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"Netto": Momente des Glücks

Wie lebt es sich in Ost-Berlin unter den Bedingungen von Hartz IV und Jobmisere? "Netto" erzählt von dem hoffnungslosen Leben des arbeitslosen Marcel - ohne jegliche Larmoyanz, dafür mit viel Wärme und Herzlichkeit.

Von Carsten Heidböhmer

Ein Mann betritt einen Ost-Berliner Imbiss und bestellt eine Dose Clausthaler. Dann beginnt, gnadenlos auf den Besitzer einzureden: Dass Sicherheit das Thema der Zukunft sei, und wie effizienter Personenschutz funktioniert. Auch dass er seinen Sohn schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und kaum Kontakt zu seiner geschiedenen Frau hat. Geschickt verpackt Regisseur Robert Thalheim in diesen ersten ein, zwei Minuten alles Wissenswerte über die Hauptfigur Marcel Werner: Er ist offensichtlich arbeitslos (wer sonst hängt tagsüber im Imbiss ab?), hatte mal ein Alkoholproblem (trinkt Clausthaler), möchte gerne in der Sicherheitsbranche arbeiten, wünscht sich wieder Kontakt zu seinem Sohn - und redet gerne und viel.

Und so kann es nach dieser kurzen Einführung direkt losgehen: Als nämlich Marcel (Milan Peschel) nach Hause kommt, wartet vor der Wohnungstür sein inzwischen 15-jähriger Sohn Sebastian (Sebastian Butz), der für eine Weile bei ihm einziehen möchte. Der Zuschauer wird nun Zeuge, wie sich zwei fremd gewordene Menschen langsam einander annähern. Sebastian hilft seinem Vater beim Verfassen von Bewerbungen, erklärt ihm den Umgang mit dem Computer und bringt die Wohnung ein wenig auf Vordermann. Im Gegenzug lässt ihn Marcel an seinem reichhaltigen Wissen über Personenschutz teilhaben und macht ihn mit der Musik von seinem Idol Peter Tschernig bekannt, dem Johnny Cash des Ostens.

Den Menschen aufs Maul geschaut

Wie Vater und Sohn sich wieder anfreunden und zueinander finden, gehört zum Anrührendsten, was in einem deutschen Film der letzten Jahre zu sehen war. Ohne Kitsch und Pathos, vor allem ohne künstliche Drehbuch-Sprache lässt Thalheim seine Akteure so reden, wie es Menschen in solchen Situationen eben tun: mit allen Missverständnissen und Umständlichkeiten. Selten schaut ein Film seinen Figuren so genau aufs Maul.

Fein beobachtet sind auch die Szenen, in denen sich zwischen den Teenagern Sebastian und Nora (Stephanie Charlotta Koetz) erste Liebe anbahnt. Kein Feuerwerk geschliffener, geistreicher Dialoge, sondern pubertäres Gestammel bringen die beiden hervor, während sie immer wieder um den heißen Brei reden und es mehr oder weniger geschickt vermeiden, sich ihre Liebe zu gestehen.

Während sich Sebastian Hoffnungen auf Nora macht, träumt Marcel von einem Job als Personenschützer und bereitet sich eifrig auf sein Vorstellungsgespräch vor - mit tatkräftiger Unterstützung seines Sohns.

Licht am Ende des Tunels

Zu den Stärken des Films gehört es eben auch, dass hier nicht alle Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen, dass die Menschen lernen, mit Enttäuschungen umzugehen - und dass am Ende jedes noch so dunklen Tunnels ein Lichtblick lauert. "Netto" erzählt von Menschen, die sich ohne Chance auf Beschäftigung in einem Leben mit Hartz IV einrichten müssen. Dies gelingt dem Film ohne jede Larmoyanz, dafür aber mit viel Wärme und Sympathie für seine Figuren. Noch in den ungünstigsten Situationen belässt Robert Thalheim ihnen ihre Würde, lacht nie über sie, sondern mit ihnen. So erlebt auch Marcel am Ende nach viel Pech und Tragik seinen kleinen Moment des Glücks.

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