HOME

Stern Logo Athen 2004

Olympia-Endspurt: Aufholjagd im Medaillenrennen

Angeführt von der erfolgreichen Kanu-Flotte will die deutsche Mannschaft am letzten Olympia-Wochenende Rang fünf in der Medaillenwertung retten und damit für einen versöhnlichen Abschluss der Sommerspiele in Athen sorgen.

51 der 301 Entscheidungen fallen an den beiden Schlusstagen, und der Rückblick auf Sydney macht Mut: Vor vier Jahren kletterte Deutschland im Endspurt noch von Rang acht auf Platz fünf und beendete die Spiele mit 56 Medaillen als beste westeuropäische Nation.

Dieser Anspruch genügt den deutschen Spitzenfunktionären inzwischen nicht mehr. Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), gab am Freitag die Devise aus: «Ein so großes Sportland mit 27 Millionen Sporttreibenden in den Vereinen muss klare Nummer eins auf dem europäischen Kontinent sein, auch vor Russland.»

Diese Forderung noch in Athen in die Tat umzusetzen, ist kaum mehr möglich. Im optimalen Gold-Fall könnten wenigstens die überraschend starken Japaner noch von Platz fünf verdrängt werden. Was die Gesamtzahl der Medaillen angeht, werden die 450 deutschen Sportler den Abwärtstrend der vergangenen Sommerspiele fortsetzen: Nach 238 Entscheidungen stand lediglich 40 Mal Edelmetall auf der Habenseite.

17 durchwachsene Tage im August brachten den deutschen Athleten weniger die erwarteten, als vielmehr die unverhofften Erfolge. Die Hockey-Damen sorgten für den ersten deutschen Olympiasieg in einer Mannschafts-Sportart seit 1992. Die Schützen tilgten mit zwei Mal Gold und ein Mal Silber ihr medaillenloses Desaster von Sydney genauso wie die Judoka (1-0-3). Auch zwei Bronzemedaillen für die Boxer bedeuteten eine hundertprozentige Steigerung. Die Reiter hätten eine fabelhafte Ausbeute gehabt, wären ihnen aus formal-juristischen Gründen nicht zwei Olympiasiege im Vielseitigkeits-Wettbewerb aberkannt worden.

Große Sorgen bereiten weiter die olympischen Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik. In den 78 Wettbewerben gehörten die Deutschen wieder zu den Verlierern. Zwar besserten die Schwimmer mit ein mal Silber und vier Mal Bronze das peinliche Ergebnis von Sydney auf (0-0-3), doch die mit Gold-Ambitionen gestarteten Franziska van Almsick, Antje Buschschulte und Hannah Stockbauer gingen baden.

Ein Debakel gab es in der Leichtathletik, wo das Kampfziel fünf Medaillen schon nach 31 von 46 Entscheidungen in unerreichbare Ferne gerückt war. «Die wenigen Hoffnungen sind geplatzt wie Seifenblasen. Es gab viele Enttäuschungen, in einigen Fällen sogar indiskutable Leistungen», zog Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), schon vor den beiden Schlusstagen ernüchtert Bilanz.

Nach dem Doppel-Scheitern von Rad-Star Jan Ullrich auf der Straße waren wenigstens die Bahnspezialisten konkurrenzfähig (1-0-3). Licht und Schatten gab es auch im Rudern (2-2-0), wo nur die starken Frauen den Erwartungen gerecht wurden, die Männer aber leer ausgingen. Ohne Medaillen beendeten auch Triathleten, Gewichtheber und Segler ihre Wettbewerbe. Segel-Teamchef Jochen Schümann, selbst dreimaliger Olympiasieger, verlangte nach der Pleite vor Athen stellvertretend für andere Sportarten nach Reformen: «Wir müssen nicht nach anderen Ländern schauen, die hier die Medaillen gewonnen haben. Aber wir brauchen den Willen zur Veränderung. Wir haben jetzt vier Jahre Zeit bis Peking, um bessere Bedingungen zu schaffen.»

Gedanken in diese Richtung sind schon vor einer eingehenden Analyse im Herbst weit gediehen. DSB-Vizepräsident Ulrich Feldhoff forderte in einem Interview der "Frankfurter Rundschau" eine Konzentration der Spitzensportler auf wenige Stützpunkte: "Das ist ja auch das Modell, das der Wintersport mit guten Erfolgen vorführt, und ich plädiere für eine Übernahme dieses Modells auf die Sommersportarten."

Wissenscommunity