HOME

"Die Rote Zora": Von der Schwere der Leichtigkeit

Das Kinderbuch "Die Rote Zora und ihre Bande" über eine Bande familien- und obdachloser Kinder, die in einem Dorf in Montenegro ums Überleben kämpfen, ist ein Klassiker: Die Kinoversion wird ihm leider nur bedingt gerecht. Und das trotz einer großartigen Hauptdarstellerin.

Von Sophie Albers

Es ist schon auffällig, wie sehr sich einige der Darsteller gegen eine politische Deutung des Films "Die Rote Zora" wehren. Immer wieder hieß es bei Interviews zur Neuverfilmung: "Das ist ein Kinderfilm!", "da geht es um Spaß". Das habe nichts mit Politik zu tun, und auch ein aktueller Bezug sei nicht gewollt. Dabei ist es doch eben die zeitlose Lesbarkeit, die einen Klassiker, ein gutes Werk häufig ausmacht. Der Leser/ Zuschauer kann sich auf verschiedenen Ebenen wieder finden, und oft liegt gerade hinter dem Spaß die tiefere Wahrheit.

Kurt Held, der eigentlich Kurt Kläber hieß, sich jedoch auf der Flucht vor den Nazis in der Schweiz ein Pseudonym zulegen musste, hat "Die Rote Zora und ihre Bande" 1941 veröffentlicht. Die Geschichte familien- und obdachloser Kinder, die sich in den 30er Jahren in einem Dorf in Montenegro das tägliche Brot zusammen stehlen müssen, erzählt von Freiheit, Würde und Menschenverstand. Die nette Abenteuergeschichte ist die Verpackung. Doch die soll es in Peter Kahanes Leinwandversion "Die Rote Zora" offenbar ausschließlich sein.

Nach dem Tod seiner Mutter sucht ein Junge namens Branko seinen Vater. Der sei Geiger und im Hotel des idyllischen Küstenortes aufgetreten. Mehr weiß er nicht. Doch bevor er überhaupt richtig angekommen ist, steckt er schon drin in einer ganz anderen Geschichte: Der fiese Fischgroßhändler Karaman (Ben Becker) will das gesamte Fischgeschäft der Umgebung samt Fischfabriken übernehmen und schmiert dazu sogar den Bürgermeister (Dominique Horwitz).

Branko wird aus dem Gefängnis befreit

Der Heuschrecke im Weg steht nur noch der alte, knorrige Fischer Gorian (Mario Adorf), der die über Generationen im Besitz seiner Familie liegenden Fischgründe nicht aufgeben will. Natürlich hat der keine Angst vor trotteligen Dorfpolizisten, die ihn auf Geheiß des Bürgermeisters und seines "Gönners" vertreiben sollen.

In einer Art Übersprungshandlung landet deshalb Branko im Gefängnis. Auftritt der wilden Zora, die Branko befreit und in ihre "Bande" aufnimmt. Während das Mädchen und die ihr folgenden Jungs, wenn auch spielerisch, den Gesetzen der Not gehorchen, tritt Branko als gutes Gewissen auf, stellt die Lebensweise der Kinder in Frage und verliebt sich zu allem Unglück auch noch in die Tochter des Bürgermeisters.

Analogien zur Gegenwart fallen unter den Tisch

Fischer Gorian hält als einziger zu den entwurzelten Kindern, und am Ende gibt es eben diese berühmte Rede des alten Mannes vor Gericht, der sagt, dass eine Gesellschaft, in deren Mitte Kinder hungern müssen, selbst auf die Anklagebank gehöre. In diesem Augenblick, ob man will oder nicht, schießt einen der Film in die deutsche Gegenwart mit dem Wahlkampfthema Jugendkriminalität und nicht enden wollenden Schreckensmeldungen über außer Kontrolle geratenen Eltern und Kinder. Aber ist das schlecht? Nimmt das dem Film den "Spaß"? Und seit wann ist es eigentlich Spaß, Kind zu sein? Vor allem, wenn man so aufwächst wie Zora und ihre Bande.

Der offensichtliche "Spaß" des Films liegt im Klamauk, wenn Dorfpolizisten auf der Jagd nach den Kindern zu lustiger Musik Zementsäcke auf den Kopf fallen oder die Dorfbewohner zu einer schleimigen Fischschlacht auf dem Markt antreten. Doch wirkt es meist übergestülpt und bringt so die Geschichte aus dem Gleichgewicht.

Romanautor Held hat es geschafft, die Grausamkeiten der Realität so in den "Spaß" einzuflechten, dass der Leser sich trotzdem Gedanken darüber macht. Im Film stehen immer wieder Enden heraus. Und das obwohl Nachwuchstalent Linn Reusse eine ganz wunderbar vielschichtige Zora präsentiert, die der Zora der beliebten TV-Serie aus dem Jahr 1980 übrigens in nichts nachsteht.

Themen in diesem Artikel