HOME

Abschied: "Schön, dass es uns gab"

Dieter Hildebrandt nimmt Abschied vom Bildschirm. Nach über 20 Jahren "Schreibenwischer" will Dieter Hildebrandt in Zukunft schreiben und lesen.

Georg Schramm erschien mit einem Trauerflor auf der Bühne. Nicht wegen des bevorstehenden Abschieds von Dieter Hildebrandt. Nicht wegen des Abschieds vom "Scheibenwischer", dessen Finale am Mittwochabend im Tipi in Berlin generalgeprobt wurde. "Wegen Leni Riefenstahl", beruhigte er den erschrockenen Bruno Jonas, "der Führer hat sie zu sich genommen".

Dennoch schien ein Hauch von Melancholie über der ausverkauften Veranstaltung zu liegen. Wieder brachte es Schramm, der wohl den schwärzesten Humor der Post-Hildebrandt-Generation produziert, auf den Punkt: "Schön, dass es uns gab." Am Ende trug auch Konstantin Wecker, der an seinem Klavier für den emotionalen Teil des Abends zuständig war, dazu bei mit dem "Hildebrandt-Blues", in dem es heißt: "Er träumt den großen Traum - den vom...", und Hildebrandt ergänzte: "...Verstand". Ist diese Art der Satire vielleicht out? Das ausverkaufte Zelt sowie die stets gut besuchten Kabarett-Theater und die bei drei Millionen stabile Einschaltquote des "Scheibenwischers" sprechen dagegen.

In der ersten gemeinsamen Nummer des Abends zählte das Klassiker-Quartett aus Jonas, Hildebrandt, Schramm und Richard Rogler gemeinsam seine Erfolge auf ("Kein Atomkraftwerk ist ohne unsere Kritik ans Netz gegangen", betonte Rogler) und erwähnte unter anderem, dass es ohne die unermüdliche Unterwanderungsarbeit nicht einmal dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush möglich gewesen wäre, ausgerechnet die Deutschen als ein Volk von Pazifisten zu bezeichnen.

Hildebrandt for President

Rogler startete eine Eloge auf den 76-jährigen Hildebrandt: "Es ist es ein Unding, dass er vom Bildschirm verschwindet, denn ich brauche ihn noch. Ich muss ja noch ein paar Jahre ranklotzen. Wie soll ich mich in Zukunft ohne ihn ausweisen?" Alle Leute, die ihn träfen, würden nämlich immer fragen: "Sie sind doch der, der ab und zu mit dem Hildebrandt im Fernsehen auftritt?" Und überhaupt brauche die Jugend Vorbilder. Daher empfahl er Hildebrandt als Bundespräsidenten. Was allen vieren Gelegenheit gab, die derzeitige Personaldebatte massiv auf die Schippe zu nehmen. Nähme man den Fußball-Teamchef, so wäre mit Tante Käthe auch gleich das Problem gelöst, dass endlich mal eine Frau das höchste Amt bekleiden würde. Und übrigens, fragte Rogler: "Was ist der Unterschied zwischen Johannes Rau und Rudi Völler? Völler hat im Fernsehen eine bedeutende Rede gehalten."

Hildebrandt selbst lief zu voller Form auf bei der Analyse der Bayern-Wahl, deren Ergebnis laut Jonas möglicherweise anders ausgefallen wäre, wenn Schröder den Wählern am Samstag davor mit Rücktritt gedroht hätte. Hildebrandt meldete zunächst einmal den Freistaat als sozialdemokratenfrei. Für die wenigen noch frei herumlaufenden Exemplare sollte man vielleicht Reservate einrichten. Dann erzählte er die Geschichte des Allgäuer Orts Balderschwang, in dem ein einziger SPD-Wähler registriert sei. "Der ganze Ort sucht ihn." Der 91-Jährige, der bisher rot wählte, war es nach Angaben der katholischen Schwester, die ihm immer den Stift führt, nicht. Und weil sie es nicht rauskriegen, müssen die Balderschwanger auf Knien nach Wolfratshausen, dem Wohnort Edmund Stoibers, pilgern.

Die Melancholie hält sich in Grenzen

Was macht Hildebrandt nach 23 Jahren "Scheibenwischer"? "Ich schreibe, ich lese. Ich lese, was ich schreibe, und schreibe, was ich lese. Wollen mal sehen, wie lange es dauert, bis keiner mehr kommt, wenn ich ein Plakat aufhänge", sagte er in Interviews. Und weil er immer wieder sagt, es sei auch sein eigener Wunsch gewesen, mit der Fernsehsendung aufzuhören, hielt sich die Melancholie in Grenzen. Auf der Bühne im direkten Kontakt wirkt Kabarett allemal besser. Ohne Kameras fällt es auch dem Publikum leichter mitzumachen.

Den "Scheibenwischer" wird es weiter geben. Mit Bruno Jonas und Georg Schramm und Gästen aus der jüngeren Generation, wie der RBB mitteilt. Die erste von bislang zehn geplanten Sendungen läuft am 8. Januar 2004, 23.00 Uhr im Ersten. RBB und Bayerischer Rundfunk veranstalten die Sendung künftig gemeinsam. Das allein zeigt schon, wie politisches Kabarett und Wirklichkeit zusammenhängen. Der Bayerische Rundfunk klinkte sich in den 80er Jahren bei einer Scheibenwischer-Sendung aus politischen Gründen aus.

Thomas Rietig, AP