Berlinale 2007 Was Clint Eastwood nach Berlin lockte


In der nächsten Woche wird die 57. Berlinale eröffnet. Wie hoch ist der Promi-Faktor? Kommt Clooney? Was für Filme gibt es zu sehen - und wie schafft es das gemeine Volk in die Kinos? Festival-Chef Dieter Kosslick hat die Details verraten.
Von Florian Güßgen

Mindestlohn? Steinkohle? Steinmeier? Oder, o Graus, Gesundheitsreform! Sollen sie ruhig diskutieren, mit ernsten, staatstragenden Gesichtern, drüben im Reichstag. Hier, ein paar hundert Meter östlich, im Saal des Bundespresseamtes, geht es um Schöneres: Um Filme, um die Berlinale, die 57., um cineastische und kulinarische Köstlichkeiten. Diese Sujets sind für Gesundheit und Wohlbefinden deutlich besser als Mindestlohn, Steinkohle und Steinmeier. Anders ist nicht zu erklären, dass jene paar hundert Filmjournalisten, die zur Eröffnungs-Pressekonferenz der Berlinale gekommen sind, im Schnitt schlicht besser, entspannter, und, bien sûr, einen Tick modischer aussehen als jene Kollegen, die sich drüben den intellektuellen Herausforderungen der Kohle-Debatten stellen müssen.

Clooney kommt nicht

In der kommenden Woche, ab Donnerstag, ist es wieder soweit: Berlin wird für zwei Wochen zur Film-Hauptstadt. Eine Woche zuvor informiert nun der stets heiter-unterhaltsame Schwabe Dieter Kosslick locker-flockig über Highlights, Stars und Sternchen - und verbreitet den größtmöglichen Optimismus. Soviel vorweg: Probably-Sexiest-And-Political-Most-Correct-Man-Alive George Clooney, mit dessen Freundschaft Kosslick gerne kokettiert, kommt diesmal nicht. Aber der war ja auch schon im vergangenen Jahr da. Dafür kommen - freilich unter anderem und in loser Reihenfolge - Clint Eastwood, Lauren Bacall, Cate Blanchett, Emanuelle Béart, Matt Damon und, nicht zu vergessen, "Basic-Instinct"-Berühmtheit Sharon Stone. Die Stars präsentieren ihre Filme, als Regisseure oder Schauspieler, sitzen in Jurys - oder machen beides.

Vier Franzosen im "Wettbewerb"

Die Berlinale ist tatsächlich ein Riesenfest, dessen Organisationsstruktur man allerdings erst langsam begreifen muss, bevor man im Jargon der Profis mitreden kann. Der Witz ist, dass knapp 400 Filme in verschiedenen Kategorien, Sektionen genannt, gezeigt werden, etwa im "Wettbewerb", in der Sektion "Panorama", im "Forum", in der Sektion "Generation", die Kinder- und Jugendfilme zeigt, in der Sektion "Perspektive deutscher Film" oder der Sektion "Retrospektive."

Das Augenmerk der Presse richtet sich vor allem auf den Wettbewerb, denn hier geht es um die wichtigsten Trophäen dieses Festivals, die Goldenen und Silbernen Bären. Diese werden am letzten Festivalabend feierlich mit viel Tamtan verliehen. 26 vermeintlich große, vermeintlich wichtige Filme werden dieses Jahr gezeigt, wobei die Franzosen stark vertreten sind. Der Eröffnungsfilm ist "La Môme - la Vie en Rose", ein Film von Olivier Dahan über das Leben der Sängerin Edith Piaf, über ihren Weg aus dem Pariser Stadtviertel "Belleville" in die Konzertsäle New Yorks. Beendet wird der Wettbewerb mit "Angel" von Francois Ozon ("8 Frauen", "Swimming Pool"), in dem es um den Aufstieg und Fall eines jungen britischen Schriftstellers zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht. Zwischen diesen zwei Franzosen zeigt die Berlinale Steven Soderberghs "The Good German" mit Clooney als US-Journalisten im Nachkriegs-Berlin, der eine vertrackte Beziehung mit Cate Blanchett hat, die eine Deutsche spielt. Die Deutschen sind dieses Jahr mit "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky und mit "Yella" von Christian Petzold ("Gespenster") im Wettbewerb vertreten. Die siebenköpfige Wettbewerbs-Jury wird dieses Jahr von dem US-Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader, der vor allem dadurch bekannt wurde, dass er dereinst das Drehbuch für Martin Sorseses "Taxi Driver" schrieb. Sonst dürfte man von den Jury-Mitgliedern gemeinhin noch den Schauspieler Willem Dafoe und natürlich Mario Adorf kennen.

Das ganz Private und die Staatsparanoia

Richtig Spaß macht auf der Berlinale zumeist ohnehin weniger der "Wettbewerb." Interessanter, experimenteller, vielleicht auch radikaler sind die anderen Sektionen, das "Panorama", das "Forum", die "Perspektive Deutsches Kino"." Um so genannte "Home Affairs", also die kleinen, privaten Komödien, Dramen, die gerne aber auch das große Ganze widerspiegeln, geht es in diesem Jahr häufig. So zeigt etwa die "Perspektive Deutsches Kino" den Dokumentarfilm "Zirkus is nich" von Astrid Schult, in dem es um einen achtjährigen Jungen aus Berlin-Hellersdorf geht, der plötzlich die Rolle eines Familienoberhauptes übernehmen muss. Aber auch um das Thema "Staatsparanoia" geht es viel auf der diesjährigen Berlinale. "Was ist mit der Welt los, wenn die Weltmacht Nummer eins bis in den Kern paranoid ist", fragt Kosslick. So zeigt die Sektion "Panorama" etwa die CIA-Agentengeschichte "Fay Grim" von Hal Hartley mit Jeff Goldblum und Jasmin Tabatabai. Oder die Dokumentation "Lagerfeld Confidentiel" über den deutschen Modeschöpfer, oder "Interview" von Steve Buscemi, einen Film, in dem ein ausrangierter Politik-Journalist plötzlich einen Soap-Star interviewen muss. Und. Und. Und.

"Dieter, hör' nicht auf, mich zu drängen"

Um die Filme herum gibt's auch dieses Jahr wieder allerlei Film-Geschäfts-Nachwuchs-Unterhaltungs-Kunst-Schnickschnack, einen Talente-Campus, auf dem junge Regisseure von Profis wie Wim Wenders trainiert werden, allerlei kulinarisch-cineastischen Kombis und natürlich Partys, Partys, Partys. Damit der gemeine Filmliebhaber in diesem Jahr nicht zu kurz kommt, haben die Berlinale-Macher in diesem Jahr sogar noch ein weiteres Kino mit mehreren Sälen dazu gemietet, nämlich am Berliner Alexanderplatz. "Eigentlich müsste man da immer Karten kriegen", verspricht einer der Organisatoren.

Die meiste Aufmerksamkeit werden freilich, wie jedes Jahr, die Stars auf sich ziehen. Die Qualität der Berlinale wird auch an dem Promi-Faktor gemessen. Der ist dieses Jahr in Ordnung, allerdings nicht grandios. Clint Eastwood ist da fast schon die größte Nummer. Noch größer ist allerdings die Geschichte, die Kosslick davon erzählen kann, wie er Eastwood dazu gekriegt hat, nach Berlin zu reisen. In Los Angeles, in Hollywood, habe er Eastwood erst für seinen guten Freund "Chip" gehalten, berichtet er. Er sei auf ihn los gestürmt, mit der üblichen Verve. Und als er den Irrtum bemerkt habe, habe er die Gunst der Stunde genutzt und Eastwood eingeladen. Der habe zu ihm nur gesagt: "Dieter, hör' einfach nicht auf, mich zu drängen. Dann komme ich schon." Da haben sie alle gelacht, die fröhlichen Filmkritiker. Es ist eine schöne Welt, die Welt jenseits von Mindestlohn, Steinkohle und Steinmeier.


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