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Brief nach Cannes-Eklat: Zuspruch aus Iran beschämt Lars von Trier

Nach seinem Rauswurf beim Filmfestival von Cannes hat der Regisseur Lars von Trier Zuspruch von der iranischen Regierung erhalten. Den will er aber gar nicht.

Von Sophie Albers

Es geht immer noch schlimmer. Nachdem sich Lars von Trier auf dem Filmfestival von Cannes in der Pressekonferenz zu seinem neuen Film "Melancholia" in wirre Nazi-Kommentare verrannt hatte und vom Bord der Direktoren zur unerwünschten Person erklärt worden war, muss er sich nun gegen unliebsame Fürsprecher wehren.

So meldet der iranische Nachrichtendienst Fars, dass der stellvertretende iranische Kulturminister für Film, Javad Shamaqdari, einen Brief an den Festivalpräsidenten Gilles Jacob geschrieben hat. Darin wirft er dem Festival vor, mit von Triers Rauswurf die eigene "Geschichte besudelt" und die Verteidigung der Redefreiheit zu einem "bedeutungslosen Spruch" gemacht zu haben.

Von Trier hatte sich nach der Pressekonferenz mehrfach entschuldigt und in Interviews betont, ein "Vollidiot" gewesen zu sein. Der Brief aus dem Iran, wo derzeit mehrere Filmemacher in Haft sind, weil sie angeblich die Protestbewegung unterstützt haben, hat den Dänen erneut aufgeschreckt.

Psychologische Kriegsführung

Am Dienstagabend gab der 55-Jährige eine öffentliche Stellungnahme ab, um sich von Shamaqdari zu distanzieren: "In Verbindung mit dem Brief des iranischen Vize-Kulturminsters Javad Shamaqdari an das Filmfestival von Cannes, der meine Abstemplung als persona non grata betrifft, fühle ich mich zu folgendem Kommentar bemüßigt: Ich bin der Meinung, dass die Redefreiheit, in jeder Form, Teil der menschlichen Grundrechte ist. Trotzdem waren meine Äußerungen während der Pressekonferenz unintelligent, uneindeutig und unnötig verletzend", schrieb von Trier.

Shamaqdari hat sich schon häufiger mit kulturpolitischen Äußerungen Gehör zu verschaffen versucht: So hatte er den Film "300" als Mittel der psychologischen Kriegsführung gegen sein Land bezeichnet, und Hollywood vorgeworfen, die iranische Kultur gezielt anzugreifen. Der berühmte iranische Regisseur Jafar Panahi, der in Teheran auf die Revision seines Urteils von sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot wartet, hatte einen Film nach Cannes schmuggeln können. Der zeigt ihn vor der Kamera und thematisiert eben jenes verzweifelte Warten. Panahi wird "Propaganda gegen das Regime" vorgeworfen.

Erneuter Erklärungsversuch

Von Trier nutzte seine erneute Stellungnahme auch, um seinen Ausfall auf der Pressekonferenz ein weiteres Mal zu erklären: "Meine Absicht war klar zu machen, dass das Potential für extreme Grausamkeit - oder auch das Gegenteil - in jedem menschlichen Wesen schlummert. Egal, welche Nationalität, Bevölkerungsgruppe, Rang oder Religion. Wenn wir historische Katastrophen nur mit der Grausamkeit von Individuen erklären, zerstören wir die Möglichkeit, menschliche Mechanismen zu verstehen, was aber nötig ist, um zukünftige Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern."