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Berlinale-Tagebuch: Eastwood und der Krieg

Clint Eastwood und das schönste Filmpaar Diane Kruger und Joseph Fiennes beehrten die Berlinale. Doch das macht es auch nicht leichter: Alle Konflikte der Erde in einem Wochenende - Nazi-Deutschland, die brasilianische Militärdiktatur, Apartheid in Südafrika, der Krieg in Japan.

Von Kathrin Buchner

Berlin, das Babel der Neuzeit, Eldorado für Geschichtsfreaks, der Ort, der gleich mehreren Diktaturen als Hauptstadt diente. Kein Wunder, dass die Berlinale deswegen schon immer auch ein politisches Festival gewesen ist. Aber so geballt kam es selten: Eine verräterische Jüdin im Nachkriegsdeutschland bei "The Good German", der wie ein Mafia-Clan funktionierende CIA in "The Good Shepherd", Nazis, die Pfund- und Dollarnoten von KZ-Häftlingen herstellen lassen in "Die Fälscher", und ein verlassener Junge während der Militärdiktatur in Brasilien in "Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren".

Wäre es nicht ausgerechnet der Sonntagmorgen nach dem Eröffnungs-Partymarathon-Wochenende gewesen, hätte man sich fast den italienischen Film "In Memory of Myself" über die Pubertätswirren des jungen A. angesehen. Zur Abwechslung mal ein kleiner Psychokrieg im Individuum anstatt sämtliche Kriegsschauplätze der Menschheit.

Stattdessen aber "Goodbye Bafana". Apartheid in Südafrika. Auf einer wahren Geschichte beruhend, natürlich. Konventionell gedrehtes Biedermeier-Rührstück. Revolutionshelden Kaffeetisch-tauglich serviert. Joseph Fiennes spielt James Gregory, der 27 Jahre lang Nelson Mandela im Gefängnis bewacht hat. Ein Gutmensch mit Rückgrat, einem extrem ehrgeizigen Aus-dem-Ei-gepellt-Frauchen (Diane Kruger), für die nur strahlend weiß zählt, und zwei reizenden Kindern. Weil er mit eigenen Augen sehen will, ob die Schwarzen tatsächlich barbarische Absichten haben, klaut er den "Act of Freedom" aus der Bibliothek.

Geradezu anachronistisch mutet dieses heimliche Dokumentebeschaffen im letzten Jahrhundert an. Heutzutage - einmal kurz im Internet gegoogelt und zack - schon ist es da, das geheime Dokument. Dann hätte er auch nicht das Problem der zeternden Ehefrau, die ihm dabei heimlich folgt und ihm vorwirft, er habe nur Mandela im Kopf und nicht das Wohl und die Universitäts-Ausbildung der eigenen Sprösslinge. Bis sie Läuterung erfährt und selbst zur Apartheid-Gegnerin wird. Ein Zelluloidtraum in Milchschokolade.

Adolf Burger, 90, KZ-Überlebender und Antialkoholiker

Hätte er mal lieber zur Milch gegriffen: Blass und mit Augenringen hing August Diehl, 30, am frühen Nachmittag wie ein Schluck Wasser in der Kurve in der Lobby des Hilton am Gendarmenmarkt ab. Bis früh in den Morgen hatte der Schauspieler die Premiere von "Die Fälscher" gefeiert. Sollte sich ein Beispiel nehmen an Adolf Burger, 90, KZ-Überlebender, bekennender Workaholic und der letzte der echten Fälscher. Redet ohne Punkt und Komma. Sein Schönheitsrezept: keine Zigaretten und kein Tropfen Alkohol. So steht man den Interviewmarathon auch nach einer Partynacht lässig durch.

Sayonara, Mr Eastwood

Dass Arbeit fit hält, beweist auch der nächste Berlinale-Gast: Clint Eastwood, 76, rückt wieder mit historischem Stoff an. Der ist schwer, düster und sieht auch so auf der Leinwand aus: "Letters from Jima" ist der Gegenschuss zu "Flags of our Fathers" und erzählt, wie japanische Soldaten sich 1945 auf der gleichnamigen Pazifikinsel in Höhlen verstecken und gegen eine amerikanische Übermacht kämpfen. Die Pressekonferenz steht symbolisch für den Film: Vier Männer in grauen bis schwarzen Anzügen, die japanischen Hauptdarsteller und Meister Eastwood, wobei eigentlich nur letzterer redet. Von seiner lebenslangen Liebe zum japanischen Kino, seiner Begegnung mit Regisseur Akira Kurosawa in Cannes, von dem menschlichen Element im Bombenhagel und nicht vorhandenem Heldentum. Schon immer habe ihn die japanische Kultur fasziniert. Emotional sei sein Zugang gewesen, er fühle sich selbst als Japaner, Sprachschwierigkeiten habe es keine gegeben, man habe wunderbare Übersetzer gehabt.

Arigato, Clin Eastsawa und sayonara. Ein Fuchs ist er, während wir im Saal alle so tun, als ob wir des Japanischen mächtig wären. Denn kaum einer der anwesenden Journalisten, außer den Franzosen, die ja bekanntlich kein Englisch sprechen, hatte Kopfhörer auf. Die wenigen Antworten der fernöstlichen Hauptdarsteller waren somit der japanischen Presse exklusiv vorbehalten.

Der Baader-Meinhof-Komplex wartet schon

Und während wir in Berlin noch die japanische Niederlage verdauen, sorgt unser Mann in Hollywood unermüdlich für Nachschub: Bernd Eichinger hat in L.A. gerade Regisseur Uli Edel für die Verfilmung des Baader-Meinhof-Komplexes verpflichtet. Lassen Sie uns raten, Herr Eichinger, Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Franka Potente als Ulrike Meinhof und Nina Hoss als Gudrun Ensslin? Same procedure as every year... Der Stoff, aus dem die Berlinale ist, steht eben nicht in Liebesromanen, sondern in Tageszeitungen. Drücken wir die Daumen, dass er in Zukunft wenigstens nur noch aus Geschichtsbüchern stammt und keine neuen Konflikte dazu kommen.

  • Kathrin Buchner