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"28 Weeks Later": Wut im Kopf

Ein tödliches Virus kursiert, das Menschen sekundenschnell in rasende Zombies verwandelt und innerhalb von 28 Tagen fast die gesamte Bevölkerung Englands auslöscht. "28 Weeks Later" ist die Fortsetzung des erfolgreichen Schockers "28 Days Later" - und dabei nicht weniger zimperlich.

Von Jens Lubbadeh

London - ist eine Geisterstadt. Großbritannien - eine Insel unter Quarantäne. In der realen Welt sind zwar fünf Jahre vergangen, in der filmischen aber sind es nur 28 Wochen, seitdem "Trainspotting"-Regisseur Danny Boyle in "28 Days Later" England auslöschte und eine Horror-Dystopie erschuf.

Es ist das alte erschreckend und zugleich faszinierende Gedankenexperiment, das den ersten Teil beherrschte: Wie wäre es, in einer völlig menschenleeren Welt zu leben? "28 Days Later" handelte von dem Rage-Virus, das in kürzester Zeit Menschen zu tötungswütigen Monstern macht und die Bevölkerung Großbritanniens dahinraffte. "28 Weeks Later" nun ist die beklemmende Fortsetzung.

In den 28 Wochen, seitdem das Rage-Virus wütete, sind die meisten Infizierten verhungert. Nato-Truppen unter Führung der Amerikaner haben die Kontrolle übernommen, versuchen, wieder Ordnung herzustellen, nach und nach werden Leute eingeflogen und wieder angesiedelt. Eine trügerische Sicherheit macht sich breit.

Den Attacken der Infizierten entkommen

"28 Weeks Later" beginnt mit einem Flashback zum Vorgänger und erzählt die dramatische Flucht von Don (Robert Carlyle), der den Attacken der Infizierten entkommen konnte. Für sein Überleben zahlt Don allerdings einen fürchterlichen Preis: Er muss mit ansehen, wie seine Frau gebissen und somit angesteckt wird. In der Regel bedeutet dies das Todesurteil, denn innerhalb von 20 Sekunden verwandelt das Rage-Virus einen Menschen in ein rasendes Monster, das weitere Menschen anfällt und anstecken will. Don läuft davon und bringt sich in Sicherheit, in der Annahme, dass seine Frau unrettbar verloren ist...

"28 Days" und "28 Weeks Later" erinnern oberflächlich betrachtet an das Zombie-Kino der 70er und 80er-Jahre. Doch anders als in den Originalen und den gut gemachten Remakes wie "Dawn Of The Dead" sind die Zombies von heute keine übernatürlichen Gestalten mehr, sondern Opfer der unberechenbaren Natur. Die Bedrohung ist in Zeiten von Vogelgrippe und Pandemie-Angst erschreckend real und aktuell: Der Feind ist nicht das personifizierte Böse, sondern ein emotionsloses Virus, das sinnentleertes Töten erzwingt, um selbst zu überleben.

Möglichst viele Wirte infizieren

An realen Viren kommt dem Rage-Virus aus dem Film die Tollwut am nächsten - eine Krankheit, die nicht nur Tiere befällt, sondern auch auf den Menschen überspringt. Die Symptome sind Rage durchaus ähnlich, wenn auch Rage in Geschwindigkeit und Ausmaß weitaus aggressiver ist. Die Tollwut wird durch stäbchenförmige Viren hervorgerufen, die in das Nervensystem eindringen und es so verändern, dass Tiere (und Menschen) aggressiv, bissig und furchtlos werden. Der Sinn dieser Verhaltensänderung ist klar: Möglichst viele andere Wirte infizieren und das Virus verbreiten. Erstaunlich, dass ein solch simples Konstrukt wie ein Virus (ein bisschen DNA oder RNA in einer Hülle) es schaffen kann, ein solch komplexes Gebilde wie ein Gehirn gezielt für seine Zwecke zu manipulieren.

Es macht Spaß in "28 Weeks Later" die Aufnahmen eines leeren London zu genießen, das vom selbstherrlichen Militär Schritt für Schritt wieder in Gang gebracht wird. Doch mit der Ruhe ist es schnell vorbei: Der Nachfolger ist noch blutiger, noch schneller als "28 Days Later". Zwar hat "28 Weeks" bezüglich der Handlung keine großen Überraschungen zu bieten - was sonst als ein erneuter Virenausbruch soll in einem solchen Sequel passieren? Doch das ist vielleicht sogar von Vorteil, weil man sich - wissend, was da kommen wird - mehr auf Details und Schauspieler konzentrieren kann. Und die sind gut. Juan Carlos Fresnadillo, der diesen Teil drehte, braucht sich hinter Danny Boyles Erstling nicht zu verstecken. Beide Teile zeigen die Gnadenlosigkeit des Überlebenskampfes und die emotionale Entmenschlichung der Überlebenden als Reaktion auf die biologische Entmenschlichung durch das Rage-Virus auf.

Doch während es Danny Boyle mehr um den Menschen und sein Bestehen in Zeiten einer solchen Herausforderung ging, ist Fresnadillos Thema in "28 Weeks Later" die Dekonstruktion von Kontrolle. So schnell wie das menschliche Gehirn vor einem simplen Virus kapitulieren muss, so ist auch ein hochgerüstetes Militär trotz all seiner Strukturen, all seiner Technologie, all seiner Wissenschaft hilflos angesichts dieses Feindes. Das Ende jedenfalls ist nicht so simpel und macht Hoffnung - auf "28 Months later".