"Beste Zeit" "Hintn muaß a Ergebnis rauskemma"


Weit entfernt von Lederhosen-Klischees legt der bayerische Erfolgsregisseur Marcus H. Rosenmüller mit "Beste Zeit" seinen dritten Kinofilm vor. Auch Erwin Huber (CSU) ist begeistert und kündigt den Siegeszug des "bayerischen Blockbusters" an.
Von Julian Weber

Stockfinstere Nacht irgendwo auf einer bayerischen Landstraße: "Sie, ham Sie mi grad beleidigt?" schnauzt der halbwüchsige Rocky die Eltern von seiner Flamme Kati unvermittelt an und stellt sich ihrem Auto in den Weg. Es ist nämlich so, die Kati hat den elterlichen VW-Bus bei einer heimlichen Spritztour in den Graben gesetzt. Bis er von da wieder herausgezogen ist, müssen Katis Eltern von Rocky irgendwie aufgehalten und abgelenkt werden. Und so nimmt eine der lustigsten Szenen in Marcus H. Rosenmüllers neuem Film "Beste Zeit" an Fahrt auf und entwickelt sich zu einem sprachlichen und situationskomischen Hochgenuss in Sachen bayerischen Humors.

Irgendwo zwischen "Komödienstadl" und Luis Bunuel

Wie Rocky, der für seine Freundin Kati alles tun würde, fühlt sich Marcus H. Rosenmüller auch, wenn er für das Gelingen seiner Filme kämpft und nächtelang dran sitzt, bis alles stimmt. Vor Rosenmüller gab es in Sachen bayerischer Filmkomödie nicht allzuviel zu berichten. Er selbst sieht seinen Stil irgendwo zwischen "Komödienstadl" und Luis Bunuel. Am ehesten lässt sich Rosenmüllers drastische Ästhetik mit den alten bayerischen Fernsehserien aus den Siebzigern und Achtzigern vergleichen. Titel wie "Monaco Franze" und "Irgendwie und Sowieso" genießen auch über Bayern hinaus Kultcharakter. Manche dieser Filmszenen konnte Rosenmüller als Kind auswendig aufsagen. Aber das ist lange her.

Film, sagt Marcus H. Rosenmüller heute im breitesten bayerischen Dialekt, das sei wie Mathematik. "A bissl Wurzelziehn und hintn muaß a Ergebnis rauskemma." Bisher geht diese Rechnung mehr als auf. Rosenmüllers im Herbst 2006 angelaufenes Spielfilmdebüt „Wer früher stirbt ist länger tot“ haben bis jetzt 1,6 Millionen Zuschauer im Kino gesehen. Er habe "riesiges Massl ghabt", also eine Menge Glück, wie der 34-Jährige gesteht. Nach dem 100.000. Besucher befand der Regisseur gleichwohl, dass es "schee langsam gnuag" sei.

Lausbuben-Aktionen zwischen Wirtshaus und Kuhstall

Mit dem Überraschungserfolg schmückt sich inzwischen auch Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU), der vom Siegeszug eines "bayerischen Blockbusters" sprach. Der Held in Rosenmüllers Erstling ist freilich nicht im großen Filmstudio am Reißbrett entworfen. Den hat sich der Regisseur nach Beendigung der Filmhochschule ausgedacht, als er abgebrannt zu Hause an seinem Drehbuch saß und buchstäblich um die einzige Chance schrieb. Die Geschichte vom kleinen Sebastian, der versucht, den Tod seiner Mutter mit allerhand anarchischer Lausbuben-Aktionen zwischen Wirtshaus, Kuhstall und Schlafzimmer wettzumachen, ist weder brav, noch bieder.

Statt volkstümlicher Musik spielt krachlederner Rock'n'Roll

Rosenmüller hat einfach Gespür für die einfachen Leute vom Land, er weiß, wie sie sprechen und er kennt ihren nicht immer reibungslosen Alltag. Die bayerische Provinz kommt bei ihm ohne die sattsam bekannten Klischees zwischen "Laptop und Lederhose" aus, stattdessen regieren Chaos und Sturköpfigkeit und statt volkstümlicher Musik spielt krachlederner Rock'n'Roll. Eigen mögen sie sein, die Bayern, blöd aber deswegen noch lange nicht. "Selbst die Leute von Land haben ja heutzutage eine Bildung", findet der Regisseur "und wissen gewisse Sachen einzuordnen". Rosenmüllers Credo ist denn auch vom bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf übernommen. Der schrieb auf seine Visitenkarte einst "Beruf: Provinzschriftsteller. Spezialität: Ländliche Sachen". Wie sein Vorbild Graf fleißig Bücher schrieb und dabei dem Volk genau aufs Maul schaute, dreht auch Rosenmüller seine Filme mit Liebe fürs Detail.

Ob im "Lindenkino", im oberbayerischen Bad Aibling, wo "Wer früher stirbt..." alle historischen Zuschauerrekorde brach, oder im Studio-Kino im Hamburger Szenestadtteil "Schanzenviertel", wo Rosenmüllers Debüt wochenlang in einer Matinee lief - der Erfolg war flächendeckend. Der 34-jährige Regisseur hat dafür ein eigene Theorie: "Wenn im Globalen alle Grenzen wegfallen, kann das bedeuten, dass man sich im Regionalen wieder stärker spiegelt."

Bereits während der Dreharbeiten von "Wer früher stirbt..." arbeitete Rosenmüller an seinem zweiten Film "Schwere Jungs". Die Sport-Komödie über zwei verfeindete bayerische Bobteams aus dem gleichen Dorf, die beim Kampf um die Goldmedaille bei der Olympiade 1952 in Oslo gegeneinander antreten, war möglich geworden, weil eine Produzentin der Olga-Film dem Regiedebütanten mehr zutraute - eine absolute Seltenheit. Für die Ausstattung von "Schwere Jungs" ließ sich Rosenmüller monatelang Zeit und entschied sich gegen alle Einsprüche auch für eine Naturbobbahn als Setting.

"Wenn's mi interessiert, na mach ich's, boarisch oder net"

"Beste Zeit", Rosenmüllers dritte Regiearbeit, ist eine Coming-of-Age-Geschichte aus der bayerischen Provinz. Diesmal kam das Drehbuch von einer jungen Kollegin. "Wenn's mi interessiert, na mach ich's, boarisch oder net", sagt der Regisseur zum Thema in seiner unnachahmlichen Art. "Beste Zeit" ist das behutsame Porträt der beiden 17-jährigen Mädchen Kati und Jo. Im Dachauer Hinterland liegt ihr kleiner Heimatort Tandern in der Einflugschneise des Münchner Flughafens, scheint aber doch meilenweit von den Verlockungen der nächsten Großstadt entfernt. Der derbe Dialekt, die Kulisse auf dem Land und die pubertierenden Protagonistinnen, die ihre Alltagssorgen zwischen erster Liebe und Fernweh ausleben, sind ihrem Regisseur Rosenmüller bestens vertraut. "Ich bin auch so aufgewachsen wie sie. Ich kenne dieses Gefühl, immer in Obhut zu sein, nur zu gut. Auch wenn die Landschaft noch so schön ist, wird es einem irgendwann einfach zu eng. Das Loslassen ist auch mit Schmerzen verbunden."

Rosenmüller stammt aus einer Siedlung in Hausham am Tegernsee. In der 8000-Seelengemeinde gibt es viel Industrie, die Atmosphäre sei "gar net so lüftlmalerisch", wie man sich ein bayerisches Städtchen auf dem flachen Land vorstellt. Nach seiner Schulzeit ist Rosenmüller von dort ausgezogen, um die Welt kennenzulernen und hat Mexiko, Vietnam und Indien bereist. Trotzdem ist er bodenständig geblieben, was man schon daran sehen kann, dass er heute für die SPD im Gemeinderat von Hausham sitzt. "Eine sinnvolle Arbeit, weil sie die Leute am Ort betrifft. Es geht um wirkliche Probleme."

Die wirklichen Probleme im Leben von pubertierenden Mädchen, Rosenmüller zeigt sie unaufdringlich, ohne den Blick des Voyeurs. Mit "Beste Zeit" knüpft er an seinen Erstlingsfilm an. Der Dialekt seiner Schauspieler entwickelt eine irrsinnige Eigendynamik, aber die Geschichte der beiden Mädchen ist universell verständlich und ungekünstelt inszeniert.


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