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Filmkritk

"Schule, Schule - die Zeit nach Berg Fidel": "Schule ist voll scheiße ..."

Hella Wenders begleitete vier Schüler während ihrer Grundschulzeit. Ihr Dokumentarfilm von 2011 wurde preisgekrönt. Sechs Jahre später hat sie die Schüler wieder besucht. "Schule, Schule - die Zeit nach Berg Fidel" ist ein beklemmender Bericht darüber, wie in Deutschland das Potenzial von Kindern verschleudert wird.

SCHULE, SCHULE – DIE ZEIT NACH BERG FIDEL

Anita, ein Roma-Mädchen, das mit ihrer Familie aus dem Kosovo geflohen ist und es mit dem deutschen Schulsystem besonders schwer hat. 

David ist ein schlaues Kerlchen. "Also früher stand ich noch so auf Dinosaurier. Jetzt interessiert mich Astronomie", plaudert er in die Kamera. Er ist zehn, vielleicht elf Jahre alt. Im Film wird sein genaues Alter nicht verraten. Ein kleiner blonder Junge, einfach zauberhaft. Ein Ass in Mathe und Musik. David sitzt im Klassenzimmer vor der Tafel. "Ich habe jetzt schon Fragen, die man nicht so leicht beantworten kann. Zum Beispiel, wo hat das Weltall sein Ende?" David ist auf dem rechten Auge fast blind und hört schlecht. Er leidet unter dem Stickler-Syndrom, eine genetische Krankheit, die mit Augenproblemen und Hörverlust einhergeht. Sein Jakob ist ein Down-Kind. Wenn er spricht, kann man ihn kaum verstehen. Lernen fällt ihm schwer. Doch er ist ein Seelchen, umarmt seine Klassenkameraden, wenn sie Trost brauchen.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Die beiden Brüder waren auf der Grundschule "Berg Fidel", wurden gemeinsam unterrichtet.  "Berg Fidel" - so heißt der Stadtteil in Münster, wo die wohnen. Die Klassen sind hier gemischt, jedes Kind wird aufgenommen, ob es lernbehindert ist oder nicht. Die Schule hat eine Vision: Gemeinsames Lernen muss möglich sein. Die Filmemacherin Hella Wenders begleitete David, Jakob, Anita und Samira in ihrer Grundschulzeit vier Jahre lang mit der Kamera. 2011 erschien ihr Dokumentarfilm "Berg Fidel - eine für alle". Der Film gewann mehrere Preise. 

Sechs Jahre später wollte Hella Wenders wissen, was aus den Grundschülern nach „Berg Fidel“ geworden ist. So entstand in Kooperation mit dem ZDF ihr zweiter Dokumentarfilm "Schule, Schule - die Zeit nach Berg Fidel", der jetzt im Kino läuft.

David, Jakob, Anita und Samira wurden nach der vierten Klasse getrennt, mussten "Berg Fidel" verlassen. Es war, das wird im Film deutlich, die Vertreibung aus dem Paradies. David, der sich für Astronomie interessiert, wurde von zwei Gymnasien abgelehnt. Trotz sehr guter Noten. Vermutlich, weil er gehandicapt ist. Sechs Jahre später geht er auf eine Montessori-Schule, muss sehen, ob er danach aufs Gymnasium wechseln darf. Wenders zeigt ihn am Klavier. Aus dem aufgeweckten Jungen scheint ein ernster, unsicherer Teenager geworden zu sein. Auch sein Bruder geht auf die Montessori-Schule. Hätte er dort keinen der begehrten Plätze ergattert, wäre ihm nur die Schule für Lernbehinderte geblieben.

"Ich wollte da nicht hin ..." 

Samira ist der Abschied von "Berg Fidel" schwergefallen. Sie geht nun auf eine Gesamtschule. "Ich habe geheult, ich wollte da nicht hin", erzählt sie.  "Papa musste mich hintragen. Man wurde auf dem Weg zur Schule ausgelacht ... Ich finde es einfach blöd, dass man so früh eingeteilt wird in der Schule." Samira fühlt auf der neuen Schule einsam, sucht verzweifelt Anschluss. Ihre Noten haben sich "wesentlich verschlechtert", so dass sie manchmal "richtig Bauchschmerzen" hat.

Es ist beklemmend, den Teenagern zuzusehen, wie sie um gute Note kämpfen, um ihre Zukunft. Anita, ein Roma-Mädchen, das mit ihrer Familie aus dem Kosovo geflohen ist, träumte in "Berg Fidel" von einer Karriere als Topmodel. Doch sie musste ihrer Mutter zu Hause beim Putzen helfen und auf ihre Geschwister aufpassen. Zum Lernen blieb ihr kaum Zeit. Hinzu kam der seelische Stress. Der Familie drohte die Abschiebung.

Nach "Berg Fidel" musste sie auf eine Schule für Lernbehinderte, weil es keine integrierte Hauptschule in ihrer Nähe gab. Dort versemmelte  Anita den Hauptschulabschluss. Nun, mit 17, versucht sie, den Abschluss auf einem Berufskolleg nachzuholen. Für sie steht viel auf dem Spiel: Ohne Abschluss wird sie womöglich abgeschoben. Sie hat eine fünf in Mathe und eine fünf in Englisch. Doch als die Lehrerin ihren Aufsatz über die Flucht der Familie nach vorliest, wird klar: Das Mädchen hat Talent. Sie kann erzählen. Aber ihr fehlt die nötige Disziplin. Sie kommt oft zu spät zum Unterricht, schwänzt, verpasst Klassenarbeiten. "Ich muss langsam Gas geben", sagt sie irgendwann. Im Film sieht man, wie sie zu Hause lernt, während ihr Bruder schreit. Als die Lehrerin ihr das Abschlusszeugnis und eine Rose in die Hand drückt, schwillt im Hals ein Kloß. 

Schule macht unglücklich

"Schule, Schule – die Zeit nach Berg Fidel" ist ein rührender Film, leise erzählt und knallhart. Anita bekommt keine Lehrstelle, arbeitet  im Burger King. Immerhin darf sie nun in Deutschland bleiben. David komponiert eigene Musikstücke, hat am Ende acht Einsen im Zeugnis. Nun erst darf er aufs Gymnasium. Vielleicht wird er ja mal Astronom. Sein Bruder Jakob will Kellner oder Gärtner werden. Doch er findet nicht mal einen Praktikumsplatz. Und auch Samira scheitert, schafft die Gymnasialkurse nicht. Sie muss in eine andere Klasse als ihre Freundin, die sie gerade erst gewonnen hat. Wieder wird sie getrennt. "Schule ist voll scheiße", schreit sie sich ihren Frust von der Seele, als sie mit einer Freundin Riesenrad fährt. Im Abspann liest man, dass sie eines Tages nach England gehen will, um dort Neurochirurgie zu studieren. Man wünscht ihr, dass sie es schafft. 

Schule fördert nicht. Sie macht unglücklich. Vor allem, wenn man nicht die besten Voraussetzungen mitbringt, wie die Kinder im Film. Der Film ist nicht nur ein Statement für Inklusion. Er zeigt, wie das Potenzial von Kindern in Deutschland verschleudert wird. Weil man sie zu früh trennt, einordnet und es ihnen unnötig schwer macht.

Am Ende des Films möchte man alle vier umarmen, ihnen viel, viel Glück wünschen und darum bitten, dass man sie in sechs Jahren wiedersehen darf. 

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