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"No Way Out - Gegen die Flammen": Die hässliche Wahrheit hinter dem Feuerdrama von Yarnell

Das Heldenepos "No Way Out - Gegen die Flammen" startet am Donnerstag in den Kinos. Geschildert wird der Kampf gegen das verheerende Yarnell-Hill-Fire in Arizona, bei dem 19 Feuerwehrleute starben. Hier ist die Geschichte, die der Film nicht erzählt.

No Way Out – Gegen die Flammen

Die Männer bekämpfen gemeinsam das Feuer in Arizona. Szene aus dem Film "No Way Out – Gegen die Flammen".

Am 30. Juni 2013 starben 19 Elite-Feuerwehrleute bei einem Waldbrand in Arizona. Amerika und die Welt waren geschockt. Es war die schlimmste Waldbrandkatastrophe seit dem Griffith Park Feuer von 1933 bei dem 29 Menschen starben. Actionfilm-Regisseur Joseph Kosinski hat die Geschichte der Granite Mountain Hotshots aus Prescott verfilmt. Es ist ein amerikanisches Heldenepos, spannend, emotional und man erfährt eine Menge darüber, wie die gewaltigen Wald- und Flächenbrände in den USA bekämpft werden.

Doch ein wichtiger Teil der Geschichte bleibt auch im Film im Dunkeln. Es ist die hässliche, unpatriotische Seite der Ereignisse. Denn nach der Katastrophe wurde jahrelang gestritten. Es ging um Versicherungszahlungen und die Frage, warum die Männer nicht gerettet werden konnten. Die Witwen der Hotshots wurden gemobbt, weil sie unabhängige Untersuchungen forderten und sich nicht mit schmalen Abfindungen zufrieden geben wollten.

Die Feuerwehrleute waren schlecht ausgerüstet

Roxanne Warneke

Roxanne Warneke, Hotshot-Witwe

Billy Warneke ist einer der toten Hotshots. Seine Frau Roxanne traf ich wenige Wochen nach der Feuerkatastrophe bei einer Recherche für den stern. Sie lebte damals in einem baufälligen Trailerhome in der Wüste, weit entfernt von der nächsten Stadt. Roxanne war im sechsten Monat schwanger. Feuerwehrleute aus der Umgebung hatten für sie Spenden gesammelt und das Dach ihrer Behausung notdürftig repariert, damit sie über die erste Zeit hinweg kommt. Roxanne erzählte von ihrem Billy, dass sie bei jedem Einsatz um ihn gezittert habe. Die Männer waren schlecht ausgerüstet. Die Kettensägen, mit denen sie Bäume fällten und Feuerschneisen ins Dickicht schnitten, versagten oft. Die Hotshots bauten sich aus alten Geräten und Ersatzteilen eigene Sägen. Die nannten sie dann "Frankensaws" - "Frankensteinsägen". Die Männer zogen mit einfachstem Gerät, mit Pulaskis (eine Kombination aus Axt und Hacke) und Schaufeln in den Kampf gegen das Feuer.

Im Film ist zu sehen, wie ein Löschflugzeug mit vollem Wassertank nach den Hotshots sucht. Der Abwurf der Ladung hätte die Männer vor dem Feuer retten können. Heute weiß man, das Flugzeug kreiste direkt über der Stelle, an der die Hotshots verbrannt sind. Aber die Feuerwehrleute waren nicht mit GPS-Sendern ausgerüstet, mit denen sie geortet hätten werden können. Die waren zu teuer. Roxanne brachte ein Mädchen zur Welt. Es bekam den Namen Billie Grace, als Erinnerung an ihren Vater. Billie ist heute 4 Jahre alt. Roxanne verliebte sich neu und heiratete wieder. Roxanne gründete mit anderen Witwen und Hinterbliebenen die Hilfsorganisation, Wildland Firefighter Guardian Institut (WFGI), die sich zum Ziel gesetzt hat, Feuerwehrleute mit notwendiger Ausrüstung zu versorgen.

Viele Löschcrews sind nach wie vor unterfinanziert. Oft fehlen Verbandsmaterial, Handschuhe, Schaufeln, Sägen und simple Schleifwerkzeuge. Zur Zeit sammeln die Witwen der Hotshots Geld, für GPS-Sender und Drohnen mit denen die Löschteams die Brände aus der Luft besser beobachten können. Die Hotshots in Arizona starben, weil sie viel zu spät erkannten, dass der Wind gedreht hatte und das Feuer ihnen den Weg abgeschnitten hatte. Roxanne sagt: "Wenn mein Mann und seine Kameraden damit ausgerüstet gewesen wären, sie würden noch leben."

Streit mit den Hinterbliebenen

Billy Warneke hatte ein Testament hinterlegt. Bevor er zu den Hotshots ging, war er Elitesoldat. Die US-Armee zwingt die Soldaten dazu, dass diese Dokumente vorhanden sind. Viele in Billys Crew hatten ihren Nachlass nicht geregelt. Es kam zu erbitterten Erbschaftsstreitigkeiten. Die Witwen verschicken seitdem deshalb "Life Care"-Pakete an Feuerwehrleute in ganz Amerika, die Vordrucke für Patientenverfügungen und Testamente enthalten.

Einige Männer in der Hotshot-Crew waren als "Saisonarbeiter" verpflichtet worden. Nach ihrem Tod weigerte sich die Stadt Prescott lange den Hinterbliebenen Entschädigungen auszuzahlen. Vertreter der Stadt drohten öffentlich, die lokalen Steuern müssten erhöht werden, um die Ansprüche abzudecken. Ehefrauen der Toten wurden in den sozialen Medien als "gierige Witwen" beschimpft und beleidigt. Die Ehefrau von Andrew Ashcraft, der als Experte für "Frankensaws" im Film eine wichtige Rolle spielt, zog mit ihren Kindern aus Prescott weg. Sie sagt: "Ich konnte den Hass und die Gemeinheiten nicht länger ertragen." Der Streit eskalierte.

Brendan McDonough

Brendan McDonough überlebte als einziger

In Prescott wurde gar in zwei getrennten Gedenkgottesdienste an die Toten erinnert. Der eine organisiert von den Witwen, der andere von der Stadt. (Spoiler Alert) Ein Mann aus der Crew überlebte die Katastrophe. Er heißt Brendan McDonough. Als Späher beobachtete er aus der Ferne das Feuer. McDonough entkam knapp. Seine Rolle wurde umfassend untersucht. Am Tod seiner Kameraden trägt er keine Schuld, so ergaben die Ermittlungen. Doch auch McDonough schlug jahrelang Verachtung und Hass entgegen. Bei den Recherchen für den stern traf ich ihn auf einem Parkplatz eines Einkaufszentrums bei Prescott. Das Unglück lag damals vier Monate zurück. McDonough wollte nicht gesehen werden. Er galt als Feigling, als einer der sich davon gemacht hat.

"Nichts hat sich geändert. Es ist eine Tragödie."

Er stieg ins Auto, wir fuhren über Schotterstraßen ins Gelände, wo das Feuer gewütet hatte. Mc Donough erzählte seine Lebensgeschichte, von seiner Drogensucht und wie ihn die Hotshots mit ihrer eisernen Disziplin und ihrer Kameradschaft gerettet hätten. McDonough wirkte damals verstört und traumatisiert. Später schrieb er ein Buch über das Unglück, es heißt "My Lost Brothers" (Meine verlorenen Brüder). Darin berichtet er auch den von dem Moment, in dem er sich das Leben nehmen wollte: "Die Pistole lag neben mir auf dem Beifahrersitz. Zwischen mir und meinen Brüdern lag jetzt noch ein Finger, den ich nur noch krümmen musste. Eine Stimme in mir sagte: Geh zu deinen Freunden. Das ist das Beste für alle."

McDonough litt jahrelang an PTSD. Bis er schließlich einen Therapeuten fand, der ihm helfen konnte. Auch McDonough setzt sich heute für Feuerwehrleute ein. Er reist durchs Land und hält Vorträge. Auf seiner Facebookseite berichtet er darüber. Auch er fordert eine bessere Ausrüstung für die Hotshots. Er sagt: "Die Crews brauchen mehr Unterstützung aus der Luft, mehr Helikopter mit Wassertanks, mehr Löschflugzeuge." Sein Fazit ist bitter: "Wir bekämpfen Waldbrände noch immer wie vor 50 Jahren. Nichts hat sich geändert. Es ist eine Tragödie."

Sogar um ein Denkmal für die Toten wurde gezankt. Nach Jahren des Händels wurde schließlich auch ein Wanderweg an den Unglücksort eröffnet. Gestritten wurde über Wegerechte, über die Gestaltung des Denkmals, über Nichtigkeiten. Heute beginnt der Pfad hinter dem Ort Yarnell. Am Ende des Wegs erreicht man den Canyon, der für die 19 Männer zur Feuerfalle wurde. Vor wenigen Wochen besuchte Roxanne Warneke mit ihrer Tochter Billie Grace die Gedenkstätte in Yarnell. In einer Bronzefigur erkannte Billie ihren Vater. Roxanne ist den Tränen nah, wenn sie davon erzählt: "Meine Tochter rief: 'Schau, Mama, das ist doch Daddy.'" Roxanne sagte zu ihrer Tochter: "Er wird hier immer für dich da sein."

"No Way Out - Gegen die Flammen" ist ab dem 3. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.