschwichtigenden Argument, sie habe doch niemandem geschadet, entgegnet Wolf ebenso nüchtern wie hart: "Doch, sagte ich trotzig. Mir selbst." Nach dem Fall der Mauer notierte sie im Buch: "Es war vorbei. Ich hatte verstanden..."

Wilfried Mommert und Esteban Engel, DPA / DPA