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"Das wandelnde Schloss": In Sophies Welt fehlt ein Held

Verflucht! Als die 18-jährige Sophie eines Morgens aufwacht, ist sie 90 Jahre alt. Und der berühmte Zauberer, den sie um Hilfe ersucht, ist auch nicht das, was er zu sein scheint... Das Zeichentrick-Märchen "Das wandelnde Schloss" ist pure Kino-Magie.

Von Ralf Sander

Alle hatten sie gewarnt: "Dieser Zauberer, dieser Hauro, der ist nur auf die Seelen junger Mädchen aus." Sophie weiß das, und so einfach verschenkt die 18-Jährige ihr Herz sowieso nicht. Tag für Tag arbeitet sie im Hutmachergeschäft ihres toten Vaters, ist ernst und gewissenhaft - und hat wenig Freude im Leben. Ganz selten geht sie überhaupt vor die Tür. Diesmal wird sie prompt von herumziehenden Soldaten belästigt. Gerade noch rechtzeitig kommt da dieser Typ, souverän, witzig, gut aussehend. Er rettet Sophie vor ihren Bedrängern. Und fliegen kann er auch noch. Da ist es um die sonst so vernünftige Sophie geschehen, sie verguckt sich in ihren Erretter - Hauro, den berühmt-berüchtigten Magier und Herzensbrecher. Die Strafe folgt noch in derselben Nacht, allerdings von unerwarteter Seite.

Die eifersüchtige Hexe aus dem Niemandsland belegt die junge Frau mit einem Fluch: Als Sophie morgens aus dem Bett steigt, erblickt sie im Spiegel das Gesichts einer 90-jährigen Frau. Die ersten schmerzerfüllten Schritte machen deutlich: Das ist keine Illusion, sie ist über Nacht steinalt geworden. Verzweifelt flieht Sophie aus der Stadt, versteckt sich auf dem Lande und versucht, Hauro und sein legendäres wandelndes Schloss zu finden. Seine Zauberkraft soll ihr ihre Jugend zurückgeben. Als sie das bizarre Gebilde aus Schiff, Eisenbahn und Schrottplatz, das dampfgetrieben auf Insektenbeinen durch die Landschaft stapft, endlich entdeckt, heuert sie dort zunächst als Putzfrau an. Hauro lebt in einer abstrusen Wohngemeinschaft mit seinem kindlichen „Manager“ Markl und dem Feuerdämon Calcifer, der in einem Kamin wohnt. Und Wurzel, die Vogelscheuche, springt da auch noch herum. Bald erkennt Sophie, dass Hauro, der sie aufgrund ihrer greisenhaften Erscheinung nicht erkennt, nicht der strahlende Held ist, für den sie ihn gehalten hat. Er ist eitel, selbstverliebt und feige, wenn es wirklich drauf ankommt. Gerade jetzt zum Beispiel, denn es zieht ein Krieg herauf...

Vergötterter Großmeister des Animationsfilms

Kaum jemand verquickt ernste und leichte Themen so elegant wie Hayao Miyazaki, nur wenige verpacken eine starke humanistische Botschaft so geschickt in überbordender Fantasie und poetischen Bildern wie der 64-jährige Großmeister des asiatischen Animationsfilms. Seine Werke verweisen regelmäßig auch gewaltigste US-Blockbuster wie „Titanic“ auf die Plätze an der japanischen Kinokasse. Mit seinem neuen Film "Das wandelnde Schloss" hat sich Miyazaki diesmal einer europäischen Buchvorlage angenommen: "Sophie im Schloss des Zauberers" von der englischen Kinderbuchautorin Diana Wynne Jones. Dennoch ist der Film ein "echter Miyazaki", Zeichen- und Animationsstil des Meisters sind unverkennbar, die von ihm geschaffenen Welten sind liebevoll gestaltet bis ins kleinste Detail und wirken ungeheuer lebendig. Die skurrilen und liebenswerten Charaktere sind fernab von Klischees, sind niemals nur gut oder nur böse. Sie haben häufig mit inneren Dämonen zu kämpfen und erscheinen auf den ersten Blick anders als sie wirklich sind.

Miyazaki kann es noch besser

Miyazakis Märchenfilm ist wunderschön, abwechslungsreich und komplex. So komplex allerdings, dass der Regisseur manchmal die Zeitsprünge und zahlreichen Ortswechsel der Geschichte nicht im Griff hat. Besonders in der letzten halben Stunde des Films gerät das Geschehen so durcheinander, dass erwachsene Zuschauer nur noch mit Mühe folgen können. Kinder würden vermutlich überfordert. Nur wegen dieser erzählerischen Schwäche reicht "Das wandelnde Schloss" nicht ganz an Miyazakis vorangegangene Meisterwerke "Prinzessin Mononoke" (1997) und "Chihiros Reise ins Zauberland" (2001) heran. Ein wunderbarer Film ist dem Altmeister dennoch gelungen.

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