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"Shutter Island": Leonardo DiCaprios erster Horrorfilm

Meist dient das Kino der reinen Unterhaltung. Manchmal aber wird es zu einer wahrhaftigen Auseinandersetzung mit unserem Sein. Das ist der Augenblick, in dem Kino zur Kunst wird. Ganz so wie in Martin Scorseses neuem Film "Shutter Island".

Von Sophie Albers

Eine gute Geschichte lebt in dem Augenblick, da sie erzählt wird. Sie ist wie Luft in den Lungen ihrer Figuren. Sie lässt uns lachen, weinen, fühlen mit Menschen, von denen wir wissen, dass es sie gar nicht gibt. Ist die Geschichte vorbei, sterben sie. Ist es eine gute Geschichte, denken wir noch ein paar Stunden an diese Menschen zurück, von denen uns erzählt wurde. Ist es aber eine sehr gute Geschichte, enthält sie Wahrheit, was viel weniger Geschichten tun, als man gemeinhin annimmt, und dann bleiben sie.

"Shutter Island" heißt der 21. Film im Werk von US-Regisseur Martin Scorsese, und auch 42 Jahre nach seinem Debüt "Who's That Knocking At My Door" hat der Schöpfer von Kultfilmen wie "Taxi Driver" (1976) und "Goodfellas" (1990) einfach mal etwas ganz anderes gemacht. Es gibt jetzt ein Martin-Scorsese-Horrorfilm. Und einen verdammt guten.

Leonardo DiCaprio in seiner größten Rolle

Anfang der 50er Jahre. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, der Kalte Krieg hat gerade begonnen. Vor der Küste von Massachusetts setzt ein Kahn über nach Shutter Island, eine Gefängnisinsel für psychisch kranke Gewalttäter. An Bord sind US-Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio), von der ersten Sekunde an ein seekranker Antiheld, und dessen neuer Kollege, Chuck (Mark Ruffalo), der ihn nur "Boss" nennt, allerdings mit einem seltsamen Unterton, in dem sich Unterwürfigkeit und Arroganz mischen.

Als sie an Land gehen, Fuß setzen in dieses Gefängnis, das eine ganze Insel ist, gleicht das dem Eintritt in eine Hölle. Das machen Musik und Bildsprache klar. Hier gibt es keine Sicherheit, nur Drama. In dieser düsteren Welt sollen die Ermittler eine entflohene Gefangene suchen. Eine Frau, die aus einer verschlossenen Zelle mit vergitterten Fernstern angeblich einfach verschwand. Und dann ziehen "Boss" und Chuck los, das Geheimnis zu lüften, so wie einst Dante und Vergil in der "Göttlichen Komödie" in die Vorhöfe der Hölle aufbrachen. Auch auf der Suche nach einer Frau.

Das Geheimnis von Shutter Island

Mehr zu verraten, als dass Teddy Daniels von Erinnerungen an persönliche Schicksalsschläge heimgesucht wird und auch einen ganz persönlichen Grund hatte, nach Shutter Island zu kommen, sei nicht verraten. Denn die Geschichte, die Martin Scorsese erzählt, lebt nur zum einen von ihren Figuren, zum anderen davon, wie sie erzählt wird.

Je tiefer der Zuschauer mit den zwei Ermittlern in die dunklen Gänge und Geheimnisse von Shutter Island vordringt, desto wackliger wird der Boden der Tatsachen. Was ist wahr, was falsch? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Einbildung? Was habe ich gerade gesehen? Habe ich es überhaupt gesehen? Und was bedeutet es für diese Geschichte?

Sehen lernen

Scorsese geht an die grundsätzlichen Voraussetzungen für seine Kunst: das Wahrnehmen, das Sehen selbst. Er hat große Fragen in kleine Bilder zerschnitten, die in ihrer Montage immer wieder neue Wahrheiten ergeben. In einem Moment ist man sich sicher, im nächsten nicht mehr, doch vergisst man die Unsicherheit, weil die nächste Frage gestellt wird. Das "Shutter" vor "Island" steht zum einen für die Isolation, die Verschlossenheit des Ortes. Doch bezeichnet es auch den Kameraverschluss, der entscheidet, was aufgenommen wird und was nicht. "Die Einstellung ist die Einstellung", hat es die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch einmal benannt.

Wenn nach 138 Minuten der Abspann läuft, ist man verwirrt, vielleicht sogar aufgelöst. Aber hinter all den Fragen hat man auch ein bisschen Wahrheit gesehen, die man mitnehmen kann, wenn man denn möchte. Vor allem aber will man den Film gleich noch einmal gucken.