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Glamour...: ...spielt keine Hauptrolle

Das deutsche Kino feierte sich bei der Filmpreis-Verleihung. Zu Recht: Es wird immer besser. Großen Anteil daran hat eine neue Generation ebenso talentierter wie allürenarmer Schauspieler. Der stern stellt acht von ihnen vor.

Von Dirk Van Versendaal

Als Fußballer wäre ich groß rausgekommen und hätte jede Menge Geld verdient." Tja: hätte, wäre, könnte, und alles kann man sowieso nicht haben. Stipe Erceg entschied sich, als er mit 20 nach Berlin kam, gegen die Kickerkarriere und für die Schauspielschule. Was heute ein Glück ist, denn wer will ein Gesicht wie seines auf dem Platz sehen, wenn man es stattdessen auf der Leinwand bewundern kann?

Der 31-jährige Erceg gilt als eine der großen Hoffnungen des deutschen Films. Für sein Spiel in "Die fetten Jahre sind vorbei" feierte ihn das Filmfest München als besten männlichen Darsteller, für seinen bosnischen Kriegsverbrecher in "Yugotrip" gab's den Max Ophüls Preis. Doch gibt der gebürtige Kroate über seine Erfolge Auskunft, klingt das bescheiden, realistisch und ziemlich müde - das aber nur, weil seine beiden Kinder ihn nachts wach halten. Der Jüngste ist gerade drei Monate alt. Vielleicht wird man so unaufgeregt, wenn man nach der Schauspielschule an einem Off-Theater arbeitet, später kellnert, auf dem Bau jobbt und also mit der Maurerkelle beigebracht bekommt, dass das wahre Leben kein champagnerseliges ist. "Ich glaube, ich bin ein Arbeiter. Ich versuche, so aufrichtig und anständig wie möglich meine Arbeit zu machen", sagt Stipe Erceg. Und überhaupt: "Kein Grund, Rummel zu machen. Ich bin einer von vielen guten Leuten bei uns."

Stimmt genau. Deutschland hat nämlich neuerdings eine ganze Menge toller Filmschauspieler vorzuweisen: August Diehl und Fritzi Haberlandt, Daniel Brühl, Julia Jentsch - und das sind bloß die, die schon jeder kennt. Um sie herum tauchen neue Gesichter auf, die sich einprägen, es wächst eine Generation heran, deren Talente mühelos großartige Filme tragen. Zum Beispiel jene 20-Jährige, die, es ist tatsächlich wahr, vor fünf Jahren in einem Berliner Szenelokal entdeckt wurde und die später als blondes Luder im Selbstmorddrama "Was nützt die Liebe in Gedanken" begeisterte. Anna Maria Mühe, Tochter des Schauspielerpaares Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe, ist neben Filmsets und Bühnen groß geworden. Wer so aufwächst, dem geht jede hemmende Ehrfurcht vor dem Schauspielerberuf verloren. Und ein verklärter Blick auf die ehrsüchtige Branche obendrein: Mit Lob, sagt die Berlinerin, sei sie sehr vorsichtig. "Es kann auch schnell wieder bergab gehen. Man weiß ja nie, wie es kommt." Eine Glamour-Queen sagt so etwas nicht.

"Weiss ich nicht",

antwortet Sandra Hüller, wenn man sie nach ihren Stärken fragt. "Vielleicht meine Direktheit. Vielleicht, dass man den Bewegungen meiner Figuren folgt." Das ist grotesk bescheiden für jemanden, der als Kleists Käthchen oder Goethes Gretchen auf Theaterbühnen gefeiert wird und neulich für ein furioses Kinodebüt ("Requiem") mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde. Für den Deutschen Filmpreis ist sie nun nominiert, und manche meinen, sie habe ihn längst sicher. Und wie geht's weiter? Nach Hollywood? Nein, in den Thüringer Wald. Im Sommer wird Hüller ihr Engagement am Basler Theater beenden und sich eine längere Auszeit gönnen, dort wo sie 1978 geboren und aufgewachsen ist. Denn: "Ohne diese Ruhepause würde ich nicht mehr gut weiterarbeiten können." Ein taffer Karriereplan sieht anders aus.

"Ich habe immer pragmatisch auf meine Arbeit geblickt", sagt Devid Striesow, der inzwischen zu den meistbeschäftigten Darstellern des Landes gehört. Im Moment dreht er drei Filme gleichzeitig; zwischendurch greift er Hannelore Hoger in der ZDF-Krimireihe "Bella Block" unter die Arme, nebenbei tobt er auch noch über die Bühnen, dass die Kritiker jauchzen, "denn nur wenn man auch am Theater arbeitet, wird man besser".

Ran ans Handwerk, ran an den Text. Was die neue Generation von Schauspielern kennzeichnet, ist ein äußerst nüchterner Blick auf die eigene Arbeit. Da gibt es kein Gezicke, keine Allüren, keine Profilneurosen. Das Wort "Star" könne für einen Künstler Ballast sein, glaubt der von Rügen stammende Striesow. "Mir würde es wohl ein Stück Freiheit rauben."

Fast alle Hoffnungsträger des deutschen Kinos sind am Theater groß geworden. Sie haben gelernt, dass die Kunst vermutlich doch vom Können kommt, dass eine exzellente Ausbildung vor naiven Superstar-Träumen bewahrt. Sie wechseln anscheinend mühelos von renommierten Bühnen vor die Kamera und hüten sich, ihr Talent in gut bezahlten, aber peinlichen TV-Serien zu verhunzen. Wenn also nicht alles schief geht, wenn auch die Regisseure, Autoren und Produzenten nur halb so toll sind wie ihre Schauspieler, dann steht dem deutschen Kino eine große Zeit bevor. Traurig allein ist, dass wir auch in Zukunft wohl keine Filmdiven und Leinwandheroen mit Pomp und Partys feiern werden können - weil die, die dafür infrage kommen, von Glamour oder Selbstinszenierung nichts wissen wollen. Aber alles kann man ja sowieso nicht haben.

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