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"War Photographer": Vampir mit Kamera

Die zweifelhafte Macht der Bilder: "War Photographer" ist eine glänzende Dokumentation über die Arbeit des Bildreporters James Nachtwey.

Manchmal scheint er unsichtbar zu sein. Etwa, wenn er langsam mit seiner Kamera auf Menschen zuläuft und abdrückt, immer wieder - und sie sich nicht wehren. Sich nicht abwenden, nicht ihr Gesicht verbergen, sich nicht schützen vor dem Mann mit dem Fotoapparat. Sie weinen, schreien, verfluchen die Welt und lassen sich ablichten in den dunkelsten Stunden ihres Lebens.

James Nachtwey ist Kriegsfotograf. Er ist der Kriegsfotograf. Ein Star. Der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei hat ihn porträtiert. In Gesprächen, Mitschnitten seiner Arbeit an Kriegsschauplätzen und Interviews mit Journalisten setzt er ein Bild von Nachtwey zusammen, ohne ihn bis ins letzte Detail erklären zu können. Und er will es auch gar nicht: Er zeigt die Widersprüche eines Mannes in einem System voller Widersprüche. Was ist Aufklärung durch die Medien und notwendige Dokumention, was ist Voyeurismus? Eine Frage, die niemand beantworten kann. Nachtwey nicht, Frei nicht, Magazinmacher nicht.

In einem der stärksten Momente des Films sieht man drei Redakteure des stern. Sie stehen vor einer Wand, an der Nachtweys Schwarzweißbilder hängen. Sie sollen die Motive aussuchen, die ihren Weg ins Heft finden. Auszüge eines Gesprächs: "Du hast hier unglaublich viel Elend. Was schön ist, zum Ausklang der Strecke: dass einer durch die kaputten Straßen geht. Würde auch sehr gut passen."

»...Leichenberge? Ah ja, hier. Das sieht toll aus. Das würde ich mal vergrößern. Ein Superbild ist natürlich auch das hier.« Der Redakteur sagt's und hängt ein Bild an die Fotowand, auf dem ineinander verkeilte Leiber auf der Ladefläche eines Lasters zu sehen sind.

Irgendwann lässt Frei den Fotografen selbst erklären, weshalb die Welt seine Bilder braucht. Man nimmt ihm ab, dass er glaubt, Fotos seien mächtig genug, Kriege zu beenden - und ertappt ihn bei seiner Lebenslüge. Denn der Mann, der sich selbst ständig fragt, ob er »ein Vampir mit der Kamera« ist, einer, der sein Geld mit dem Leid anderer verdient - natürlich hält er das Grauen nicht nur fest, er ästhetisiert es auch.

Manchmal droht der Film zu kippen, Nachtwey ikonengleich zu stilisieren. Es kommt eine Chefredakteurin zu Wort, deren Augen immer noch leuchten, wenn sie von dem Mann erzählt, mit dem sie Anfang der 80er liiert war. Hier dreht sich der Film mehr um das charismatische Äußere des 54-jährigen Einzelgängers; ein blendend aussehender Aristokratentyp, den etwas Cary-Grant-Haftes umweht, wenn er einsam der Sonne entgegenstapft, dem nächsten Grauen auf der Spur.

Dennoch hat Frei einen großen Dokumentarfilm abgeliefert über die Entstehung und die Faszination von Bildern, vor denen man oft lieber die Augen verschließt. Er war dieses Jahr für den »Oscar« nominiert. Er hätte ihn verdient.

Oliver Link

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