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Berlinale-Tagebuch: Die Stars waren da

Mit Kristin Scott Thomas und Joseph Fiennes kam einiger Glamour nach Berlin. Dafür konnte der Eröffnungsfilm nicht ganz überzeugen.

Die wichtigste Antwort zuerst: Ja, beide Stars waren gekommen! Beide schritten zur feierlichen Eröffnung der 55. Internationalen Filmfestspiele Berlin am Marlene-Dietrich-Platz über den roten Teppich. Winkten den Fans, lächelten, gaben Autogramme. Klingt banal, aber der Startschuss eines ausufernden Festivals mit fast 350 Filmen sollte schon ordentlich Krach machen. Damit ja alle herhören in den nächsten elf tollen Tagen. Und letztes Jahr, als zur Eröffnung "Cold Mountain" lief, sagten die Stars - Jude Law, Nicole Kidman, Renée Zellweger - allesamt kurzfristig ab. Viel Lärm um nichts.

Damit sich solch ein Fiasko nicht wiederholt, ging man diesmal auf Nummer Sicher. "Man to Man", ein historisches Naturforscher-Drama des Franzosen Régis Wargnier ("Indochina"), heißt der erste Film der Berlinale 2005. In den Hauptrollen Joseph Fiennes, der gerade als "Luther" zahlreiche Bibelkreise begeisterte, und Kristin Scott Thomas, die schon mit "Der englische Patient" Afrika-Erfahrungen sammelte. Denn dort beginnt auch "Man to Man", im grünen Urwald von Zentralafrika. Wir schreiben das Jahr 1870. Ein schottischer Anthropologe macht erfolgreich Jagd auf Pygmäen, weil er die kleinwüchsigen Schwarzen für das fehlende Bindeglied zwischen Affen und Menschen hält. Zurück in der Heimat werden die "primitiven Lebewesen" vermessen und untersucht, eingesperrt und betäubt. Laborratten der viktorianischen Gesellschaft.

Wer ist wild, wer zivilisiert?

Die Kollegen von der Tagespresse fanden den Film - gelinde gesagt - misslungen, ein "ödes Black Witch Project" schrieb beispielsweise der "Tagesspiegel". Und die "Frankfurter Allgemeine" brandmarkte Fiennes als "argen Langweiler". Man hatte sich ein flammendes Plädoyer gegen Rassismus erhofft und nur Ausstattung und Mummenschanz bekommen. Doch trotz kleiner Schwächen, vor allem das Ende wirkt seltsam unfertig und überhastet, gelingen Wargnier zwei unterhaltsame Kinostunden, die dem Zuschauer das Einordnen und Urteilen überlassen: Wer ist hier eigentlich wild und wer zivilisiert? Und stellt unter anderem den Schöpfungsmythos auf den Kopf: Wenn die Pygmäen wirklich zwischen Affe und Mensch stehen, dann waren auch Adam und Eva schwarz und klein. "Sie müssen die Sixtinische Kapelle übermalen", spöttelt einer der Wissenschaftler.

Afrikanische Laiendarsteller in der großen Stadt

Wargnier erzählt zudem in ausgewählten Bildern und mit epischem Atem. Viel mehr kann man von einem Eröffnungsfilm mit Staranwesenheits-Garantie wohl nicht verlangen. Und die standen bei der anschließenden Pressekonferenz selbst im Schatten der beiden exotischen afrikanischen Laiendarsteller. Lomama Boseki: "Für die Dreharbeiten musste ich zum ersten Mal den Wald verlassen und in die große Stadt. Ich war sehr aufgeregt. Aber nach einer Weile habe ich gemerkt, dass ich schon alles kann, was die in der Stadt können. Außerdem weiß ich jetzt, dass ich auch ein großer Schauspieler bin." Gelächter, Applaus. Seine Filmpartnerin Cecille Bayhiha auf die Frage, was sie davon hält, dass Eva schwarz sein könnte: "Kein Problem".

Richtig flachbrüstig wirkt dagegen der erste Langfilm der deutschen Regie-Hoffnung Florian Gallenberger. Mit seinem Kurzfilm "Quiero Ser" hatte der Münchner 2001 einen Oscar gewonnen, nun erzählt er die episch angelegte Lebensgeschichte eines Liebespaares, welches sich wegen widriger Umstände immer wieder aus den Augen verliert.

Gallenberger enttäuscht

Als Kinder müssen beide in einer Spinnerei buckeln und schließen Freundschaft. Doch als das Mädchen vom raffgierigen Besitzer an einen Zuhälter verkauft werden soll, springt der Junge mit seinem Ersparten ein. Sie flieht in die Stadt und landet doch im Freudenhaus. Erst Jahre später treffen sie sich zufällig wieder. Das Ganze, produziert von Helmut Dietl, spielt nicht im Ruhrpott, sondern in Kalkutta, Indien, souverän fotografiert vom renommierten Fassbinder-Kameramann Jürgen Jürges. Dennoch ist Gallenberger kaum mehr als eine solide Schnulze gelungen, die unter der pittoresken Oberfläche wenig zu bieten hat. Außer, dass sein männlicher Hauptdarsteller manchmal aussieht wie die indische Ausgabe von Johnny Depp. Für einen Eröffnungsfilm wäre das ein bisschen wenig.

Matthias Schmidt