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Berlinale-Tagebuch: Madame und die Liebe

Promis sind schon merkwürdig. Wenn man gerade glaubt, sie einigermaßen zu kennen, überraschen sie einen schon wieder. Diesmal die Deneuve. Beinahe allürenfrei, sehr redselig, altersweise und sogar fast pünktlich.

Auf bestimmte Dinge kann man sich bei der Berlinale einfach verlassen. Das Wetter ist alle Jahre wieder grottig: letztes Jahr Matschschnee, diesmal Dauerregen und Sturmböen. Und jedes Jahr gibt es Kritiker, die Filme niederknüppeln müssen, die alle mögen und an denen es nichts auszusetzen gibt. Dieses Jahr traf es den Film "Hotel Rwanda". Wahrscheinlich verspürten sie den unwiderstehlichen Drang, endlich mal wieder ihr Geschmackspolizistentum ausleben zu dürfen. Und jedes Jahr ändern einige der angekündigten Stars kurzfristig ihre Reisepläne oder geben auf einmal doch keine Interviews.

Bereits gestern wurde auch klar, dass man sich nicht mal mehr auf die vertrauten Allüren der Prominenz verlassen kann. Da gab sich Keanu Reeves einerseits den Medien gegenüber ungewohnt entspannt und redefreudig, brüskierte jedoch dann auf dem roten Teppich seine Fans, weil er bei dem schlechten Wetter keine Lust mehr aufs Autogrammschreiben hatte. Pfiffe. Normalerweise kriegt die Unlust eher die versammelte Journaille zu spüren.

Catherine Deneuve, ganz pünktlich und altersweise

Und heute die nächste Überraschung: Catherine Deneuve erschien fast pünktlich zu ihrer Pressekonferenz. Dabei hatten sich manche schon auf eine lange Wartezeit eingestellt, war die französische Diva doch vor drei Jahren für "Acht Frauen" eine dreiviertel Stunde zu spät eingetroffen und hatte sich dann erst mal in Ruhe ein Essen zubereiten und servieren lassen. Ich bin ein Star - hol euch der Teufel. Nein, Madame kam rechtzeitig, setzte sich, lächelte, entschuldigte ihren Co-Star Gérard Depardieu, der schon wieder einen neuen Film mit Bertrand Blier dreht, rauchte und mühte sich redlich, jede Frage ausführlich zu beantworten.

Ihr Film "Les temps qui changent" (Die sich ändernden Zeiten) kämpft im Wettbewerb um einen goldenen Bären und schildert unter der Regie von Altmeister André Téchiné, wie sich ein ehemaliges Liebespaar nach vielen Jahren in Marokko wiedertrifft. Sie (Deneuve) hat ihn längst vergessen und einen anderen geheiratet, doch er (Depardieu) will seine einzige große Liebe zurückerobern. Téchiné gelingen zwar einige wunderschöne Szenen, doch zu viele eingebaute Nebencharaktere ermüden einen irgendwann in seinem Film über endgültige und provisorische Gefühle. Da hören wir lieber bei der Pressekonferenz Deneuves Ansichten über die Liebe: "Die Liebe ist nicht das Wichtigste im Leben von Männern", sagt sie, altersweise. Oder: "Liebe dauert wie das Glück nicht ewig, sonst wäre sie ein Lebenszustand."

Ganz ohne Allüren geht's dann doch nicht

Ganz und gar nicht ermüdend dagegen der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag "One Day in Europe" von Hannes Stöhr. Wenn man bei dem Episodenwerk, das nacheinander in Moskau, Istanbul, Santiago de Compostela und Berlin spielt, eine Britin, einen schwäbelnden Türken, einen Ungarn und zwei französische Clowns auffährt, überhaupt noch von einem deutschen Beitrag sprechen kann... Stöhr untersucht darin, ob Europäer wirklich so unterschiedlich sind, wie man es am Abend eines extrem national aufgeladenen Champions-League-Finales zunächst denken könnte. Während das Fußballspiel läuft, werden an den vier Schauplätzen Touristen überfallen und beraubt (bzw. würden manche gerne beraubt werden - aus Versicherungsgründen). Die Polizei versucht zu helfen. Natürlich verrührt die Komödie alle denkbaren Klischees: Von der wodkaseligen Russin, dem rabiaten türkischen Polizisten ("So kommt ihr nie in die EU") über den liebestollen Spanier bis hin zu der fremdsprachgewandten deutschen Polizistin. Trotzdem ist Stöhrs Film, der am Ende der Pressevorstellung viel Beifall erntete, ein Euro-Pudding der schmackhaften Sorte. Mit cleverem Drehbuch und spielfreudiger Besetzung, die - wenn man von Florian Lukas ("Good-bye, Lenin") absieht - komplett ohne bekannte Namen auskommt.

Doch ganz ohne Allüren geht es am Ende doch nicht, wie ein Hotelwechsel mit Hintergedanken beweist. Die Berlinale-Jury, unter anderem Blockbuster-Garant Roland Emmerich, die schöne und daher meist halbnackt auftretende Chinesin Bai Ling und die wieder lolarote Franka Potente, wohnen dieses Jahr nicht wie üblich im Festivalhotel Hyatt, sondern im neuen, zwei Steinwürfe entfernten Ritz-Carlton. Kolportierter Grund: In den letzten Jahren habe es schon mal Beschwerden gegeben, weil der eine mehr Quadratmeter hatte als der andere. Ja, wo kommen wir denn da hin? Und im Ritz gäbe es eben sieben schöne Zimmer, alle gleich groß.

Ach ja - wo wohnt eigentlich die Deneuve?

Matthias Schmidt