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Ellen DeGeneres moderiert Oscars: Amerikas Lieblingslesbe

Nach ihrem Coming Out Ende der Neunziger Jahre verlor sie ihre Sitcom, doch inzwischen ist Ellen DeGeneres die Queen des amerikanischen Nachmittagstalks. Nun moderiert sie zum zweiten Mal die Oscars.

Von Patrick Heidmann

Die Stelle des Oscar-Moderators wird jedes Jahr neu ausgeschrieben. Womöglich kann man sich bei der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences nicht ganz darauf einigen, welche Einstellungskriterien mitgebracht werden müssen, um live und mindestens drei Stunden durch die Verleihung des wichtigsten Filmpreises der Welt zu führen.

Mal versucht man es mit möglichst viel Prominenz (Hugh Jackman, Anne Hathaway). Mal mit Komikern (Chris Rock, Jon Stewart). Oder auch mit TV-Stars, die idealerweise schon ein Stammpublikum mitbringen und so die Quoten in die Höhe treiben (David Letterman, "Family Guy"-Macher Seth MacFarlane). Insofern macht es Sinn, dass am 2. März nun zum zweiten Mal Ellen DeGeneres den Job übernehmen darf. Denn die erfüllt gleich alle drei Kriterien.

Wohlfühlfernsehen am Nachmittag

In Deutschland mag der Name dieser Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, die am liebsten dunkle Hosen zu weißen Hemden und Pullundern trägt, den wenigsten etwas sagen. Doch in den USA ist DeGeneres so populär, dass in der Regel schon ihr Vorname reicht, damit jeder weiß, von wem die Rede ist. Seit 2003 moderiert sie werktags eine nachmittägliche, nach ihr benannte Talkshow, die auf fast 200 lokalen US-Sendern zu sehen ist.

Rund viereinhalb Millionen Amerikaner schalten jeden Tag ein, Tendenz seit Jahren kontinuierlich steigend. Klingt für amerikanische Verhältnisse erst einmal nicht nach viel, doch im frei empfangbaren Tagesprogramm gibt es nur zwei oder drei Sendungen, die bessere Quoten haben. Und seit Oprah Winfrey vor drei Jahren ihre Show aufgab, um sich um einen eigenen Sender zu kümmern, gilt DeGeneres als einzig legitime Nachfolgerin auf den Titel der Talkshow-Queen.

Mit dem, was man in Deutschland jahrelang als Nachmittagstalk kannte, hat die mit bislang 33 Emmy Awards bedachte "Ellen DeGeneres Show" nichts gemein. Statt prolligem Krawall mit Trash-Personal bietet die 56-jährige Wohlfühlfernsehen, schematisch angelehnt am Format der Stunden später laufenden Late-Night-Talkshows.

Am Anfang gibt's einen Monolog der Moderatorin, später kommen (meist prominente) Gäste zum Plaudern. Dazu kommen Spiele mit den Zuschauern, bei denen es meist jede Menge Sponsoren-Geschenke zu gewinnen gibt, und manchmal auch Haushaltstipps. YouTube-Fundstücke werden eingespielt und zu Beginn jeder Sendung tanzt sie - bewusst unbeholfen - durch das Publikum.

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Beiläufig statt zynisch

Es geht weniger rührselig und mütterlich zu als bei Oprah, aber hip ist etwas anderes. Den Tonfall der Sendung, in der schon mal verschuldete Familien mit einem neuen Auto überrascht werden, oder auch DeGeneres' Humor als brav und etwas betulich zu beschreiben, ist nicht wirklich falsch. Doch vermutlich würde sie, die Lieblingstante der Nation, selbst das nicht als Beleidigung verstehen.

Daran, dass im Nachmittagsprogramm vor allem die Hausfrauen der Nation angesprochen werden müssen, führt eben kein Weg vorbei. Zynismus hat entsprechend in der "Ellen DeGeneres Show" keinen Platz. Niedliche Hunde und Späße mit der versteckten Kamera dafür umso mehr. Wenn Justin Bieber sich daneben benimmt, lacht sie ihn nicht aus, sondern tweetet gute Wünsche.

Für die Oscar-Verleihung könnte das Talent der Moderation, sich den Regeln des Formats anzupassen, dabei Gold wert sein (zumindest wenn sie die Nervosität, die ihr bei ihrem ersten Auftritt 2007 deutlich anzumerken war). Wer zuletzt bei den Golden Globes Geschmack an bissigen Popkultur-Referenzen von Tina Fey oder Ricky Gervais fand, könnte ihren beiläufig-alltäglichen bis albernen Witz ein wenig zu harmlos finden.

Doch dass es ordentlich nach hinten losgehen kann, wenn die Gastgeber der deutlich gediegeneren Oscar-Verleihung der Veranstaltung zu sehr einen eigenen Stempel aufdrücken wollten, haben in den vergangenen Jahren James Franco oder auch MacFarlane nachdrücklich bewiesen.

Sitcom-Aus nach Coming Out

Es ist außerdem nicht so, dass DeGeneres nicht lautstark ihre Meinung kundtut. Für Tierschutz setzt sich die Veganerin in und jenseits ihrer Sendung immer wieder ein. Wer an der Gleichberechtigung der Frauen zweifelt, bekommt sein Fett weg. Und die Rechte von Schwulen und Lesben sind ihr eine persönliche Herzensangelegenheit. Ihr selbst hätte die eigene Homosexualität allerdings fast die Karriere gekostet.

Bereits einmal nämlich schien die Komikerin, die ihre Karriere auf Stand-up-Bühnen begann, ganz oben in Hollywood angekommen. In den Neunzigern erreichte schon ihre Sitcom "Ellen" ein Millionenpublikum und zog sogar Kino-Rollen ("Mr. Wrong - Der Traummann wird zum Alptraum") sowie einen Besteller nach sich.

Doch dann entschied sich DeGeneres 1997 zum Coming Out. Erst persönlich in Oprahs Talkshow und auf dem Cover des TIME Magazines, dann auch als Serienfigur auf dem Bildschirm. Amerika wusste damals – noch vor "Will & Grace", "Sex and the City" oder "Brokeback Mountain" – damit nicht umzugehen. Die Quoten sanken, ein Jahr später wurde die Serie eingestellt. Und DeGeneres verschwand, schwer getroffen, von der Bildfläche.

Werbemillionen trotz Homo-Ehe

"Den Homosexuellen war ich damals nicht homosexuell genug, den Heteros zu homosexuell", erinnerte sich DeGeneres kürzlich in der New York Times. "Es schien, als würde sich jeder nur über mich lustig machen. Ich war wie gelähmt und habe drei Jahre lang nicht gearbeitet."

Heute ist die berufliche Durststrecke nach dem privaten Befreiungsschlag nicht viel mehr als ein Schatten der Vergangenheit aus dem letzten Jahrtausend. Inzwischen scheffelt DeGeneres Millionen, nicht nur mit der bis mindestens 2017 verlängerten Talkshow, sondern auch dank zahlloser Werbeverträger für Kosmetik, Kaufhäuser und Kreditkarten. Und das aus der Provinz angereiste Publikum bricht täglich in Jubel aus, wenn sie aus dem Ehealltag mit der australischen Schauspielerin Portia de Rossi berichtet.

Insofern lässt sich DeGeneres' Auftritt bei der diesjährigen Oscar-Verleihung bis zu einem gewissen Grad auch als Ausdruck einer neuen Zeit verstehen, in denen selbst Sportler sich outen, Obama oder der Papst über gleichgeschlechtliche Liebe diskutieren und sich die Grammys in eine riesige Homo-Hochzeit verwandeln.

Wer bei der Moderatoren-Wahl der Academy Awards trotzdem mehr Wert auf einen Bezug zur Filmbranche legt, liegt bei Ellen DeGeneres dennoch richtig. Ihr erfolgreichster Film "Findet Nemo", an dem sie als Stimme des vergesslichen Doktorfisches Dory entscheidenden Anteil hatte, wurde schließlich 2004 mit dem Oscar ausgezeichnet. Und in der Fortsetzung "Findet Dory" übernimmt sie 2016 sogar die Titelrolle.

Patrick Heidmann