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Sommerinterviews in ARD und ZDF: Ernst trifft auf vorgespielte Leichtigkeit

Nach den ersten Sommerinterviews in ARD und ZDF zeichnet sich ab, dass viele Spitzenpolitiker die Sache ernster nehmen als die Sender. Bisher konnten lediglich zwei Politiker beeindrucken.

Von Bernd Gäbler

Das Sommerinterview ist in ARD und ZDF eine feste Einrichtung. Im Sommerinterview zeigt sich der Politiker als Mensch. Zwar hat er an Sachkompetenz nichts eingebüßt, aber jetzt gibt er sich locker. So will er dem Bürger ein wenig näher sein. Deswegen ist die Kritik am Sommerinterview nur dann treffend, wenn sie das Arrangement in den Blick nimmt. Was gab es schon für tolle Sachen! Christian Wulff simulierte einen Inselurlaub, Kurt Beck zog es in eine Pfälzer Weinstube, Guido Westerwelle ließ Kamerateam und Interviewer nach Mallorca einfliegen und Claudia Roth sogar in die Türkei.

In diesem Jahr ist alles anders. Die simple Inszenierung heißt: Sitzen am Fluss. Der Bundespräsident hat den Drachenfels gewählt, Rainer Brüderle hockt nach seinem Unfall noch etwas angeschlagen am Rheinufer in Mainz - aber wer wirklich wichtig ist, bleibt lieber gleich in Berlin. Die Spitzenpolitiker signalisieren: Wir stehen in der Verantwortung. Wir arbeiten weiter. Wir wollen keine Mätzchen. In diesem Jahr spielen wir mit großem Ernst. Schließlich befinden wir uns in einem Wahljahr.

Nur die Sender haben das noch nicht ganz mitbekommen. Sie bleiben stur bei ihrem aus der Vergangenheit rührenden Konzept von vorgespielter Leichtigkeit. Durch den Kontrast zum Politikerernst wirkt es diesmal dann besonders kindisch, wenn Kathrin Göring-Eckardt nach ihrer Vorliebe für den Tangotanz befragt wird oder Jürgen Trittin auf dem Schiff "Hoppetosse" mit Pippi Langstrumpf traktiert wird.

Jenseits der Dissonanzen in der Inszenierung hat die erste Runde der Sommerinterviews aber dennoch ein paar Erkenntnisse gebracht.

Ein paar Erkenntnisse

Die erste und nicht ganz unwichtige: Joachim Gauck hat eine Riesenchance verpasst. Als einer der ersten durfte oder musste er etwas zum gigantischen US-Spähprogramm sagen. Und was tat er? Er eierte herum! Für puren Verrat habe er kein Verständnis, gab er zu Protokoll, bezog dies aber nicht direkt auf Snowden, da wolle sich aber noch genauer informieren. Selbst die Differenz von "prism" zur Stasi vermochte er nicht in klare Worte zu fassen. Wo ein Wort des Präsidenten zur Verteidigung des Rechtsstaates angemessen gewesen wäre, erging er sich im Einerseits und Andererseits. Selten wurde so deutlich, dass Gaucks großer Kampf für die Freiheit nur eine Richtung kennt: die Vergangenheit.

Eine etwas eigenartige Performance gab auch FDP-Spitzenmann

Rainer Brüderle

ab. Zum blauen Hemd hatte er sich eine gelbe Krawatte umgebunden. Das sollte wohl Wahlkampf-Modus signalisieren. Aber Brüderle wirkte noch angeschlagen, die Stimme krächzte. Im Saal, bei der Wahlkampfrede ist seine Waffe der Slogan, der Spruch. Im Einzelinterview wirkt das oft banal. Diesmal verschleifte er außerdem die Sprache so, dass man tatsächlich die bei der "heute-show" üblich gewordene Untertitelung gewünscht hätte. Zum Sexismus-Vorwurf sagte er: "Es gibt nicht nur Sonnenschein, auch Regen." Und zu der Möglichkeit, die FDP könne den Einzug in den Bundestag verfehlen, sagte er: "Was wäre, wenn der Hund nicht am Veilchen gerochen hätte - hätte er dann den Hasen gekriegt?“ Außerdem ist er - ceterum censeo - gegen Steuererhöhungen.

Auch

Kathrin Göring-Eckardt

konnte der Versuchung nicht widerstehen, ab und an in Populismus zu machen. Auf die Sorge vieler Bürger angesprochen, die Energiewende könne sehr teuer werden, antwortete sie tatsächlich: "Wind und Sonne schreiben keine Rechnung." Als hätten Atom und Kohlenstoff das getan. Halten die uns für Kinder? Oft hat man den Eindruck.

Wichtig waren bisher nur Merkel und Trittin

Bisher waren es genau zwei Politiker, die allen Quatsch beiseite schoben und sich blendend vorbereitet allein auf die Sache konzentrierten: Jürgen Trittin und Angela Merkel. Der eine saß auf einem vom ZDF ausgesuchten Schiff vor der Berliner Oberbaumbrücke, die andere an der Spree, direkt vorm ARD-Hauptstadtstudio.

Wie selbstverständlich nahm

Jürgen Trittin

die Rolle des eigentlichen Oppositionsführers ein und griff die Bundesregierung fundamental an. Millionenfachen Rechtsbruch toleriere der Innenminister. Wer wirklich etwas ändern wolle am US-Spähprogramm, müsse jetzt die Abkommen zu Bank- und Flugdatenaustausch kündigen. Souverän und - wie immer etwas überheblich - konterte er die Vorhaltungen der ZDF-Interviewerin Bettina Schausten, die grüne Steuervorschläge belasteten den Mittelstand. Hier kennt er sich so detailliert aus, dass schon sehr gut vorbereitet sein muss, wer ihn da aufs Glatteis führen will. Frau Schausten war es nicht.

Und

die Bundeskanzlerin

in der ARD? Ein Phänomen. Obwohl sie zur flächendeckenden US-Datenabschöpfung substanziell gar nicht so viel anderes sagt als ihre Minister, wirkt dies so, als sei von nun an alles in besten Händen. Eine europäische Einigung müsse her, eine Erklärung der USA, dass sich deren Dienste in Deutschland an deutsche Gesetze halten und am Ende soll es noch ein Zusatzprotokoll in der Uno geben. Hugh, Angela Merkel hat gesprochen. Sie schafft es immer wieder, einen Brandherd so lange schwelen zu lassen, bis klar ist, mit welchen wenigen, aber klaren Sätzen das Feuer zu bekämpfen ist. Jedenfalls wirkt es so. Sie schließt die Sache ab, obwohl reale Veränderungen noch nicht einmal eingeleitet sind. Angela Merkel kann "Basta!" sagen, ohne "basta" zu sagen. Auch deswegen kann ihr keiner das Wasser reichen. Der Rest war einschläfernde Routine: stabiler Haushalt, Koalition - alles mündet in ein "Weiter so!" ein.

Der größte Wahlkampftrick von Angela Merkel besteht darin, dass sie einfach so tut, als würde sie gar keinen Wahlkampf führen, sondern einfach weiter regieren. Spannend wäre da allenfalls ein TV-Duell mit Jürgen Trittin. Aber das wird es leider nicht geben.