"Michael Clayton" Schwarzbrot mit Clooney-Belag


"Michael Clayton" ist ein solider Film über die Macht des Geldes und den Kampf der Machtlosen gegen die, die Geld und Macht besitzen. Die große Leistung des Anwaltthrillers liegt jedoch vor allem darin, sich kleiner zu machen, als er tatsächlich ist.
Von Sophie Albers

Das Praktische an Verschwörungstheorien ist, dass man sie nicht widerlegen kann, denn dazu sind sie zu diffus. Aber wer spekuliert nicht gerne darüber, ob die Mondlandung jemals stattgefunden hat, ob in Nevada Aliens versteckt werden, oder die CIA sowohl JFK erledigt hat als auch für 9/11 verantwortlich ist? Dazu gibt es massenhaft Bücher, Filme und ganze Internetgemeinden, denn genau genommen hat doch jeder schon mal das Gefühl gehabt, dass "etwas nicht stimmt", dass "die da oben" machen, was sie wollen und der kleine Mann eh nichts ändern kann. Gegen dieses Ohnmachtsgefühl hält der dann seine Verschwörungstheorien, um sich nicht ganz so hilflos zu fühlen. Denn wenn das alles perfide geplant ist, was kann ich tun?

Nebulöse Schuldzuweisungen sind immerhin wunderbarer Stoff fürs Kino. Denn da darf der Verschwörungstheoretiker endlich mal Recht haben. Da steckt hinter allem eine geheime Bruderschaft, geldgeile Kapitalisten oder der US-Präsident persönlich. Da gewinnt am Ende der kleine Mann, der es doch "schon immer geahnt" hat, der sich weder von Logik noch Vernunft hat einschüchtern lassen und mit anderen Ungläubigen den Dingen auf den Grund geht.

Was das mit dem neuen Film von George Clooney zu tun hat? Der macht genau das Gleiche - und das in so brillant subtiler Art und Weise, dass der Zuschauer sich nicht nur darin bestätigt fühlt, dass großen Konzernen von vornherein nicht zu trauen ist, sondern auch noch vorgeführt bekommt, wie leicht die dazugehörigen emotionalen Knöpfe zu drücken sind.

Netter Kerl mit Handschuhen

Clooney spielt Michael Clayton, "Ausputzer" in der erfolgreichsten Anwaltskanzlei New Yorks. Er erledigt die Drecksarbeit, wenn selbst die elaborierte Verdrehung der Paragraphen nicht mehr weiterhilft. Eigentlich ist er ein ganz netter Kerl, aber manchmal trägt er bei der Arbeit eben besser Handschuhe.

Das könnte so weiterlaufen, wäre nicht ein Kollege und Freund von ihm durchgedreht. Arthur Edens hat bis vor kurzem noch einen mächtigen Chemiekonzerns gegen eine Gruppe von Privatleuten vertreten, die wegen eines angeblich krebserregenden Pestizids eine Millionenklage anstrengen wollen. Nun hat er die Seiten gewechselt, verfällt offensichtlich dem Wahnsinn, als er erkennen muss, dass die kleinen Leute Recht haben und er nur den finanziellen Interessen einer kapitalistischen Krake dient. Also will er sein Wissen nutzen, um die Kläger zu unterstützen.

Während Clayton anfangs versucht, ihn "zurückzuholen", beginnt er bald selbst, sich zu fragen, welche Seite denn nun die richtige ist. Vor allem als Edens plötzlich stirbt und er selbst knapp einem Anschlag auf sein Leben entgeht. In einer wunderbaren Szene versucht Clayton mit dem untergetauchten Edens Kontakt aufzunehmen. "Ich bin nicht dein Feind", ruft er, damit der Abtrünnige ihm wieder vertraut. Der schaut ihn sehr klaren Blickes an und erwidert: "Wer bist du dann?"

Swintons Meisterstück

Dass "Michael Clayton" trotz zahlreicher Parallelen zu anderen, ähnlichen David-gegen-Goliath-Geschichten trotzdem ein empfehlenswerter Film ist, liegt an den Darstellern. Neben Tom Wilkinson, der dem verrückt-gerechtigkeitshungrigen Edens eine berückende Verletzlichkeit gibt, ist vor allem Tilda Swinton einfach nur umwerfend als Repräsentantin des Chemiekonzerns. In tausend Facetten macht die Oscargewinnerin deutlich, was diese Frau mit der großen Karriere antreibt, wie sie Boden gewinnt und Halt verliert und schließlich vollends den Bezug zur Realität aufgibt, um Pfründe zu verteidigen, die sie offenbar selbst nicht mal so genau kennt. Und natürlich hat sie die Telefonnummern von Auftragskillern parat.

Mit "Michael Clayton" hat Tony Gilroy ein solides Regiedebüt abgeliefert, nahrhaft wie Schwarzbrot, denn als Drehbuchautor hatte er Zeit, ein besonderes Gespür dafür zu entwickeln, wie lange die Antworten herausgezögert werden müssen, damit der Zuschauer auf der Kante seines Kinosessels sitzen bleibt. Ihm verdankt Hollywood die "Jason Bourne"-Skripte, "Im Auftrag des Teufels" und auch "Lebenszeichen - Proof of Life" stammen von ihm.

Und während Clayton überdenkt, wer die Guten und wer die Bösen sind und wo eigentlich sein Platz in dieser hässlich-korrupten Welt ist, gibt Gilroy seinem Publikum auch noch das Gefühl, an etwas Subversivem teilzuhaben. Der Film hat etwas Rohes behalten, das Authentizität verspricht, vielleicht sogar Wahrheit. Aber natürlich hatten die da oben in Hollywood von Anfang an die Fäden in der Hand. Was denken Sie denn!


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