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Ostalgie-Satire: "Trump vernünftig": Was Erich Honecker heute denken würde

Eigentlich ist der frühere DDR-Staatschef Erich Honecker seit über 20 Jahren tot. Jetzt lassen ihn zwei Autoren anhand fiktiver Aufzeichnungen wieder aufleben - als unverbesserlichen Rechthaber, der sich seinen Reim auf die moderne Welt macht.

Erich Honecker

Erich Honecker (r.) in seinen fiktiven Tagebüchern über Altkanzler Helmut Schmidt: "Wenn er so weiter raucht, macht er's nicht mehr lange"

Erich Honecker lebt! Na gut, nicht wirklich. Der ehemalige DDR-Staatschef ist eigentlich schon 1994 in Chile gestorben. Aber was wäre, wenn er den Tod seinerzeit nur vorgetäuscht hätte und stattdessen weiter zusammen mit seiner Margot im südamerikanischen Exil weilen würde? Wenn er darüber hinaus das aktuelle Weltgeschehen putzmunter in Tagebuchform kommentieren würde?

Klingt nach einer satirischen Herausforderung - dachten sich auch die beiden Autoren Ralf Heimann ("Die tote Kuh kommt morgen rein: Ein Reporter muss aufs Land") und Daniel Wichmann ("Ella: Ein Hund fürs Leben"). Unter dem Pseudonym des fiktiven Herausgebers Jorge Nicolás Sanchez Rodriguez veröffentlichen sie jetzt "Hier ist alles Banane - Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994-2015)".

Erich Honecker: "Margot hat Pflaumen mitgebracht"

Bedeutende Figuren der Zeitgeschichte im humoristischen Kontext wieder auferstehen zu lassen, ist eine Gratwanderung - nicht immer klappt das so stimmig und erfolgreich wie bei Timur Vermes' Hitler-Satire "Er ist wieder da". Aber auch in "Hier ist alles Banane" geraten Honeckers Sichtweisen durchweg amüsant - ob es sich nun um Donald Trump ("Macht auf Margot und mich einen sehr vernünftigen Eindruck"), ungeliebte Weggefährten (Erich Mielke, Egon Krenz, die BRD) oder private Beobachtungen handelt: "Margot hat frische Pflaumen mitgebracht. Es ist wirklich erstaunlich. Obschon wir nun im Kapitalismus leben, müssen wir auf nichts verzichten."

Manchmal staunt "Honi" auch nur über die so einfachen wie effektiven Überwachungsmethoden der Neuzeit - Facebook und Twitter zum Beispiel. Überhaupt ist der aus dem Nähkästchen plaudernde Protagonist nicht selten hin- und hergerissen zwischen seiner Abneigung gegenüber den Auswüchsen des Kapitalismus und seinem persönlichen Genuss derselben: Gegen technische Errungenschaften wie den Computer und das vielfältige Fernsehprogramm oder die große Auswahl an Obst und Gemüse im Supermarkt kann auch Honecker nicht so recht anschimpfen.

Eine kleines Meisterstück der Ostalgie

"Hier ist alles Banane" - Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994-2015, Ullstein, 14,99 Euro

"Hier ist alles Banane" - Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994-2015, Ullstein, 14,99 Euro

Heimann und Wichmann legen mit "Hier ist alles Banane" ein kleines Meisterstück der Ostalgie vor - ohne Mief, aber bei aller Pointendichte auch mit Tiefgang (wenn Honecker mal wieder ein paar Stasi-Machenschaften mit unverbesserlicher Rechthaberei "rechtfertigt"). Mit großer Detailverliebtheit werden hier über rund 270 Seiten so viele Namen und Begebenheiten aus DDR-Zeiten gedroppt, dass es sich nicht jedem Spätgeborenen erschließen dürfte.

Andererseits gelingt es den Autoren, die jüngere Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte aus schräger Perspektive kurzweilig aufleben zu lassen, indem sie Honecker seinen Reim auf die Ereignisse machen lassen - vom 11. September bis zum Fußball-WM 2006 nimmt der ehemalige SED-Generalsekretär alles ins sozialistische Visier. Hier können auch jüngere Nostalgiker ausdauernd in Erinnerungen schwelgen. Sie sollten sich bloß nicht so hoffnungslos in der Gestrigkeit verlieren wie der alte Erich in seinen neuen Tagebüchern. 

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