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"Der Rote Baron": Der Killerkavalier

Im Ersten Weltkrieg wurde er von Freund und Feind als "roter Teufel" bewundert. Nach dem frühen Tod wuchs der Mythos weiter. Nikolai Müllerschön hat die Geschichte des "Roten Barons" nun mit Matthias Schweighöfer verfilmt. Und die bestehende Legende noch ein bisschen aufgemotzt.

Von Johannes Gernert

Er war kaum über zwanzig und schon ganz oben. Aus 3000 Metern Höhe schoss Manfred von Richthofen seine Gegner herunter, über 80 Mal, verwirrte sie mit geschickten Wendungen seines knallroten Dreideckers und brachte sie so manchmal ganz ohne Gewehr zum Abstürzen. Er wurde mit höchsten Orden dekoriert und stieg immer weiter auf. Selbst seine Gegner hatten nicht nur Angst vor ihm, sie bewunderten ihn auch. Man nannte ihn den roten Teufel und seine Staffel einen "fliegenden Zirkus". Bis er, im Wahn wahrscheinlich, eines Tages während einer Verfolgungsjagd in feindliches Gebiet flog, viel zu tief auch noch, und abgeschossen wurde - ein paar Tage nur vor seinem 26. Geburtstag. Sein frühes Ende machte aus dem international geachteten Fliegerass einen Allzeit-Superhelden, der sowohl den Nazis als auch nach dem Krieg der Bundeswehr als Vorbild diente. Manfred von Richthofen, der Rote Baron.

Ein starker Stoff, dieses Kampffliegerleben, für Historiker, Autoren, Flugzeugfans und Filmschaffende. Auch wegen des seltsamen Widerspruchs: Da schießt einer Leute vom Himmel, tötet sie in vielen Fällen, und gilt dennoch als äußerst fair, als eine Art Sportsmann der Lüfte, ein Killerkavalier. So zumindest will es der Mythos, der um den jungen Kapitän noch zu Lebzeiten entstanden ist.

Edler Luftritter wird zum Widerstandskämpfer "light"

Knapp 90 Jahre nach von Richthofens Tod kommt der "Rote Baron" nun in Deutschland in die Kinos. Und obwohl es mittlerweile fundierte Zweifel an dem allzu reinen Ehrenmann-Image gibt, hat sich der Regisseur und Drehbuchautor Nikolai Müllerschön dafür entschieden, nicht nach dunklen Flecken am Denkmal zu suchen. Stattdessen entfernt er sorgfältig einigen authentischen Grünspan und poliert es sogar noch ein bisschen hübscher. Der Baron dieses Films ist nicht nur ein edler Luftritter, der sich in tödliche Gefahr begibt, um einem gefallenen Gegner vom offenen Cockpit aus einen Kranz aufs frische Grab zu werfen. Er ist zusätzlich noch ein frecher Widerstandskämpfer "light", der dem deutschen Kaiser in aussichtslosen Kriegstagen die Kapitulation empfiehlt. Zu diesem Zwecke stellt Müllerschön dem sehr jugendlich frischen Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle mit Lena Heady eine bezaubernde Polit-Muse zur Seite, die als Krankenschwester mit gedärmblutigen Fingern das Wertesystem des jungen Soldaten justiert und beim Date im Lazarett die Glühbirnen anknipst, um mit dem Bild der Sterbebetten das ganze Kriegsgrauen zu verdeutlichen. Eine lehrreiche Liebe.

Offenbar wähnte sich Müllerschön in einem Dilemma. Er wollte einen Film für den internationalen Markt machen - aus Deutschland heraus. Die Crew ist neben Lena Heady und Joseph Fiennes, der von Richthofens kanadischen Gegner Roy Brown darstellt, sehr deutsch besetzt: Til Schweiger, Axel Prahl, Maxim Mehmet, Hanno Kofler. Man spricht allerdings englisch und synchronisiert sich selbst. Weil sich Deutschland geschichtsbedingt schwer tut mit Patrioten, und sei es nur mit posthum missbrauchten Propaganda-Patrioten, überhöhte Müllerschön die Figur des von Richthofen kurzerhand ins beinah Pazifistische hinein. Für den internationalen Markt ließ sich das praktischerweise mit der Krankenschwester-Liebesgeschichte verbinden.

Penetrant: das Prinzip Pathos

Nicht ganz wahrheitsgemäß zwar, weil von Richthofen Zuneigung wohl vor allem für seine Dogge empfand. Grundsätzlich jedoch keine schlechte Story. Allerdings erscheint die Zerrissenheit des ehrgeizigen jungen Mannes zwischen Kriegsgrauen und Friedenswunsch, zwischen Motorenlärm und Frauengeflüster nicht recht glaubhaft. Es wird in diesem Film viel zu viel gesagt und viel zu wenig erzählt. Nachdem von Richthofen als Kind kurz über eine sattgrüne Wiese reitet und die Arme wie Flügel ausstreckt - vor ihm, am Horizont, eine Maschine - ist er plötzlich auch schon auf dem Weg nach oben und verkündet: "Ich werd' selber 'ne Legende. Ich werd' das Ass der Asse."

Mit seinen Kollegen kreist er über einen strahlend blauen Himmel. Sie haben bunte Schals um den Hals, einer ein Streichholz im Mundwinkel. Coole Köpfe in Nahaufnahmen, Ledermützen, dicke Brillen. Dann wieder wirbeln ihre Flugzeuge durch die Luft, klein wie Libellen. Aber die Bilder, so aufwendig sie mit riesigem Green-Screen und Heeren von Digital-Profis hergestellt wurden, transportieren die Begeisterung für diese Freiheit nicht, die Schweighöfer als von Richthofen später immer wieder pathetisch rezitieren muss.

Müllerschön setzt überhaupt sehr penetrant auf das Prinzip Pathos, das dem Stoff auch irgendwie stehen könnte. Aber wenn sich sein Baron mit der halb verkohlten Leiche eines Fliegerfreundes schreiend im Graben wälzt, klingt das so hohl wie manche Freiheits-Phrasen, weil diese Freundschaft viel zu sehr bloße Behauptung ist, als dass sie nachvollziehbare Trauer verursachen könnte. Selbst die fiktive Liebe zwischen von Richthofen und Käte Otersdorf spielt sich vor allem in den Dialogen ab. Und wenn am Ende, als Pendant zum blauen Anfangshimmel, der Horizont dreckig grau ist und sich die historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit den farbigen Flugzeugnachbauten mischen, wird das Ganze zu einem einzigen Wolken-Armageddon, mit brennenden Fokker-Skeletten und Pilotenschreien. Dazu aus dem Off: spährische Chöre. Die Geschichte erstickt in einer künstlichen Kriegskostümwelt. Die Synchronisation tut ihr Übriges. Und so wirkt dies alles wie ein komisches Märchen.

Glücksschuss in den Kopf

Eine Erklärung, warum es von Richthofen immer noch dort hoch in diese Himmelhölle zieht, wo unten die Geliebte und sicherere Angebote der Armee warten, liefert "Der Rote Baron" nicht. Was bis auf wenige Einstellungen, in denen er mit blutüberströmtem, verbissenem Gesicht Gegner jagt, ebenfalls ausgespart wird, sind die Folgen seiner Kopfverletzung. Er wurde zwischenzeitlich selbst angeschossen. Im Film wird das als Glücksschuss verkauft, der ihn in die Arme der Krankenschwester fallen lässt. Neuropsychologen gehen mittlerweile davon aus, dass von Richthofen anschließend ab einem bestimmten Punkt nicht mehr von feindlichen Flugzeugen lassen konnte. Deshalb hat er sich in seinem letzten Kampf offensichtlich auch so weit hinter die gegnerischen Linien gewagt. Deshalb flog er so tief. Deshalb wurde er wahrscheinlich abgeschossen. Diesen Abschuss zeigt der Film nicht. Stattdessen fährt sein Gegner Brown die Krankenschwester zu von Richthofens Grab, wo sie ihm, dem nun ewig Lebenden, endlich ihre Liebe gesteht. Alles andere hätte auch nicht so gut zu Müllerschöns neuer Legende gepasst.