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Wiedervereinigung: Das Ende der sportlichen Weltmachtträume

Unbesiegbar sollte das wiedervereinigte Sport-Deutschland werden, doch auch mit den ehemaligen Ost-Athleten wurde Deutschland nicht zur sportlichen Supermacht. Im Gegenteil: Heute hinkt die Förderung im internationalen Maßstab hinterher.

Mit den ostdeutschen Spielern "sind wir über Jahre nicht mehr zu besiegen" - was Teamchef Franz Beckenbauer am 8. Juli 1990 in Rom in der Euphorie des Triumphes bei der Fußball-WM "für den Rest der Welt leid" tat, hatte schnell seinen Schrecken verloren. Schon zwei Jahre später wurde bei den Olympischen Spielen in Barcelona überdeutlich, dass die national erhoffte und im Ausland gefürchtete Formel "1+1=2" nicht aufgeht.

Der Staatssport der DDR mit seiner umfassenden finanziellen, trainingsmethodischen, medizinischen und technischen Rundumbetreuung war mit dem Beitritt des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR zum Deutschen Sportbund (DSB) am 15. Dezember 1990 untergegangen. Und mit ihm das System, zu dessen Erfolg im Hochleistungssport auch das Staatsdoping beitrug. Das Erfolgsmodell musste zurückgeführt werden auf eine demokratische, föderale Sportbewegung. Dafür gab es keine fertigen Konzepte.

Sind Sie vom "Erfolg" der wiedervereinigten Sportnation enttäuscht?

Unvorbereitet in die Wiedervereinigung

"Die Organisationen des deutschen Sports waren auf die Wende und die folgende Verschmelzung ebenso wenig vorbereitet wie die Politik unseres Landes und die meisten anderen gesellschaftlichen Bereiche", bilanziert Walther Tröger, Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und damals als NOK-Generalsekretär an vorderster Vereinigungs-Front. Dennoch kamen die Verbände "sehr schnell zu Einheitlichkeit, insbesondere was die Aufnahme der Sportler betraf".

Dies sieht auch Heike Drechsler so. "Die Vereinigung lief unter den Sportlern zum Teil einfacher und unkomplizierter ab, als das in vielen anderen Bereichen des Lebens wie zum Beispiel in der Politik der Fall war", sagt die "Grande Dame" der deutschen Leichtathletik. Für die DDR war sie 1983 in Helsinki als 18-Jährige erste Weitsprung- Weltmeisterin - als vereinigte Deutsche krönte sie 1992 und 2000 ihre Karriere mit Olympia-Gold.

Eigenverantwortung statt Rundum-Versorgung

Die ehemalige Volkskammer-Abgeordnete machte mit Energie vor, was plötzlich von den DDR-Größen verlangt war: Statt Versorgung rund um die Uhr sich auf die eigenen Beine zu stellen. "Ungeahnte Möglichkeiten taten sich auf, aber auch Unsicherheiten und Ängste überkamen mich", sagt Heike Drechsler. Sie gilt als Musterbeispiel für eine gelungene Integration ins neue System, die Erfolg, Wohlstand und gesamtdeutsche Popularität eingebracht hat. Unzählige andere Spitzensportler sind daran jedoch gescheitert.

Die es geschafft haben, waren noch über Jahre Garanten für Erfolge. Doch der Bonus ist endgültig aufgebraucht: 1988 in Seoul gewann die DDR 102 Medaillen, die Bundesrepublik 40. Die 48 Medaillen von Athen in diesem Sommeer entsprechen nicht einmal dem damaligen bundesdeutschen Niveau, wenn man das Ergebnis daran misst, dass vor 16 Jahren 64 Medaillen-Wettbewerbe weniger ausgetragen wurden. Und selbst die imponierenden 36 Medaillen aus 78 Entscheidungen bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City liegen um 20 unter dem Richtmaß, das die doppelten Deutschen 1988 in Calgary mit 33 Medaillen in 46 Entscheidungen gesetzt hatten.

Sportförderung erreicht nur ein abgespecktes internationales Niveau

Heike Drechsler legt auch den Finger in die Wunde, die am stärksten schmerzt: "In meinen Augen wurde es bis heute versäumt, ein einheitliches und erfolgreiches System zur Förderung von neuen, jungen Athleten zu schaffen." DSB-Präsident Manfred von Richthofen setzt für die Zukunft auf die Eliteschulen: "Es war richtig, die Idee der Kinder- und Jugendsportschulen der DDR mit demokratischen Vorzeichen umzuwandeln in Eliteschulen. Diese haben Vorbildcharakter für entsprechende Einrichtungen im Westen." Als größte "Sponsoren" halten heute Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Zoll sowie die Deutsche Sporthilfe und einige, zu wenige Wirtschaftsunternehmen den deutschen Spitzensport auf abgespecktem internationalen Niveau.

Probleme wie die Doping-Affären um Katrin Krabbe (Ex-Ost) und Dieter Baumann (Ex-West) hat der vereinte Sport überstanden wie die Doping- und Stasi-Vergangenheit anderer Sportler, Trainer und Funktionäre. Auch wenn, so Tröger, "bis heute die Betreuer und vor allem Trainer der DDR aus einer Reihe von Gründen ein Problem waren und sind". Die Olympia-Stützpunkte in den neuen Ländern arbeiten laut Richthofen "sehr effektiv". Die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte in Berlin (FES) sowie das Institut für angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig geben entscheidende Impulse.

"Goldenen Plan Ost" ohne nennenswertes Budget

Auch die Umwandlung der Betriebssport-Gemeinschaften (BSG) in Vereine westlicher Prägung ist schneller verlaufen als erwartet. 15 209 Vereine mit 1 724 331 Mitgliedern haben den Breitensport in den neuen Ländern auf eine neue Basis gestellt, auch wenn der Organisationsgrad der Ost-Bevölkerung mit 12 bis 15 Prozent noch erheblich hinter dem im Westen (30 Prozent) herhinkt. Die Clubs haben vom "Goldenen Plan Ost" zur Sanierung und zum Neubau von Sportstätten profitiert, von dem sich die Bundesregierung mit der Kürzung auf drei Millionen Euro im Haushalt 2005 aber praktisch verabschiedet hat.

Dennoch: "Die Vereinigung ist unkomplizierter verlaufen, als von Schwarzsehern prognostiziert", sagt von Richthofen, für den nun die Vereinigung von DSB und NOK zu einem Dachverband die große Herausforderung des deutschen Sports darstellt.

Von Hans-Hermann Mädler/DPA

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